Der gute Geist der Schiedsrichter auf Schalke

Manfred Wichmann (links im Vordergrund) ist Schiedsrichter-Betreuer auf Schalke. Hier begrüßt er Peter Gagelmann (neben ihm).
Manfred Wichmann (links im Vordergrund) ist Schiedsrichter-Betreuer auf Schalke. Hier begrüßt er Peter Gagelmann (neben ihm).
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Manfred Wichmann (77) ist seit fast 34 Jahren der Schiedsrichter-Betreuer auf Schalke. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Gelsenkirchen..  Die Begrüßung fällt wie unter alten Freunden aus, man ist selbstverständlich per Du. „Wir kennen uns ja schon seit über 20 Jahren“, sagt Peter Gagelmann. 1994 wurde der Bremer zum DFB-Schiedsrichter ernannt, genauso lange hat er es dabei schon mit Manfred Wichmann zu tun. Der ist sogar noch länger dabei: Seit fast 34 Jahren ist Wichmann bei den Schalker Bundesliga-Heimspielen der Schiedsrichter-Betreuer. Und ans Aufhören denkt der 77-Jährige, der früher selbst in der Bundesliga gepfiffen hat, noch lange nicht.

Schiedsrichter-Betreuer? Das hört sich erstmal gemütlich an. Aber Wichmann hat quasi sein ganzes Leben in den Dienst der Pfeife gestellt. Und als ihn der mittlerweile verstorbene Herbert Burdenski 1981 gefragt hat, ob er nach seiner aktiven Karriere nicht als Betreuer auf Schalke weitermachen wollte, da konnte einer wie er natürlich nicht nein sagen.

Seither hat Wichmann bei jedem Schalker Bundesliga-Heimspiel das gleiche Programm. Gut drei Stunden vor dem Anpfiff wird er zu Hause abgeholt. Weiter geht’s zum Hotel der Unparteiischen – früher das Maritim in Gelsenkirchen, heute das Sheraton in Essen. Dort ist so rechtzeitig Abfahrt, damit das Schiedsrichter-Gespann 90 Minuten vor dem Anpfiff in der Arena ist. Wichmann führt seine Kollegen zur Kabine, besorgt den Spielbericht und fragt, ob er hier oder da noch helfen kann. Das Spiel kann er sich dann in aller Ruhe ansehen – nach dem Abpfiff bringt er das Gespann zum Auto. Und wenn die Unparteiischen bei Abendspielen hier übernachten, ist Wichmann beim Abendessen auch dabei.

Nur zwei Spiele hat er verpasst

Früher ging die Betreuung sogar schon am Abend vor dem Spiel los, aber das wurde in der Bundesliga abgeschafft. Es gab ja immer wieder Geschichten, dass die Abendbegleitung auch mal so gestaltet wurde, damit die Schiedsrichter dem gastgebenden Verein beim Spiel am nächsten Tag wohl gesonnen sind. „Dummes Zeug“, sagt Wichmann dazu. Und damit auch gar kein Verdacht hängen bleibt, wurden auch die einst üblichen Gastgeschenke abgeschafft – vom Fitnessgerät bis zum Jagdgewehr. Schließlich verdienen die Schiedsrichter in der Bundesliga heute auch richtiges Geld. Wichmann dagegen bekommt für seine Betreuer-Tätigkeit nichts – „nicht einen Pfennig verdiene ich dabei.“

Zumindest nicht in der Bundesliga – in der Champions League, wo er diesen Job auch erledigt, gibt’s eine kleine Entschädigung für den Aufwand. Aber der Gelsenkirchener macht das aus Spaß an der Freud’. Außerdem zeigt sich Schalke immer wieder mal erkenntlich und nimmt ihn ab und an zu den Auswärtsspielen im Europapokal mit: Krakau, Palermo, Mailand, Valencia – man kommt rum.

Natürlich, die Frage liegt nahe, ob Wichmann als Junge des Gelsenkirchener Fußballs da auch Schalke-Fan sein darf – oder ob die Betreuer-Tätigkeit Neutralität verlangt? „Schalke-Anhänger bin ich schon“, lacht er, aber das lässt er sich während des Spiels nicht anmerken. Auch bei Fehlentscheidungen gegen die Königsblauen nicht. „Ich reagiere dann überhaupt nicht“, sagt Wichmann. Schließlich sitzt er in der Champions League auf der Tribüne sogar neben dem Schiedsrichter-Beobachter. „Der würde sich dann schon fragen: Was ist das denn für einer?“ Zumindest nach außen muss Neutralität sein.

Ganze zwei Schalker Heimspiele hat Manni Wichmann verpasst, seit er vor 34 Jahren diese Aufgabe übernommen hat: Das Abschiedsspiel von Raúl und in dieser Saison die Partie gegen Frankfurt – ansonsten war er immer dabei. Manches musste im Leben zurückstehen, auch die Familie, zumal er früher ja selbst als Schiedsrichter viel unterwegs war. „Damals haben meine Kinder zu mir gesagt: Papa, du hast uns doch gar nicht erzogen, du warst ja nie zu Hause“, erzählt er: „Aber trotzdem ist aus meinen Kindern etwas geworden.“

Darauf kann er stolz sein, wie auf sein Lebenswerk. 77 Jahre ist er alt, fast 60 davon hat er auch mit der Schiedsrichterei verbracht. Und solange ihn Schalke als Betreuer haben will, wird er auch noch weitermachen. Manni Wichmann lacht: „Der Blatter lässt sich ja auch noch mal wählen. Und ich habe einen besseren Leumund als er.“

Kein Zweifel. Auch Peter Gagelmann kann das sicher bestätigen.