Gelsenkirchen

30 Jahre Sanitäter - Jetzt hat Schröer ein "Schalke-Zimmer"

Wilhelm Schröer hat sich in seiner Wohnung in Erle ein „Schalke-Zimmer“ eingerichtet. Standesgemäß ist alles in den Farben blau und weiß.
Wilhelm Schröer hat sich in seiner Wohnung in Erle ein „Schalke-Zimmer“ eingerichtet. Standesgemäß ist alles in den Farben blau und weiß.
Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Wilhelm Schröer war über 30 Jahre Sanitäter bei den Schalker Heimspielen. Der Erler hat so manchen Spieler leiden sehen. Dennoch gefiel ihm sein Job.

Gelsenkirchen. Das Zimmer von Wilhelm Schröer in seiner Wohnung in Erle könnte auch eine Zweigstelle des Schalker Museums sein. Alles ist blau und weiß, sogar die Eckcouch. Plakate hängen an der Wand neben Wimpeln, Autogramm-Fußbälle liegen im Regal. Auf einem großen Fernseher läuft am Dienstagmorgen die Videokassette „85 Jahre Schalke.“ Um kurz nach halb zehn am Morgen: die schönsten Tore von Klaus Fischer.

Bis 2001 im Parkstadion im Einsatz

„Ich bin auf Kohle geboren“, sagt der heute 75-Jährige, der eine besondere Beziehung zum FC Schalke 04 hat, hier eine tragende Rolle spielte, könnte man sagen. Über 30 Jahre war er bei den Heimspielen Mitglied der Sanitäter-Truppe des Deutschen Roten Kreuzes, später sogar viele Jahre Wachführer im Innenraum. Zunächst war er Sanitäter in der Glückauf-Kampfbahn, von 1974 bis 2001 dann im Parkstadion. Als die Königsblauen in die Arena umzogen, verzichtete der Gelsenkirchener auf den Dienst im Innenraum und kümmerte sich fortan um Tribünengäste, die Hilfeleistungen benötigten. „Jüngere vor. Irgendwann musste mal Schluss mit der Rennerei sein“, sagt Schröer und lacht. Endgültig Schluss machte er aber erst nach der Weltmeisterschaft 2006, nach dem Viertelfinale England gegen Portugal.

Zu Hause auf seinem Tisch liegt ein dicker Ordner, natürlich in blau und weiß. Hier hat der ehemalige Sanitäter viele Dokumente abgeheftet. Seine Akkreditierungen beispielsweise: die von der Weltmeisterschaft 1974 klebt über der von der WM 2006, daneben ist noch die von der Europameisterschaft 1988. Überwiegend sind aber Fotos und alte Zeitungsartikel eingeklebt. „Eine schöne Zeit. Manchmal stressig, aber es ist eben ein gutes Gefühl, wenn man helfen kann. Auch heute noch“, sagt der gelernte Kraftfahrer, der so einige Anekdoten erzählen kann. Seine Devise lautete aber stets: „Das Wichtigste war die Erste Hilfe. Das Fußballgucken in der allerersten Reihe war nur Bonus.“

Wilhelm Schröer erinnert sich noch gut, als der Kölner Pierre Littbarski 1986 aus dem Parkstadion humpelte. „Ich habe ihn gefragt, wo er hin will. Der Betreuer hatte ein Taxi zum Krankenhaus bestellen lassen. Natürlich habe ich sie dann gefahren.“ Die Diagnose im Marien-Hospital: Doppelter Bänderriss im Sprunggelenk, die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Mexiko war akut gefährdet.

Es gibt wohl kaum einen Schalker Spieler, den Sanitäter Schröer noch nicht vom Platz getragen, oder aber versorgt hat. „Früher sind wir noch mit einer Decke aufs Spielfeld gerannt, sobald ein Spieler verletzt am Boden lag“, berichtet er. Das sei in der Bundesliga Usus gewesen. Nur Schiedsrichter Walter Eschweiler habe etwas dagegen gehabt und Wachführer Schröer ermahnt, er solle nur auf Anforderung aufs Spielfeld kommen. „Ich habe Eschweiler gesagt, dass er die Spieler auch gerne persönlich raustragen kann. Wir haben gelacht und die Sache war gegessen“, sagt der Gelsenkirchener.

Brasilianer auf den Arm genommen

Apropos Raustragen. Bei der Weltmeisterschaft 1974 spielte die brasilianische Nationalmannschaft im Parkstadion. „Als ein Brasilianer verletzt war und ich gerade die Trage anfordern wollte, hat der Betreuter den gepackt und wie ein Baby rausgetragen. Unglaublich. Sowas wäre heute undenkbar.“

Natürlich gab es zu Schröers Zeit auch Unglücke auf Schalke. Drei Zuschauer habe er im Parkstadion sterben sehen — Herzversagen. Zuschauer mit Handverletzungen oder Knochenbrüchen habe er fast an jedem Spieltag erstversorgen müssen. „Immer dann, wenn Fans an diesen hohen und spitzen Zäunen hängengeblieben sind, oder aus der Nordkurve in den Innenraum wollten und in den tiefen Graben gesprungen sind“, sagt er.

Zum 25. Jahr als Sanitäter auf Schalke gab es von Charly Neumann einen Wimpel mit allen Unterschriften der Spieler. Der Wimpel, der heute an der Wand hängt. Sein Album will Wilhelm Schröer übrigens bald dem Schalke-Museum zur Verfügung stellen. Dem Original, dem an der Arena.