Auf einer Stufe mit Beckenbauer

Gelsenkirchen..  Die letzte Anekdote über diesen großartigen Fußballspieler ist sicher die bizarrste. Zu seiner Beerdigung auf dem Gelsenkirchener Friedhof Rosenhügel vor 25 Jahren am 6. Januar 1990 kommt der Vereinspräsident zu spät und lässt Trauerzug und Kranzniederlegung für ein Foto nachstellen. Denn natürlich will auch Günter Eichberg dem vielleicht größten Schalker seine Referenz erweisen: Ernst Kuzorra.

Dessen Leben und Karriere sind reich an Histörchen, die zum Schmunzeln Anlass geben, und dazu hat er mit seinem trockenen Humor auch gerne selbst beigetragen. Eine gute Pointe hat Kuzorra noch seltener ausgelassen als eine Torchance. Helmut Schön, mit dem Dresdner SC einst sein Gegenspieler und später Bundestrainer, hielt ihn für den „größten Fußballer seiner Zeit. Er ist sicher auf eine Stufe zu stellen mit Fritz Walter oder Franz Beckenbauer.“

Nur ist Ernst Kuzorra viel forscher aufgetreten als diese beiden. Legendär ist sein Satz zur ersten Schalker Meisterschaft. Im Finale 1934 spielt er trotz eines Leistenbruchs und bricht gleich nach dem Ende ohnmächtig zusammen, doch vorher hat er in der Schlussminute noch das entscheidende 2:1 geschossen. Seine kurze Erklärung: „Ich wusste nicht, wohin mit dem Ball, da hab’ ich ihn einfach reingewichst.“

Die alten Bilder dokumentieren allerdings, dass er zum Grübeln gar keine Zeit hatte. Es war ein sehr flotter Spielzug durch die Mitte, von Kuzorra aus 15 Metern mit einem platzierten Linksschuss abgeschlossen, flach ins rechte Eck.

Er war der uneingeschränkte Chef

So war er: verschmitzt, ideenreich und immer auf dem geraden Weg, ob nun zum Tor oder sonst im Leben. Geredet hat der Sohn eines Bergmannes und einer Hausfrau aus Schlesien gerne, immer mit dem Schalk im Nacken. Zu seinem Engagement auf der Zeche Consolidation sagte er: „Mit den Kohlen, die ich gehauen habe, hätte ich noch nicht einmal einen Kessel Wasser heiß gekriegt.“ Die stillschweigende Abmachung unter den Kumpels besagte, dass sie für Kuzorra die Kohlen rausholen, er dafür die Punkte auf dem Platz.

Als sehr dominant beschreiben ihn alle, die ihn kannten. Ob Aufstellung, Taktik oder Geld – der Kurs wird von dem Mann vorgegeben, nach dem heute in Gelsenkirchen ein Platz und die Straße an der Arena benannt sind. Es ranken sich viele Legenden um das Verhältnis zwischen den Trainern und dem Kapitän, der sich selbst später gern als den uneingeschränkten Chef von Schalke dargestellt hat: „Wir hatten immer einen Trainer, aber die Aufstellung habe ich gemacht. Nach drei Jahren wurde gewechselt. Manche haben gebettelt: Ernst, lass mich noch ein Jahr, doch ich habe gesagt: Nix da!“

Die „drei“ Jahre von Meistertrainer Bumbas Schmidt währten übrigens von 1933 bis 1938. Kuzorra, der nur zwölf Länderspiele machte, weil er Reichstrainer Professor Nerz mal mit dem Zitat aus Goethes „Götz von Berlichingen“ belegte, wurde später die graue Eminenz von Schalke und hatte auch da immer einen Spruch parat. Als der letzte Meistertrainer, der Österreicher Edi Frühwirth, im Jahr nach dem Titel von 1958 gehen musste, sagte Kuzorra: „Wir haben jetzt genug Wieder Schnitzel gefressen.“

Auf die Frage des schwedischen Königs Gustav Adolf, wo denn dieses berühmte Schalke liege, antwortete er knapp: „Anne Grenzstraße, Majestät!“

Vor 25 Jahren, am Neujahrstag 1990, starb Kuzorra im Alter von 84 Jahren in Gelsenkirchen. Zu seiner Beerdigung schickte selbst Boxidol Max Schmeling einen Kranz und der Ruhrbischof Franz Hengsbach würdigte Ernst Kuzorra als „bodenständig, ehrlich, knorrig, verlässlich und für viele junge Fußballspieler ein gutes Beispiel“.