Deutschland soll kein Talent durch die Lappen gehen

Foto: FUNKE Foto Services

Montags geht’s auf der Anlage des SV Schwarz-Weiß Ringenberg engagiert zur Sache. Vielleicht etwas engagierter als auf den meisten anderen Trainingsplätzen der Region. Denn hier kommt die Elite zusammen. Die besten Kicker der C- und D-Jugend feilen hochmotiviert an ihren Fähigkeiten und hoffen, sich womöglich für höher spielende Vereine zu empfehlen.

Vielleicht reicht es ja bei dem einen oder anderen für den ganz großen Sprung – bis in den bezahlten Fußball. Der Deutsche Fußball Bund (DFB) spannt bundesweit ein Netz aus rund 370 Stützpunkten, die jeden Zipfel der Nation abdecken. Ein Stützpunkt trifft sich in Ringenberg. Kein Talent soll dem deutschen Fußball im Idealfall durch die Lappen gehen.

Nationalmannschaft auf Kreisebene

Betreut werden die Kicker von einem Trainerteam. Kreisauswahl ist hierbei ein veralteter Begriff für die Stützpunktmannschaft. Und was früher Kreisauswahltrainer hieß, nennt sich heute DFB-Stützpunkttrainer. Relativ neu dabei ist der Reeser Holger Gerards. Der 40-Jährige, der in Bienen und Millingen kickte, ehe er auch als Trainer vier Jahre bei Fortuna Millingen tätig war, ist seit Mai 2014 als Stützpunkttrainer im Fußballverband Niederrhein (FVN) eingestiegen. „Ich wollte in den Jugendbereich. Jetzt arbeite ich im Team eng zusammen mit Bernd Thiesing und Dennis Ruff aus Dingden sowie Adolf Grill aus Brünen im Kreis 11, wo wir für die C- und D-Jugend zuständig sind. Das sind also vier Jahrgänge“, schildert der Polizist. Aktuell werden 60 Talente im Kreis 11 betreut – darunter fünf Mädchen.

Wie entscheiden die Stützpunkttrainer, wer montags mittrainieren bzw. an den Vergleichsspielen teilnehmen darf? Zunächst mal schreibt Karl-Heinz Reinsch vom Kreisjugendvorstand die Vereine an und bittet sie, Talente zu melden. Im Mai 2014 kamen 90 von den Clubs gemeldete D-Jugend-Kicker zum Sichtungstraining – man könnte fast von einem Casting sprechen. Denn 25 bis 30 schaffen es in den „Recall“, werden also erneut eingeladen. 14 bis 16 Spieler werden dann in die jeweiligen Förderteams berufen.

Nach den Sommerferien sind die D-Junioren ins montägliche Programm eingestiegen. Es ist aber ein offenes System. Jugendspieler entwickeln sich manchmal rasant. Empfiehlt sich jemand, kann er auch mitten in der Maßnahme dazustoßen. Die Mannschaft dürfe aber nicht zu groß werden, schränkt Gerards ein. Zur Not müsse ein Spieler das Team wieder verlassen. „Das ist ja sozusagen eine Nationalmannschaft auf Kreisebene“.

Viertägiges Verbandsturnier

Höhepunkt für die D-Jugendlichen ist das viertägige Verbandsturnier zu Beginn der Sommerferien am Ende einer Fördermaßnahme. Das ist fast wie eine kleine Weltmeisterschaft. Alle 14 Fußballkreise im FVN entsenden ihre Auswahlteams. „Da sind auch die Scouts der Proficlubs und des DFB unterwegs“, verrät Gerards.

Bei der C-Jugend läuft es etwas anders. Hier ist das Ziel, für die Verbandsauswahl Niederrhein zu spielen. „In erster Linie schaffen es hier die Spieler der großen Vereine“, ist Gerards aber realistisch. Die Jungkicker aus Mönchengladbach, Duisburg und Co. trainieren eben schon unter sehr professionellen Bedingungen.

