„Was, die halbe Portion soll uns pfeifen?“

Wenn Papa Michael sich mal daneben benimmt, dann zückt Tochter Katharina Elster den roten Karton. Platzverweise im Spiel sorgen immer auch für ein wenig Adrenalin.
Wenn Papa Michael sich mal daneben benimmt, dann zückt Tochter Katharina Elster den roten Karton. Platzverweise im Spiel sorgen immer auch für ein wenig Adrenalin.
Foto: FUNKE Foto Services

Katharina Elster setzt sich auf die Eckbank der Vereinsgaststätte. Mit Blick aus der zweiten Etage auf den Fußballrasen. Links hängen gesammelte Fotos aus diversen Spielzeiten des SV Haldern. Hinter der 19-Jährigen glänzen große und kleine Pokale in Gold, Silber, Blau und Grün durch das Vitrinenglas. Der Chef bedient selbst. Heinz Ruitter bringt Kaffee für Katharina Elsters seltenes Heimspiel. Seit einiger Zeit darf sie nicht mehr auf den Rasen der Rot-Weißen. Die Gelbe und die Rote Karte weisen die ehemalige Kickerin eindeutig als Unparteiische aus. Den SV Haldern pfeifen ist damit tabu.

Bis zur U 17 selber gekickt

Seit vier Jahren macht Katharina ihren Weg als Jung-Schiedsrichterin. „Dabei bin ich eigentlich ein totales Sensibelchen“, sagt die Kinderkrankenpflegerin in Ausbildung. Kaum zu fassen, dass die ehemalige U17-Fußballerin jetzt zielstrebig und durchaus nervenstark erwachsenen Kickern den Regelweg weist. Und dazu auch noch
schwungvoll Schlagzeug spielt. Für das Halderner Blasorchester.

Papa Michael, der 2010 nach ungezählten Saisons zwischen den Pfosten ebenfalls den Schiedsrichter-Schein gemacht hat und meist in der Kreisliga B sowie im Jugendbereich pfeift, lächelt. Sichtlich stolz. „Sensibel“ war gestern, „selbstbewusst“ ist jetzt. Forsch und mutig macht auch deutlich mehr Spaß. Obwohl die Zeit der Sprüche, Flüche und auch Drohungen selbst mit guten Leistungen auf dem Platz nie vorbeizugehen scheint. Ist wie täglich Zähne putzen. Nur in längeren Intervallen.

„Man kann es manchen nie recht machen, damit muss man leben“, sagt Katharina Elster. Sie macht sich darüber aber deutlich weniger einen Kopf als noch in der Startphase des Schiedsrichter-Daseins. Obwohl sie zugibt, dass ein Platzverweis immer auch Adrenalin-Stöße für einen selbst bedeutet. „Man muss sehen, dass man danach nicht die Kontrolle über das Match verliert.“

Kürzlich bei den Reeser Hallenstadtmeisterschaften machte die 19-Jährige eine gute Figur. Und bei einem Herrenkick bei BW Bienen schlug Häme („Was, die halbe Portion soll uns pfeifen?“) nach 90 tadellosen Minuten in Respekt um. Was psychologischen Zusatzlohn zum Honorar darstellt.

25 Euro gibt es für die drittklassige Frauen-Regionalliga. Die höchste Liga, in der Elster aktuell wirken darf. 13 Euro streicht sie als Assistentin ein. Plus Fahrtkosten. 30 Cent pro Kilometer. Lohnenswert wird’s, wenn es vom Lindendorf mal nach Essen-Schönebeck zur U17-Regionalliga geht. Oder demnächst zu Borussia Mönchengladbach.

Auf dem Grün hat Katharina Elster ihre klare Leitungslinie gefunden: „Ich spreche mit den Spielern, scheue mich aber nicht davor, die Karte rauszuholen, wenn mir einer auf der Nase rumtanzt.“ Was zwangsläufig vorkommt.

Das schwerste Match der jungen Karriere? War eindeutig VfB Rheingold Emmerich gegen den SV Brünen, Frauen-Bezirksliga! Gründe? „Beide Teams haben fußballerisch nicht so viel drauf, beide Trainer mögen mich nicht besonders, weil ich die schon vom Platz gestellt habe. Bei dem genannten Spiel gab es auch wieder zwei Rote Karten. Da wird man dann schon mal durchbeleidigt“, schildert Elster. Lächelt aber trotzdem. „Eiserne Nerven“, sagt der Papa, „bringt das Hobby mit sich.“

Nur wenig Zickereien

Ohnehin pfeift die Tochter lieber höherklassig. Auch wenn dort Tempo und Ballbehandlung klar anspruchsvoller sind. „In der Regionalliga können und wollen die Frauen Fußball spielen. Da gibt es nur wenig Zickereien auf dem Platz. Sehr angenehm!“

Die schwierigsten Spielsituationen kreiert neben versteckten Fouls eindeutig das Abseits. „Wenn ich allein und nicht im Gespann pfeife, dann ist Abseits im Moment der Ballabgabe oft schwer zu sehen“, gibt Elster zu. Vor allem, weil mittlerweile die meisten Teams mit Abwehrkette oft auf einer Laufhöhe agieren.

