US-College? „Fänd’ ich cool!“

Foto: FUNKE Foto Services

Julia Loock lächelt verschmitzt. Das runde Objekt der Begierde, das in den langen schlanken Fingern wie festgeklebt zu ruhen scheint, hat Bohnerwachs ungezählter Hallenböden und gefühlte zehntausend Ring- und Brettkontakte beim Korbwurf geschnuppert. Der mit Striemen verzierte Basketball ist für die 15-jährige Emmericherin mehr denn je ein Fixpunkt. Die U16-Nationalspielerin sagte im Sommer ihrer Emmericher Heimat vorerst „Servus“. Spielt nun für den Rhöndorfer TV. Und bezog im Montessori-Internat Schloss Hagerhof in Bad Honnef ein Zimmer, das sie sich mit Mitstreiterin Kathrin teilt.

Neben dem Realschulunterricht stehen täglich zwei bis drei Übungseinheiten auf dem Plan. Die Schule läuft von 8.30 Uhr bis 16.15 Uhr, danach gibt es Kraft- und Basketball-Training. In der Mittagspause ist meist noch zusätzlich eine Einzeleinheit am Ball angesetzt.

„Wenn ich abends um 21 oder 22 Uhr im Zimmer bin, bin ich ziemlich fertig und schlafe dann zügig“, sagt Julia Loock. Womit sich Standardfragen nach Hobbys oder Freizeitvergnügen zu den Streichresultaten gesellen. Am Freitagnachmittag gegen 16 Uhr geht es dann meist nach Hause. Per Bahn. Drei Stunden braucht man mit Umsteigen von Bad Honnef via Köln nach Emmerich. Schneller geht es im elterlichen Auto nur am Sonntag.

Mama Bettina leidet mehr

„Es war am Anfang sicher schwer für mich, plötzlich die ganze Woche über nicht zu Hause zu sein“, bekräftigt die 1,90 Meter messende Dribblerin, die auf dem Spielfeld trotz ihrer Körpergröße überaus beweglich-elegant wirkt, „aber Heimweh hatte ich nie.“ Mama Bettina hat da offenbar mehr Probleme, wie Julias Papa hinterher schiebt.

Dirk Loock unterstützt seine Tochter aktiv, wo er nur kann. Hat selber für Basket Emmerich viertklassig gespielt. In der 2. Regionalliga. „Ich habe erst mit 13 Jahren angefangen und war sicher nicht so talentiert wie Julia“, gibt der immer noch in der ersten Emmericher Landesliga-Mannschaft aktive Center- und Flügelspieler zu, der im Rathaus als Sachgebietsleiter für die Schulverwaltung zuständig ist.

Die Korbjagd liegt den Loocks im Blut. Julias Brüder Aaron (20) und Jonathan (17) zielen ebenso auf die Reuse wie Zwillingsschwester Hanna (15), die allerdings fast einen Kopf kleiner ist als ihre Schwester. „Wir sind keine eineiigen Zwillinge, deshalb sehen wir uns auch nicht ähnlich.“

Julia Loock hat mit dem Auszug aus dem Elternhaus natürlich auch die Vereinsfarben gewechselt. Zuletzt spielte sie für Emmerich in der U17-Regionalliga, dazu per Doppelspielrecht für NB Oberhausen in der U15-NRW-Liga. Nun geht es für den Rhöndorfer TV in der WNBL aufs Spielfeld. Das ist die höchste U16-Basketball-Liga Deutschlands, die geografisch viergeteilt mit 28 Teams läuft.

Die Vorrundengruppe Südwest hat Rhöndorf mit zehn Siegen in zwölf Partien gewonnen. In der Zwischenrunde geht es um den Einzug in die Play-offs um die Deutsche Meisterschaft. Jetzt warten Gegner aus der Süd-Gruppe: Nördlingen, Ludwigsburg und auch München, wo das RTV-Team, das die Auswärtsreisen in zwei Kleinbussen bestreitet, beim Gastspiel aufgrund der lockeren 530 Autobahn-Kilometer pro Strecke übernachten wird.

Die Vier ist der Favorit

Julia zählt in Rhöndorf zu den Leistungsträgern, kann an und in der Basketball-Zone die Positionen drei, vier und fünf spielen. In der Zahlenreihenfolge: Small Forward, Power Forward oder Center.

„Die Vier ist mein Favorit, die ich auch im Verein gerne und oft spiele“, hebt die mit und ohne Ball bewegliche Emmericherin hervor. Dribbeln ist trotz der stattlichen Körpergröße eine ihrer Stärken. Unter dem Korb ist Julia Loock aufgrund ihrer Statur ebenso wertvoll. Auch wenn es zum Center-Supertanker, der mit dem Körper arbeitet und sich vom Brett abprallende Rebounds gegen Widersacher packt, noch ein Stück sein dürfte.

An mangelnder Fitness wird es auf jeden Fall nicht liegen. Am Wochenende stehen oft gleich zwei Partien auf dem Programm: eine für die WNBL-Mannschaft, eine für das Regionalliga-Damen-Team. Sofern sich die Spieltermine nicht überschneiden.

Ziele hat Julia Loock. Natürlich. Auch wenn es den konkreten Berufswunsch noch nicht gibt. Das Abitur will sie ab Sommer in Angriff nehmen. Die Noten der Realschülerin geben es her. Sportlich ist die U16-Europameisterschaft Mitte des Jahres in Portugal im Fokus. Im 18-er Kader der deutschen Auswahl, die im vergangenen Jahr den Aufstieg in die A-Gruppe geschafft hatte, steht sie nach einem erfolgreichen Auswahlcamp im alten Jahr schon. Mindestens vier Spielerinnen werden aus dem DBB-Aufgebot allerdings noch gestrichen.

Sollte sportlich alles prächtig laufen, es weiterhin keine groben Verletzungsausfälle geben und auch das „Abi“ gelingen, könnte das Thema USA in zwei, drei Jahren eines sein: „Ich fände es schon cool, an ein College zu wechseln, wenn sich die Möglichkeit ergibt.“

Papa Dirk Loock findet das natürlich auch spannend. Weiß aber, dass das Vorhaben im Zweifelsfalle eine Menge Geld kostet. Wenn nicht aus den Staaten ein Jahresstipendium in fünfstelliger Dollar-Höhe angeboten würde. Unmöglich ist’s nicht. Der deutsche Profifootballer Sebastian Vollmer, der am Sonntag mit den New England Patriots das Super-Bowl-Finale bestreitet, wechselte einst als 19-jähriger Jugendspieler von den Düsseldorf Panthern nach Houston aufs College. Sicherte sich vier Jahre später unerwartet einen NFL-Profivertrag.

Für Julia Loock bleibt bis zur möglichen Zukunftsentscheidung genügend Zeit, um das orange-weiße Spielgerät noch besser im (Finger-)Griff zu haben. Sonntag in einer Woche wird die Emmericherin 16 Jahre jung.