„Die Belastung ist an eine Grenze gekommen“

Gelsenkirchen..  Die Bundesliga hat so viele verletzte Spieler wie nie, bei Bayern München trat Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt nach versteckten Vorwürfen sogar zurück. Wie läuft es auf Schalke? Dr. Thorsten Rarreck, bis Oktober der S04-Doc, gibt im Interview Einblicke.

Dr. Rarreck, gibt es auf Schalke auch bayerische Verhältnisse wie in München, wo der Vereinsarzt für die Niederlage im Hinspiel gegen Porto verantwortlich gemacht wurde?

Thorsten Rarreck: Solange der Verein den erwarteten Tabellenplatz belegt, spielen die Verletzungspausen keine größere Rolle. Unter Druck stehen Arzt und Physiotherapeuten aber dann, wenn es sportlich nicht läuft und bestimmte Schlüsselspieler ausfallen. Dann wird von der Vereinsführung nachgefragt: Warum dauert das bei diesem oder jenem Spieler so lange? Und wenn auf der Liste zehn verletzte Spieler stehen, kann das schon mal ziemlich stressig werden.

Kommen dann von der Vereinsführung auch Vorwürfe?

Ich habe das definitiv nicht erlebt auf Schalke – das hätte ich mir mit Sicherheit auch verbeten, wenn vom Sportvorstand oder vom Trainer Vorwürfe erhoben worden wären. Insofern gibt es hier keine bayerischen Verhältnisse.

Hat Sie der Rückzug Ihres Kollegen Müller-Wohlfahrt überrascht?

Nein. Schon vor über einem halben Jahr hatte ich mit ihm ein Gespräch über genau dieses Thema. Schon damals habe ich ihm gesagt, dass ich absolutes Verständnis für ihn hätte, wenn er sofort die Brocken hinschmeißen würde. „Mul” ist einer meiner medizinischen Ziehväter, es ist fast 20 Jahre her, als mich Olaf Thon zum ersten Mal zu ihm mitgenommen hat. Die Sportmedizin hat ihm extrem viel zu verdanken. Wenn man sich mit dieser immensen Erfahrung solche Vorwürfe, ausgesprochen oder nicht ausgesprochen, gefallen lassen muss, dann ist das seiner Person unwürdig.

Also hat sich Müller-Wohlfahrt schon länger mit diesem Schritt beschäftigt?

Zwangsläufig schon beim Fall des damals verletzten Thiago. Wenn da gefordert wird, dass bestimmte Spritzen gesetzt werden oder der Behandlungsplan verworfen wird, dann ist das aus meiner Sicht sogar berufsrechtlich problematisch.

Üben manche Vereine in der Bundesliga Druck aus, um Spieler schneller wieder fit zu bekommen?

Der Aufsichtsrat drückt auf den Sportvorstand, der drückt auf den Trainer und der auf die medizinische Abteilung. Das ist bei jedem Verein so - es sei denn, man hat keine Verletzungen. Aber das ist ja bei keinem Verein mehr der Fall.

Woher kommt diese Häufung?

Der Grund liegt darin, dass sich das Spiel verändert hat und schneller geworden ist. Die Spieler laufen zwei bis drei Kilometer mehr pro Spiel als früher. Die Gelenke werden durch Richtungswechsel und Stauchbewegungen deutlich mehr belastet, als das noch vor 15 Jahren der Fall war. Und durch die taktische Ausrichtung wird von jedem Spieler mehr gefordert: Es gibt ja heute keinen Menschen mehr auf dem Platz, der einfach stehen bleibt, bis der Ball zu ihm kommt. Hinzu kommen Einflüsse von außen.

Welche konkret?

Etwa die mediale Präsenz: Wenn man seine Bewertung eine halbe Stunde nach dem Spiel im Internet lesen kann, ist so auch der psychische Druck größer geworden. Körper, Geist und Seele sind immens mehr belastet als früher. Die Belastung des Fußballs ist an eine Grenze gekommen. Auch die Anzahl der Spiele hat zugenommen: Spitzenspieler machen zehn bis 15 Spiele mehr in der Saison als früher.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Der Spieler kann da nur einigermaßen verletzungsfrei bleiben, wenn die Prävention perfekt funktioniert. Wenn vorliegende Konzepte konsequent umgesetzt werden, ist bei einem Spitzenverein ein Potenzial von 25 bis 30 Prozent weniger Verletzungen möglich. Meines Erachtens wird das nur erreicht mit dem, was Jupp Heynckes schon vor Jahren gefordert hat: Mit einem Ganztagesjob als Fußballer von halb neun morgens bis halb fünf abends. Die Zeit nutze ich für Regeneration, Beratung, individuelles Training.

Wie geht man als Arzt damit um, dass Spieler fit gemacht werden sollen, obwohl das medizinisch vielleicht in manchen Fällen nicht zu verantworten ist?

Jeder hat es schon erlebt, dass man vor einem entscheidenden Spiel eine Injektion mit einer zugelassenen Substanz setzt. Oder dass man ein Schmerzmittel anwendet, das die Symptome unterdrückt, aber keine Folgeschäden verursacht.

Das ist medizinisch vertretbar?

Es wird gemacht. Bei mir kommt hinzu: Ich bin zwar Orthopäde, aber auch Naturheilkundler. Und deswegen widerspricht es eigentlich meiner Medizinethik, wenn Symptome unterdrückt werden und dadurch die Gefahr steigt, dass sich Verletzungen summieren und in der Folge größere Schäden entstehen. Das ist auch mit der Hauptgrund, warum sich sage, dass für mich dieser Job absolut uninteressant geworden ist. Es sei denn, die Verhältnisse würden sich so ändern, dass die Prävention perfektioniert wird.