Papa Elster ergänzt: „Das Halbfeld hat dazu leider meist keine Rasenlinien wie bei den Fernsehspielen.“ Und früher, als der Libero als „letzter Mann“ der Abwehr als Leuchtturm für Referees bei Abseitsentscheid galt, fiel die optische Orientierung etwas leichter.

Gutes Wochenende, mieses Wochenende – familiäre Rückendeckung für Katharina gibt’s immer. Papa Michael ist ohnehin oft mit bei den Einsätzen dabei. Wenn er parallel selber leitet, dann helfen Mama Marion und Opa Peter aus. „Das ist bei anderen Jung-Schiedsrichtern anders. Die wissen manchmal nicht, wie sie zu ihren Spielen kommen sollen, wenn sie noch kein eigenes Auto besitzen.“ Katharina hat eines, versteht sich.

Eintritt frei bei den Profis

Die Herausforderung der Spielleitung besitzt auch Vorteile. Mit dem Schiedsrichter-Ausweis darf man umsonst Partien in der Bundesliga und in Liga zwei besuchen. „In Bochum waren wir mal gegen 1860 München dabei – ein schöner Nachmittag. Meist bleibt aber nicht viel Zeit für Ausflüge“, sagt Katharina Elster.

Fitness muss natürlich sein. Auch wenn man in 90 Minuten plus Nachspielzeit nicht gegen den Ball tritt. Die schlank, aber drahtig wirkende Elster läuft jeden zweiten Tag 20 Minuten im Intervall-Modus: sprinten, gehen, sprinten, gehen. Wie beim FIFA-Test über zehn Intervall-Runden auf einer 400-m-Laufbahn – plus sechsmal 40-Meter-Sprints. In der Sportschule Duisburg-Wedau muss der Frauen-Kader regelmäßig die Kondition nachweisen. Auch Elster.

Einfach ist der Job so oder so nicht. „Der Schiedsrichter wird heute weniger anerkannt als früher“, glaubt Michael Elster. Viele Vereine vernachlässigen die Betreuung vor und nach den Spielen vor Ort. Dazu führen sich einige Trainer auf wie die Jürgen Klopps der Kreisliga. „Kennen dann aber die Regeln nicht richtig, besitzen auch manchmal gar keinen Trainerschein und regen sich selbst über simple Ping-Pong-Einwurf-Entscheidungen auf“, hebt Elster hervor. Schiebt aber fairerweise hinterher: „Auch Schiedsrichter haben mal einen schlechten Tag.“

Tochter Katharina will die Fehler minimieren. Das große Ziel heißt schließlich: Frauen-Bundesliga! Zwei Spielklassen fehlen noch. Gute Leistungen, von Offiziellen am Spielfeldrand notiert und ausgewertet, sind hilfreich. „Ich bin nicht perfekt, lerne aber von Spiel zu Spiel. Und es gibt immer wieder Situationen, die man vorher so nicht entscheiden musste.“ Wie im richtigen Leben.

Zwischen Kurtes, Brych und Collina

Zwei Vorbilder hat die Haldernerin. Die Düsseldorferin Marija Kurtes (28) von der SG Benrath-Hassels beispielsweise, die mit 20 Jahren den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hatte und 2014 als DFB-Schiedsrichterin des Jahres ausgezeichnet wurde.

Bei den Männern ist der Münchener Jurist und WM-Referee Dr. Felix Brych (39) ihr Favorit: „Den finde ich klasse.“ Aber auch der italienische Kult-„Schiri“ Pierluigi Collina (54) ist immer noch ein Begriff, auch wenn der schon 2005 die Pfeife an den Nagel gehangen hat. Katharina Elster wird ziemlich üben müssen, um regelbrüchige Protagonisten allein durch den stechenden Augenblick à la Collina zu überzeugen. Immerhin reichte es für den markanten Mann aus Bologna sechsmal zum FIFA-Weltschiedsrichter des Jahres.