Eine Pferdestärke ist ein tolles Gefühl

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Haldern..  Es lief wahrlich nicht alles rund im Leben von Torsten Roeder. Und doch wirkt der 62-jährige Halderner mit dem grauhaarigen Pferdeschwanz glücklich. Überaus glücklich sogar. Morgens und nachmittags, sechs Tage pro Woche, steuert der gebürtige Halderner seine Einspänner-Kutsche mit Scheibenbremse zum Übungsplatz des Reit- und Fahrvereins St. Georg an der Lohstraße. Gezogen von Negroni, einem siebenjährigen Deutschen Fahrpony. Begleitet von Lebensgefährtin Ingrid Andreas.

Die 77-Jährige steht hinter Kutschenlenker Roeder auf einem tiefen Holzabsatz, klammert ihre Handschuhe an die Haltegriffe, um sich selbst und dem Gefährt das nötige Gleichgewicht zu verleihen. Das Duo hat sich gemeinsam dem Kutschensport verschrieben. Und ist schon bei Weltmeisterschaften gefahren – für Menschen mit Behinderung(en).

Früher, also vor einigen Jahrzehnten, da hat Roeder noch Autorallyes bestritten. Mit seinem Weseler Partner Gerd Eichenmann. Das Duo steuerte damals enorme PS-Zahlen in zahlreichen Läufen zur Europameisterschaft durch Wald und Flur. Nur eine Pferdestärke am Lenker, Pardon, an den Zügeln zu spüren, das empfindet Roeder allerdings als (noch) schöner: „Es ist ein tolles Gefühl, eins mit Pferd und Kutsche zu werden. Fast wie beim Tanzen mit einem Partner.“

Königliches Gelände bei der WM

Seine Leidenschaft, die Roeder 1990 mit Hilfe des Brüner Pferdewirtes Johann Hülsmann und einem Fahrkurs unter dessen Regie freilegte, hat ihm schon zwei WM-Starts beschert. 2012 in Breda/Niederlande langte es mit der eigenen gezogenen Haflinger-Stute Wueste zu Platz neun, im vergangenen Jahr auf dem royalen Gelände des Sandringham House, gut 180 Kilometer nördlich von London gelegen, zu Rang acht.

„Es war schon spektakulär zu sehen, welch tolle Möglichkeiten die Engländer sich für den Pferdesport geschaffen haben. Natur und ungeheurer Platz sind schon toll. Und ein paar hundert Zuschauer haben unserer WM auch noch einen schönen Rahmen verliehen“, erinnert sich der Halderner.

Roeder zählt zu den Menschen mit Behinderungen. Vier Finger hat er einst bei einem Unfall verloren, als er noch als Schreiner aktiv war. Später arbeitete er für Strom-Anbieter RWE im Außendienst, ist aber mittlerweile Rentner. Ein weiterer schwerer Unfall kostete ihm den linken Fuß. „Beim Verladen habe ich nicht aufgepasst und bin stürzend unter das Pferd geraten. Das hat sich natürlich erschrocken.“

In der Uniklinik Münster wurde der Fuß zwar wieder drangeflickt. Ohne Gehhilfe fällt Roeder das Laufen allerdings schwer. „Das Pferd konnte nichts dafür, ich war selber schuld. Pferde sind eigentlich wie Hunde. Sie nehmen Rücksicht und haben ein Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt.“

Auf dem Gelände von Ex-Bundestrainer Henryk Dubicki in Greven, wo Roeder und Andreas einmal pro Woche aktiv sind, ereignete sich im vergangenen Jahr ein weiteres Unglück. Amaretto von Avalon, Roeders WM-Pferd von Sandringham, geriet eine Woche vor dem Start bei der Deutschen Meisterschaft in Panik. Ging im Training plötzlich durch und galoppierte ungebremst gegen eine Eisenschranke.

„Vermutlich“, sagt Roeders Lebensgefährtin Andreas, „waren an diesem Tag die vielen Bremsen auf der Anlage schuld. Die können ein sensibles Pferd richtig aufbringen.“ Dass die Stiche auch einem Vierbeiner weh tun, muss man eigentlich nicht extra erwähnen.

Ingrid Andreas hat erst vor acht Jahren umgesattelt. Die gebürtige Schleswigerin hatte schon 1950 im Sattel gesessen, später dann lange vom Reiten gelebt. Besaß in der Nähe von Bad Orb in Hessen einen Ausbildungsstall. Ritt täglich bis zu zehn Stunden. „Dressur konnte ich besser als Springen, bin aber in beiden Disziplinen hochrangig gestartet“, sagt sie. Ohne ihr Können wirklich ausbreiten zu wollen. Dressur-Olympiasieger Harry Bolt oder der Goldmedaillen-Gewinner im Springreiten, Hans Günther Winkler, waren einst in den 60er- und 70er-Jahren ihre Konkurrenten hoch zu Ross. Unter anderem.

Den Wettbewerb möchte sie auch heute nicht missen. „Auch wenn ich für meine 77 Jahre keine Extrapunkte bekomme. Aber ein wenig Wettkampf muss schon sein“, sagt Andreas, die wegen schwerer Gelenkversteifung in den Händen zur Behinderten-Klasse zählt. Sie übt mit dem siebenjährigen Genesis. „Das Pferd“, betont Andreas, „muss zufrieden und im Gleichgewicht sein. Nur dann kann man sportlich etwas erreichen.“

Alle drei Wochen ein Turnier

Seit April ist wieder Turnierzeit. Rund alle drei Wochen sind Torsten Roeder und Ingrid Andreas dann bis in den Oktober hinein unterwegs, um sich mit Gleichgesinnten zu messen. „Unter den Fahrern herrscht bei Turnieren ein großer Gemeinschaftssinn. Man schläft im eigenen Transporter, schlurft morgens früh zu den sanitären Anlagen, unterstützt sich gegenseitig. Das ist etwas völlig anderes, als Zylinder, Frack und Hotelübernachtungen“, hebt Andreas hervor.

Will es aber auch gar nicht anders. Das Leben sei schließlich eine Herausforderung, die es zu meistern gilt. Torsten Roeder und Ingrid Andreas haben einen Weg gefunden, dies inklusive ihrer Lieblinge zu schaffen. Auch mit Behinderung.