Die C-Jugend kommt zu Ostern für ein größeres Turnier zusammen. Hier bilden zwei Kreise eine Auswahl. Der hiesige Kreis 11 kickt gemeinsam mit dem Kreis 10 – Oberhausen/Bottrop. Eine Auswahl besteht aus 30 Spielern, nicht paritätisch, sondern nach Qualität ausgewählt. Nur Duisburg und Mönchengladbach bleiben allein, weil da die Profiteams dahinter stehen. Nach dem Osterturnier scheidet der ältere Jahrgang der C-Jugend aus, die Jüngeren trainieren weiter. Eine Talentförderung für die B- und A-Jugend gibt’s gar nicht: „Es geht um die Elite. Wer es bis dahin nicht geschafft hat, wird es eher nicht mehr schaffen“, erklärt der 40-Jährige.

Daten bundesweit im Vergleich

An den Wochenenden sind die Stützpunkttrainer regelmäßig auf den Sportplätzen zu finden, wo sie sich Talente ansehen. Ganz wichtig sei aber auch eine gute Vernetzung. Etwa mit den Vereinen. „Manchmal reicht es nicht, einen Spieler einmal zu sehen. Bei den extremen Entwicklungen und Schwankungen in dem Alter hilft es sehr, wenn die Vereine sich melden. Wir müssen auch Spätstarter im Blick behalten“, sagt Gerards. Auch zu den Eltern halten die Stützpunkttrainer Kontakt. Allerdings sollte man die Talentförderer nicht mit Spielervermittlern verwechseln, die den Bundesligaclubs zuflüstern, wen sie denn verpflichten sollten: „Das möchten wir nicht. Wir sind zur Neutralität verpflichtet“.

Die Trainingsinhalte in den Fördermaßnahmen fokussieren sich vor allem auf den technischen Bereich. In der D-Jugend gehe es etwa um Hinterlaufen, Beidfüßigkeit, Ball-Annahme, Eins-gegen-Eins-Situationen oder – ganz wichtig – Finten, schildert der Reeser. In der C-Jugend geht’s um Dynamik, Taktik oder ums Abwehrverhalten. Gerade taktisches Training ist für die Stützpunkttrainer nicht immer einfach, da die Teams nicht nach Positionen zusammengestellt werden, sondern nach Talent. Im Extremfall stehen da zehn kleine Miro Kloses und kaum ein kleiner Philipp Lahm auf dem Platz.

Sehr interessant sind in puncto Fähigkeiten auch die sportwissenschaftlichen Leistungstests, die zweimal im Jahr – unterstützt von der Uni Tübingen – bundesweit einheitlich durchgeführt werden. „Da werden sechs standardisierte Übungen zu Bereichen wie Schnelligkeit, Ballkontrolle oder Torschuss durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen den Leistungsstand jedes einzelnen Spielers bundesweit im Vergleich. Es ist eine Hilfe, um die Entwicklung eines Spielers analysieren zu können“, sagt Holger Gerards. Dabei könne man auch die Daten eines Spielers mit den durchschnittlichen Daten der Leistungszentren der Profivereine vergleichen: „Man sieht in allen Kategorien, wie nah der Spieler dran ist.“ Auf dem Pa-pier. Bei all diesen Daten dürfe eines nicht vergessen werden: „Es sind Kinder!“, unterstreicht Gerards.

Für die Vereine hat die Fördermaßnahme oberflächlich auch eine Kehrseite. Richtig talentierte Spieler könnten den Verein verlassen: „Die Vereine müssen auch loslassen können“, sagt Gerards. Es wäre ein Jammer, wenn einem wirklich talentierten Jungspund der Weg nach ganz oben verschlossen bliebe, weil er in der Provinz keine Spitzenförderung genießen konnte. Was nicht als Vorwurf an die Clubs missverstanden werden soll. Schafft es einer in den Profifußball, könne der Verein doch dann mit Stolz sagen: Das ist einer von uns! Reicht es nicht für ganz oben, kämen die Spieler oft zurück zu ihren Heimatvereinen – und zwar besser ausgebildet.

Gerards hat seinen Schritt bisher zu keiner Sekunde bereut: „Mir macht es unheimlich viel Spaß mit motivierten Nachwuchsspielern zu arbeiten. Die saugen unheimlich viel auf.“