Die Amateure zahlen die Zeche

Mit einer plakativen Kampagne wirbt der DFB für seine Amateure. Die fühlen sich aber dennoch im Stich gelassen.
Mit einer plakativen Kampagne wirbt der DFB für seine Amateure. Die fühlen sich aber dennoch im Stich gelassen.
Foto: Martin Möller

Gelsenkirchen..  Der englische Fußball hat seine finanzielle Vormachtstellung auf Jahre ausgebaut. Die Vereine der Premier League kassieren in den kommenden drei Jahren rund 9,5 Milliarden Euro aus der TV-Vermarktung. Das setzt auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) unter Druck. Deren Chef Christian Seifert kündigt an: „Wir sind mit Blick auf unseren neuen TV-Vertrag bereit, notfalls auch unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen.“ Ein Mittel ist eine Ausweitung des Bundesliga-Spielplans mit weiteren attraktiven Übertragungszeiten. Darunter leiden wird der Amateurfußball, darin sind sich Trainer, Spieler, Vorsitzende und Funktionäre einig. Doch auf die Barrikaden geht niemand, die Amateure reagieren mit Resignation.

Entwicklung absehbar

Vor sechs Jahren stand Norbert Bauer zusammen mit anderen an der Spitze einer Protestbewegung. Der Vorsitzende des Bezirksligisten SSV Buer machte damals vehement gegen die Einführung der Sonntagsspiele in der Bundesliga mobil. Der erste Spieltag in den Amateurligen wurde bestreikt, bundesweit berichteten die Medien. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ludt Bauer und andere Mitstreiter zu klärenden Gesprächen in seine Zentrale nach Frankfurt ein. Heute ist das Norbert Bauer fast schon peinlich: „Das Herzblut von damals könnte ich heute nicht mehr aufbringen. Die haben uns damals nur verarscht. Unsere Sorgen interessierten den DFB einen feuchten Kehricht“, sagt der 65-Jährige und ergänzt mit Blick auf die anstehenden Neuerungen im deutschen Fußball: „Das haben wir schon damals prophezeit, dass von morgens bis abends Bundesligaspiele stattfinden werden.“ Bauer gibt sich keiner Illusion hin. Die Entwicklung werde sich nicht aufhalten lassen. Als Vereinschef begegnet er den Dingen mit blankem Pragmatismus: „Wenn Schalke sonntags ein Heimspiel in der Arena hat, bleibt der Grill auf unserer Sportanlage aus. Dann kommt eh keiner.“

Rüdiger Kürschners bereitet die mediale Omnipräsenz der Bundesliga ganz andere Sorgen. Der Trainer des A-Kreisligisten Erler SV 08 muss nach flexiblen Lösungen suchen, um den Spiel- und Trainingsbetrieb seiner Mannschaft aufrecht zu erhalten: „Früher habe ich mich fürchterlich aufgeregt, wenn der Sport bei meinen Spielern nicht im Mittelpunkt stand. Heute ist das anders. Dann endet das Training halt früher, wenn Schalke in der Champions League spielt. Wir machen dann nur ein wenig Taktik und ein paar Standards.“ Ein notwendiges Zugeständnis: „Wenn ich auf Konfrontation mit meinen Spielern gehe, stehen nur noch sechs oder sieben Mann auf dem Platz“, sagt der 66-Jährige.

Der Einfluss schwindet

Für Simon Talarek ist das undenkbar. Der 29-Jährige durchlief unter Norbert Elgert die hohe Jugendfußballschule beim FC Schalke 04. Kompromisse an die Bundesliga-Übertragungen im Fernsehen kommen für ihn nicht in Frage. „Ich sag das Training nicht mal ab, wenn ich Geburtstag habe“, sagt der Kapitän des Verbandsligisten SV Horst 08. Durch die Aushöhlung des Amateurfußballs sieht Talarek ganz andere Dinge gefährdet: „Im Fußball zählen Zuverlässigkeit, Teamgeist, Ehrgeiz und Fairplay. Ob der Einfluss der Vereine auf junge Menschen aber auch in Zukunft noch so groß sein wird, glaube ich nicht. Ich fürchte, dass die Disziplin im Amateurfußball immer mehr schwindet.“

In der ersten Reihe der Bedenkenträger steht auch Gerd Eschenröder. Der stellvertretende Vorsitzende des Fußballkreises 12 für Gelsenkirchen, Gladbeck und Kirchhellen, erlebt den Verfall des Amateurfußballs nicht nur in seinem Heimatverein ETuS Gelsenkirchen: „Wir haben schon viel mitgemacht nach der Einführung der Sonntagsspiele in der Bundesliga. Da verlassen Zuschauer schon während unserer Heimspiele den Sportplatz, weil Schalke gleich anfängt. Bei uns ist nichts mehr los.“ Eine Lösung des Problems sieht auch Eschenröder nicht: „Ich würde mir wünschen, dass der DFB der DFL mal so richtig die Stirn bietet. Denn allein mit Werbekampagnen für die Amateure ist uns nicht geholfen.“ Als Eschenröder vor gut 20 Jahren damit begann, sich für den Fußballkreis 12 zu engagieren, hatte der noch 80 Vereine. Heute sind es nur noch 58. Und das nächste Opfer einer bedenklichen Entwicklung steht bereits fest: die DJK Alemannia Gladbeck hat ihre bevorstehende Auflösung verkündet.