Eine Schule fürs Leben
21.02.2012 | 16:54 Uhr 2012-02-21T16:54:00+0100Gelsenkirchen. Schiedsrichter-Ausschuss-Vorsitzender Werner Schütte sorgt sich um den Nachwuchs. Hemmschwelle für Gewalt in den Stadien sinkt immer weiter.
Das Schiedsrichterwesen auch im Fußballkreis 12 kämpft alljährlich um Nachwuchs. Denn es ist schon lange nicht mehr so, dass ihnen die Bewerber hinterher laufen. In den letzten Jahren hat der Schiedsrichter-Bestand im Kreis um 15 Prozent abgenommen. Über die Gründe sowie über Pläne der Neu-Anwerbung sprach die Sportredaktion mit Werner Schütte (72), von 1972 bis 1986 selbst Erstliga- (15 Partien) und Zweitliga-Schiedsrichter (rund 140 Partien), danach Lehrwart beim DFB, inzwischen Vorsitzender des Kreis-Schiedsrichter-Ausschusses.
Herr Schütte, es ist nicht gerade so, dass Ihnen die Schiedsrichter-Anwärter die Bude einrennen. Ein Rückgang von 15 Prozent ist schon alarmierend, oder? Was sind die Gründe?
Schütte: Wir haben unseren Schiedsrichtern einen anonymen Fragebogen zukommen lassen. Das Fazit: Die Verunsicherung ist groß, weil viele von Trainern, Eltern und Zuschauern übelst beschimpft werden.
Also fehlt das Verständnis bei den Außenstehenden für die Rolle des Referees?
Absolut. Wenn 14-, 15-Jährige gerade ihre Prüfung hinter sich haben, müssen sie das Pfeifen doch erst noch lernen. Man gibt diesen jungen Menschen einfach nicht die Chance dazu. Wenn ich den Führerschein erwerbe, kann ich doch auch noch nicht Auto fahren.
Früher galt es als frivol, wenn jemand „Schiedsrichter, Telefon“ rief. Heute fliegen gleich die Fäuste. Eine bestürzende Entwicklung?
Die Hemmschwelle sinkt immer tiefer, aber dies hat mit dem Schiedsrichterwesen überhaupt nichts zu tun, es ist doch allgemein ein gesellschaftliches Problem, das vor den Plätzen nicht Halt macht.
Dies ist also der Hauptgrund für den Schwund?
Dieser, und es gibt noch einen zweiten: Früher haben sich die Schiedsrichter ausschließlich ihrem Hobby gewidmet, heute sagen sie: ich habe auch noch andere Hobbies.
Wie wollen sie denn der Gewalt auf den Plätzen Herr werden? Sie haben doch sicherlich schon nach Lösungen gesucht, oder?
Und ob! Wir haben im letzten Jahr einen Profi engagiert, einen Deeskalations-Fachmann. An drei Abenden haben wir mit 61 Vereinsvertretern zusammengesessen. Ergebnis: Wir müssen die Vereine mit in die Verantwortung nehmen.
Wem kommt dabei die entscheidende Rolle zu?
Der Trainer hat hierbei eine Vorbildfunktion – im positiven wie im negativen Sinne. Wenn der am Rande nicht rumspringt und sich aufführt wie ein Verrückter, verhalten sich seine Spieler auch anders. Aber ansonsten haben wir nur einen begrenzten Einfluss, einen positiven Effekt können wir noch nicht verzeichnen.
Bei der Nachwuchs-Gewinnung setzen sie immer mehr auf die Schulen.
Richtig, die Schulämter ziehen da prima mit. Bei den Anwärtern sind mittlerweile die Hälfte aus den Schulen, zwei Drittel bleiben am Ende übrig.
Können Sie einem jungen Menschen bei den Vorfällen noch empfehlen, dieses Hobby zu ergreifen?
Auf jeden Fall! Ich möchte da durchaus für mich sprechen: Das Schiedsrichterwesen hat mir auch für den Beruf geholfen. Man lernt, mit verschiedenen Typen umzugehen, als Schiedsrichter trage ich Verantwortung und lerne, mich vor bis zu 50 000 Zuschauern unter Kontrolle zu haben.Eine Schule fürs Leben!
Für manche ja auch eine Berufswahl, 3400 Euro pro Bundesligapartie sind ja kein Pappenstiel, davon kann man durchaus seinen Unterhalt bestreiten.
Wer so denkt, sollte sich nicht darauf verlassen. Wir haben 80 000 Schiedsrichter in Deutschland, davon pfeifen 21 in der Bundesliga, 22 in der Zweiten Liga. Daran erkennt man schon das Nadelöhr.
Fifa-Präsident Sepp Blatter fordert ja sogar den Profi-Schiedsrichter. Was halten Sie davon?
Überhaupt nichts. Warum soll der mehr sehen? Weil der mehr Geld bekommt? Nein, mit einem Profi-Schiedsrichter würde überhaupt nichts besser. Was ist, wenn ich dem Druck nicht gewachsen bin? Unsere Schiedsrichter sind mitunter gestandene Ärzte oder Anwälte. Sollen die ihre Praxis bzw. Kanzlei aufgeben?
Dennoch wird die Professionalisierung voranschreiten. Welche technischen Hilfsmittel fänden Sie denn sinnvoll?
Wo fangen wir an, beim Eckball? Nein, grundsätzlich halte ich nichts davon. Mit einer Ausnahme: Wenn die Technik der Torkamera ausgereift und absolut sicher ist, bin ich dafür. Ansonsten sollte man alles so belassen. Es ist nun mal so: Wenn Spieler einen Fehler machen, ist das nach zwei Minuten vergessen. Machen Schiedsrichter einen, ist das die ganze Woche über Gesprächsstoff.
Worüber sollten wir uns sonst auf der Arbeit auch streiten?
Eben!
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