Auf der anstrengenden Reise nach Rio

Will zu den Olympischen Spielen nach Rio: Dorothea Brandt..
Will zu den Olympischen Spielen nach Rio: Dorothea Brandt..
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
An diesem Wochenende geht Dorothea Brandt bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin an den Start. Für den „Genussmenschen“ eine weitere Etappe auf dem Weg zu Olympia 2016.

Der Weg ist weit und mit Strapazen und Entbehrungen gepflastert. Die Deutschen Meisterschaften seit gestern in Berlin sind auch nur eine kleine, aber wichtige Etappe dorthin. Dorothea Brandt (30) weiß das. Sie ist die schnellste Schwimmerin Deutschlands, gilt nach Platz drei bei der Kurzbahn-WM im Dezember in Katar über 50 Meter Freistil als eine Hoffnungsträgerin des DSV bei den Olympischen Spielen 2016. Rio ist ihr Ziel. Ohne Wenn und Aber? Es gibt auch noch die junge Frau Brandt, die sich Zufriedenheit wünscht und ein intaktes Umfeld. Das ist ihr mindestens ebenso wichtig. Und die erfahrene Schwimmerin hat deshalb für sich entschieden: Bedingungslos will sie sich dem Hochleistungssport nicht mehr unterordnen. Das Dilemma eines Top-Athleten.

Egal wie hart man trainiert, egal wie man sich quält, es muss Spaß machen, findet die Sprinterin der SG Essen. Und in diesem Anspruch ist sie genau so konsequent wie in der Umsetzung des täglichen Trainingsprogamms. „Nur wenn ich hinter etwas stehe, wenn ich Bock drauf habe, mache ich die Dinge hundertprozentig. Wenn ich abends ins Bett steige und denke, was für ein Scheißtag, dann müsste ich irgendwann die Reißleine ziehen. Und würde es auch tun.“

Im Profil auf der Internetseite der Startgemeinschaft Essen verrät Doro Brandt ihre Hobbies. Yoga und „ganzheitliches Leben“ gehören dazu. Ganzheitliches Leben? Gesund, glücklich, zufrieden, so in etwa lässt sich das definieren. Natürlich muss sie mit Stress und Druck klar kommen. „Ich bin die Coolste“, sagt Brandt und grinst. Die Erfahrung macht’s, die mentale Reife. Brandt, die Aktivensprecherin im DSV, reflektiert, hinterfragt, badet manchmal aber in einem Gedankenmeer. „Wer zufrieden ist, reagiert gelassener auf Stress, kann Probleme besser verarbeiten.“ Man hört es heraus, die BWL-Studentin hat ein Faible für Psychologie.

Doro Brandt bezeichnet sich als Genussmensch. Sie sitzt gern mit Leuten zusammen, die sie mag. Klönen, kochen, backen, auch mal ein Gläschen Wein. Gerade das private Umfeld ist ihr wichtig. Menschen, die ihr Wohlbefinden stören, bezeichnet sie als Energie-Vampire, die man meiden müsse. Eine Energie-Tankstelle sei hingegen ihr Trainerteam mit Nicole Endruschat und dem ehemaligen Weltklasseschwimmer Mark Warnecke, dem „Urlaubsmenschen“. Genau wie ihr Lebenspartner, übrigens kein Leistungssportler, bringe er sie auch auf andere Gedanken. Gleichwohl ist Warnecke dafür bekannt, dass er Ziele äußerst fokussiert anstrebt.

Im niedersächsischen Hemmoor auf dem Land ist Dorothea Brandt geboren worden, zog 2000 nach Hamburg, drei Jahre später nach Berlin, baute dort 2004 das Abi und und belegte im gleichen Jahr Platz 16 bei Olympia. „Ja geil, jetzt läuft’s“, habe sie damals gedacht. Und sich getäuscht. Es wurde kein Selbstläufer.

Das Team für Rio hat sich gefunden. Vor zwei Jahren wechselte Brandt nach Essen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich hier gleich so wohl fühle. In Berlin ging das nicht so schnell.“ Bei der SGE zimmerten sie gemeinsam den Rahmen für die Zukunft. Strecke: 50 Meter Freistil, die einzige olympische Sprintdistanz. Nichts anderes. Dass sie bei den Mannschaftsmeisterschaften davon abgerückt ist - geschenkt. Teamgeist ist ohne Alternative.

Auf dem richtigen Weg

Natürlich musste sie sich an die spezielle Ausrichtung gewöhnen. Brandt ist auf allen Lagen schnell. Aber alles geht nicht - nicht international. „Das habe ich jahrelang probiert, aber es macht mich kaputt. 2012 hat es mich die Olympia Qualifikation gekostet“, erinnert sich Brandt. Im April 2014 ist sie bei der DM die 100 Meter Freistil geschwommen. Sie sagt, zum allerletzten Mal. Bei der EM 2014 in Berlin startete sie über 50 Meter Brust und Freistil, entschied sich für das Brust-Finale, weil sie dort bessere Chancen sah. Und wurde „nur“ Fünfte. Sie hat daraus gelernt.

Die Bronzemedaille bei der Kurzbahn-WM im Vorjahr in Katar hat gezeigt, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet. „Wettkampf kann ich“, sagt sie selbstbewusst. Sie blieb bei der WM nur drei Hundertstel über ihrem eigenen deutschen Rekord, geschwommen im inzwischen verbotenen Hightech-“Plastik“-Dress. „Ich war nicht besonders eingestellt und vorbereitet auf diese Titelkämpfe“, erinnert sie sich. „Ich habe meine Leistung auf den Punkt abgerufen. Und nicht über den Schritt aufs Podest habe ich mich so riesig gefreut, sondern weil es ein Schritt nach vorn war in meiner Entwicklung.“ Ein Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt in Richtung Rio.