Pferde-Akrobaten stehen kurz vor der Landung

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Unglaublich, was die Mädchen und jungen Frauen auf die Beine stellen – nicht etwa bei Turnübungen auf dem sicheren Boden. Nein, ihre akrobatischen Darbietungen, bis hin zum Salto, zeigen sie auf dem Rücken von Felix, einem 1,80 Meter großen Wallach – alles im ‘gesetzten’ Galopp. „Ich mach das schon seit fünf Jahren“, lächelt die elfjährige Sophia Ketz. Sie ist eine von gut 100 aktiven Mädchen, die sich im „Verein für Voltigiersport Kleve“, der in den nächsten Wochen in seine neue Reithalle in Kalkar-Wissel umzieht, pudelwohl fühlt.

Der einzige Mann an Bord

Was sicher auch für Gregor Walter gilt. Der Flugkapitän aus Emmerich leitet den Verein als Vorsitzender bereits seit vielen Jahren – und ist bei 130 Mitgliedern der einzige Mann an Bord. Als Hahn im Korb fühle er sich aber nicht, sagt der 63-Jährige schmunzelnd. „Ich bin hier nur der Knecht.“

Auf jeden Fall packt der Lufthansa-Kapitän, wenn er nicht gerade durch die Welt jettet, seit Monaten selbst kräftig mit an. Denn die neue Reithalle, gleich neben der Halle vom RV Seydlitz in Kalkar-Wissel, hat der Verein, der ursprünglich seine Wurzeln in Emmerich hat, mit sehr viel Eigenleistung hochgezogen.

„Öffentliche Zuschüsse für unseren Neubau haben wir leider keine bekommen, auch nicht vom Landessportbund“, bedauert Gregor Walter. Blieb also nur das persönliche Engagement der Vereinsmitglieder, von denen gut 20 aus Emmerich und Rees kommen. Ehegatten, Brüder und viele Freunde der 130 weiblichen Mitglieder, von denen natürlich auch viele engagiert mitgeholfen haben, spuckten kräftig in die Hände.

Notwendig wurde der Neubau, weil nach vielen Jahren die Reithalle des Gestütes Verhorst in Kellen, in denen der Verein nach seinem Weggang aus Emmerich trainiert hatte, nicht mehr zur Verfügung stand. „Was schade war. Denn dort haben wir uns wirklich sehr wohl gefühlt“, sagt die Ehefrau des Vorsitzenden und Ausbildungs-Koordinatorin der Voltigierer, Lucina Walter.

Ihr Vater, Theo van Bebber, damals Reitlehrer im Emmericher „Reiterverein von Lützow“, hatte dort 1963 das Voltigieren ins Leben gerufen. Nach Jahren entstand dann der „Reit- und Voltigierverein von Ziethen Emmerich“. Weil keine eigene Reithalle zur Verfügung stand, zog schließlich die Voltigier-Abteilung mit ihren Pferden ins Gestüt Verhorst in Kellen.

Jetzt fiebern alle dem Einweihungs-Termin entgegen. Und weil ein Pferd, eben Felix, beim Reiterverein Seydlitz steht, durften die jungen Mädchen für kurze Zeit einen Schnupperkurs im neuen Gebäude genießen. Da wurden gleich Übungen wie „Grundsitz“ und „Fahne“ absolviert, in der Kür sogar „Salto“ und „Handstand“.

Kraft und Akrobatik

Wobei es schon alleine eine tolle Leistung ist, wenn die 1,50 Meter große Sophia neben dem galoppierenden Pferd, das an der Longe geführt wird, her läuft und sich dann mit Schwung auf Felix hoch zieht.

Koordination, Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer, Körperspannung und Akrobatik sind unter anderem Disziplinen, die die Mädchen zwischen sechs und 20 Jahren beim Voltigieren, also beim Turnen auf dem galoppierenden Pferd, lernen. Und das bald regelmäßig in der eigenen Reithalle. Darüber freuen sich auch Pia (23) und Sarah-Marie (21) Walter, die wie die Töchter von Geschäftsführerin Bärbel Brüx, Caroline (20) und Leonie (18), in die Fußstapfen ihrer Mütter getreten sind. Denn sie alle haben voltigiert, sind heute vier der insgesamt 18 Trainerinnen im Verein.

Auch die freuen sich darüber, absehbar nicht mehr wie zuvor an fünf unterschiedlichen Stellen im Kreisgebiet trainieren zu müssen, sagt die stellvertretende Vorsitzende, Kerstin Audick aus Rindern. Denn nach dem Abriss der Reithalle in Kellen mussten auch die sechs vereinseigenen Pferde an unterschiedlichen Hallen stehen.

„Deshalb konnten wir ja auch keine Nachwuchs-Werbung für unseren Verein machen“, sagt Gregor Walter. Jetzt, wo man an einem Ort eine dauerhafte Bleibe habe, sei das anders. Flyer will man beispielsweise unters Volk bringen, um Appetit zu machen aufs Voltigieren. Wegen der Nähe zu Rees hofft man auch besonders auf Zulauf von der rechten Rheinseite.

Gezieltes Aufwärmen

„Mal abgesehen von Knochenbrüchen oder Prellungen hatten wir bislang in all den Jahren keine wirklich schweren Verletzungen. Toi, toi, toi“, sagt Lucina Walter. Was sicher auch daran liege, dass sich die Mädchen vor jedem Training gezielt aufwärmen. Außerdem werde das richtige Fallen geübt, „ähnlich wie beim Fallschirmspringen“, erklärt der erste Vorsitzende.

Der ist wie jetzt auch beim Bau der neuen Halle immer vorne dabei, wenn es um die Erledigung von Aufgaben geht. „Reiten kann ich aber bis heute nicht“, räumt er ein. Dafür ist Gregor Walter mächtig stolz, dass seine „Frauen“ auch auf Turnieren, sogar international, immer gute Plätze belegen.

Apropos Platz: Die 1150 Quadratmeter große Halle inklusive sechs Pferdeboxen, Sattelkammer und Gymnastikraum ist fast fertig, nur der Parkplatz sowie die Außenanlagen müssen noch hergerichtet werden.