Eine reife Leistung

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An der Eingangstür gibt es noch einen Abschiedskuss für die Mama. Dann saust Hannes auch schon durch die Turnhalle des Förderzentrums Grunewald. In Jogginghose, T-Shirt und Sportschuhen läuft der Kleine im Zickzack umher. „Guck’ mal Mama wie schnell ich rennen kann“, ruft er im Vorüberziehen seiner Mutter zu – dann ist der kleine Blondschopf auch schon wieder im Gewusel der weitläufigen Sportstätte verschwunden. Diese ist gefüllt mit einem Dutzend Nachwuchssportlern. Sie lachen, spielen Fangen und bewegen sich flink umher, so dass der Hallenboden stetig bebt. Bis Übungsleiterin Elisabeth Kock die Trillerpfeife in den Mund nimmt. Denn die nächste Stunde des Kinderturnens beim Turn- und Spielverein 08 Emmerich-Hüthum beginnt.

Keine sportliche Richtung vorgeben

In dieser machen einige Kinder schon seit Jahrzehnten immer wieder ihre ersten sportlichen Schritte auf dem federnden Turnhallenboden oder, wenn es das Wetter erlaubt, auf der Außenanlage des Vereins an der Hansastraße. „Die Mädchen und Jungen sind dann zwischen zweieinhalb und sechs Jahren alt. Ein gutes Alter, um die Freude an der Bewegung zu wecken“, sagt Kock, die seit über 20 Jahren das Kinderturnen am Mittwoch leitet. In ihrer Gruppe lernen die Kinder spielerisch den Umgang mit den verschiedenen Sportgeräten und -arten. Wettkampf und Ehrgeiz stehen hier natürlich hinten an.

Das weiß auch Sabine Wagner zu schätzen. Mit Sohn Bennet ist sie das erste Mal zu Gast in Kocks Gruppe. Warum? „Damit mein Sohn Spaß an der Bewegung entwickelt“, erklärt die Emmericherin. Von Vorteil sei auch, dass dies hier in einer Gruppe Gleichaltriger passiere. Ebenfalls ein Pluspunkt – und das sagen die Mütter der kleinen Kurs-Teilnehmer unisono: Beim ersten Kontakt mit dem Thema Sport wird nicht gleich eine Richtung vorgegeben. „Viele Eltern meinen, dass Jungen immer nur in den Fußballverein gesteckt werden müssen und Mädchen in die Ballettstunde“, erklärt Übungsleiterin Kock. In ihrer Gruppe können sich die Kinder in ihren jungen Jahren ausprobieren. Sei es nun mit Bällen, Bändern, Hüpfkästen oder Reifen.

So wie auch nun wieder. Mit der Trillerpfeife ruft die 55-Jährige die Kinder zusammen. In der Spitze waren zuletzt 19 kleine Sportler zu Gast. Einige wechseln derzeit aus den Gruppen der DJK Hüthum-Borghees zum TuS 08.

Heute sind es zwölf Kinder, die den Drang an der Bewegung stillen wollen. Matten werden gemeinsam herausgeholt – außerdem die bunten Hula-Hoop-Reifen. Jeder Knirps packt mit an. Das gehört eben dazu. Dann wird gemeinsam gespielt. Doch zuvor gilt es, stillzustehen und zuzuhören. Das will ebenso gelernt sein wie das Balancieren auf einer Bank oder der Umgang mit einem Fußball. „Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln“, erzählt Kock, die neben den vielen Aufgaben im Verein kaum noch selbst zum Sport kommt.

Die frühe Bewegung für Kinder sei gut, damit diese Teamgeist und auch Selbstvertrauen bekommen. „Zudem werden Motorik und Geschicklichkeit geschult“, weiß die Übungsleiterin. „Selbst wenn es für einige nicht sportlich danach weitergeht. Das sind Dinge, die immer gebraucht werden im Alltag.“

Natürlich merke man schnell, welches Kind sportlich sei und welches nicht. „Viele Eltern fragen mich auch danach. Ich gebe dann natürlich gerne Tipps, welche Sportart sich letztlich für den Nachwuchs nach dem Turnen lohnen könnte und vermittele Kontakte. Auch zu anderen Vereinen“, sagt Kock. Eine Talentsichtung betreibt sie aber nicht. Sie freut sich, wenn in ihrer Stunde die Kinder ihre Freude am Sport finden. Durchgeführte Studien zeigen ohnehin, dass eine frühzeitige Spezialisierung in einer Sportart eher schadet. Zwar dauert es rund zehn Jahre, bis Kinder eine Sportart exzellent beherrschen. Doch erreichen kleine Sportler, die zunächst in mehreren Sportarten aktiv sind, später bessere sportliche Ergebnisse als ihre Altersgenossen, die schon in frühen Jahren bei nur einer Sportart geblieben sind – hat zumindest die Universität Indianapolis herausgefunden. Dabei gilt auch: Wenn die Sportart ab und zu gewechselt wird, werden Knochen, Muskeln und Sehnen nicht einseitig belastet.

Regeln lernen, Kontakte knüpfen

Bea Röwer hat ihren Enkel Kilian Beyer (5) zur sportlichen Bewegungsstunde gebracht. „Der Turnhallengeruch erinnert mich an meine ersten sportlichen Schritte“, erzählt die fitte Oma. Auch sie hat sich früh bewegt – und tut es noch heute. „Sport bringt in frühen Jahren viel. Nicht nur für den Körper“, bekräftigt Röwer. „Die Kinder lernen Regeln und Sozialkontakte werden gestärkt“.

Dann passiert etwas in der Turnstunde, was sich manchmal eben nicht vermeiden lässt. Bennet verletzt sich. Tränen kullern. Sofort wird von allen Seiten getröstet. Keine zehn Sekunden später und der Dreijährige steht auf und rennt wieder mit dem Reifen durch die Halle.