Geteiltes Echo auf Weiße Karte

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Was wir bereits wissen
Die Diskussion zur Wiedereinführung der Zeitstrafe im Seniorenbereich ist voll entbrannt. Für den ehemaligen Schiedsrichter Ernst Hempel war sie früher „eine direkte Erziehungsmaßnahme“.

Am Niederrhein..  Im Jugendbereich gehört sie noch dazu. Und wer in den 80er-Jahren ein Amateurfußballspiel besuchte, kennt sie auch noch: die Zeitstrafe. Geht es nach UEFA-Präsident Michel Platini könnte die Verbannung eines Spielers auf Zeit bald wieder eingeführt werden. Beim Vorsitzenden der Schiedsrichter-Kommission im Deutschen Fußball-Bund, Heribert Fandel, stößt die Idee auf Zustimmung. „Die Zeitstrafe, die es im deutschen Amateurbereich schon mal gab, hat damals erstklassig funktioniert“, sagte Fandel bei Sport Bild plus. Dem ehemaligen Bundesliga-Referee schwebt eine Weiße Karte als zehnminütige Zeitstrafe auch im Profifußball vor.

Trainer kann reagieren

Im Amateurbereich ist das Echo geteilt. „Es gibt ja immer wieder Ideen, um das Spiel interessanter zu machen“, meint etwa Roland Kock, Trainer des RSV Praest. „Mal sollen die Tore größer gemacht werden und irgendwann spielen wir dann ohne Abseits.“ Er persönlich hege große Zweifel, ob die Einführung der Zeitstrafe gerade in den unteren Spielklassen, wo es keine Linienrichter gibt, überhaupt praktikabel sei. „Darüber hinaus muss erst mal geklärt werden, wofür den eine Zeitstrafe überhaupt verhängt wird. Wir haben ja schon Gelb, Gelb-Rot und Rot, eigentlich sollten damit doch alle Regelwidrigkeiten abgedeckt sein“, findet Kock, der ab kommenden Mittwoch mit der Vorbereitung auf die schwere Rückrunde beginnt.

Bernd Franken hat lange Zeit im Jugendbereich gearbeitet, wo bekanntermaßen eine fünfminütige Zeitstrafe existiert. Der Übungsleiter des SV Rees steht der Einführung der so genannten Weißen Karte dann auch bei den Senioren positiv gegenüber. „Das hat sich bei der Jugend bewährt. Für mich ist das auch eine gute Geschichte für die Senioren. Die Zeitstrafe gibt einer Mannschaft die Möglichkeit, auf den kurzfristig in Unterzahl spielenden Gegner Druck auszuüben“, erläutert Franken. „Nach Verhängung der Gelben Karte ist die Zeitstrafe nochmal ein letzter ‘Schuss vor den Bug’. Wer dann nicht die Zeichen der Zeit erkannt hat, dem ist nicht zu helfen; das gilt für den Spieler wie für den Trainer, der mit einer Auswechslung schlimmeres verhindern kann beziehungsweise muss.“

„Einen insgesamt guten Lösungsansatz“, sieht Hans-Georg Trinker in der möglichen Einführung einer Weißen Karte. Der Coach der Anholter Westfalia glaubt, dass durch Zeitstrafen vor allem „die Schiedsrichter eine höhere Flexibilität und mehr Handlungsspielraum erhalten“. Aber auch die Spieler – im Einzelfall – könnten von einer Weißen Karte profitieren.

Forderung: Gelb-Sperre abschaffen

Konkret: Wenn ein Akteur bereits vier Gelbe Karten gesammelt hat und dann in einem Match eine Zeitstrafe bekommt, statt der fünften Gelben. „Die entscheidende Frage wird aber sein, wie die Regelung dann in der Praxis ausgelegt wird“, meint Trinker.

Allgemein ist Holger Wieggers von der Idee der Wiedereinführung der Zeitstrafe nicht begeistert. Doch ganz aktuell stört den Trainer des SV Werth vornehmlich ein ganz andere Sache. „Was unbedingt wieder abgeschafft gehört, ist die Sperre nach der fünften Gelben Karte im Amateurbereich“, sagt Wieggers. „Ich halte von dieser Regelung überhaupt nichts, weil da gemauschelt werden kann.“ So wäre es in der Hinrunde ja schon mehrmals vorgekommen, dass sich Akteure absichtlich die fünfte Gelbe abgeholt hätten, weil ihr Verein in der darauffolgenden Woche spielfrei hatte und so keine Spielsperre drohte. Wieggers gibt offen zu, dass auch zwei Spieler seines Kaders dies so praktiziert hätten. „Das ist zwar unfair, aber die Regeln geben es halt her“, erklärt der Coach.

Im Auftrag des Weltverbandes Fifa hatte der DFB seinerzeit vor der Saison 1978/79 die zehnminütige Zeitstrafe bei Amateurspielen als Pilotprojekt eingeführt, war davon aber 1992 wieder abgerückt. Der langjährige Schiedsrichter Ernst Hempel erinnert sich noch gut an diese Zeit. „Die Zeitstrafe war sehr gut. Es war eine direkte Erziehungsmaßnahme“, sagt der Emmericher. „Selbst wenn man sich heutzutage noch mit Jugendtrainern unterhält, gibt es bei denen auch eine Akzeptanz für die Zeitstrafe.“

Die Zeitstrafe wurde damals im Übrigen immer nur an schon mit Gelb verwarnte Spieler ausgesprochen. „Heute ist das ja mehr oder weniger durch Gelb-Rot ersetzt worden“, erläutert Hempel. „Aber im Prinzip spricht nichts dagegen, die Zeitstrafe wieder einzuführen.“

Auch Ende der 70er-Jahre war ursprünglich angedacht, die Zeitstrafe auch in der Bundesliga einzuführen. Doch das scheiterte an rechtlichen Bedenken. „Vertragsfußballer waren Angestellte der Vereine und ein Amateur-Schiedsrichter durfte nicht einen Angestellten von seiner Arbeit abhalten“, begründet Hempel. Bei einer Roten Karten lägen die Fakten anders, da in diesem Fall der betroffene Profi ja erst im Nachhinein durch die Sportgerichtsbarkeit gesperrt würde.

Verschiedene Farben

Beim Blick ins Archiv fällt auf, dass etliche Fußball-Funktionäre in der jüngeren Vergangenheit für das Comeback der Zeitstrafe plädiert haben. Nur die Farbe der vorgeschlagenen Karte variiert immer wieder. Grün, Orange und jetzt halt Weiß. Dafür hat Hempel eher ein müdes Lächeln übrig: „Wenn ich damals eine Zeitstrafe verhängt habe, brauchte ich keine extra Karte dafür. Das hat auch so immer geklappt.“