Vom Motorrad ins Kanu

Volker Briel und sein Va’a – in Duisburg belegte er beim Weltcup den fünften Rang.
Volker Briel und sein Va’a – in Duisburg belegte er beim Weltcup den fünften Rang.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Der Mülheimer Volker Briel von Bertasee Duisburg ging beim Weltcup als Parakanute im Va’a über 200 Meter an den Start. Der 62-Jährige wurde gegen deutlich jüngere Konkurrenz Fünfter.

Duisburg..  Der Mann strahlt Selbstbewusstsein aus. Darin unterscheidet sich Volker Briel nicht von anderen Kanuten. Der Bundesadler prangt auf der breiten Brust, die Schultern sind noch breiter. Ein Kanute eben, wie man sich ihn vorstellt. Der Unterschied ist weiter unten zu finden. Dem Mülheimer, der als Sportler von Bertasee Duisburg der Lokalmatador des Weltcups an der Wedau ist, fehlt der rechte Unterschenkel, er läuft mit einer Prothese. Seit 1977 schon. „Er hat einen größeren Teil seines Lebens ohne dieses Bein verbracht als mit ihm“, sagt Birgit Plank, gleichzeitig Trainerin und Lebensgefährtin.

Eine übliche Phrase in diesem Moment wäre, dass Volker Briel ja eh schon ein Gewinner ist, weil er ja dennoch Sport treibt. Doch so unnormal ist das längst nicht mehr, wie es der unsinnige Begriff vom „normalen“ Kanuten im Vergleich zu den „Parakanuten“ suggeriert. Parakanuten, das sind eben – angelehnt an den Begriff der Paralympischen Spiele – die Athleten, die eine körperliche Behinderung haben.

Und dennoch ist Volker Briel nicht „normal“. „Naja, wenn die anderen völlig k.o. vom Rennen sind, steige ich aus dem Boot, schultere es und trage es zurück“, sagt er mit einem Lächeln. In seiner Klasse starten freilich nur Athleten, die das in der Theorie auch könnten, wenn sie eben nicht so erschöpft wären. Das, was an Briels Leistung jenseits der „Normalen“ ist, spiegelt sich in einer Zahl wider – und die lautet „62“. Dabei handelt es sich um sein Alter. Der Weltcup-Sieger von Duisburg über 200 Meter ist 26, gefolgt von einem 28-Jährigen, einem 19-Jährigen, einem 33-Jährigen – und eben Volker Briel. Wer mitgezählt hat, weiß: Der Bertasee-Kanute ist Fünfter geworden. Das ist knapp am Podium vorbei, doch Briel ist nicht sauer oder enttäuscht. „Ich bin der einzige, der seine Qualifikationszeit trotz Gegenwinds überboten hat.“

Bei den Sportlern ohne Behinderung gibt es zwei Bootsklassen: das Kajak, mit K abgekürzt, das sitzend mit einem Doppelpaddel angetrieben wird, und den Canadier, mit C abgekürzt, das auf einem Bein knieend mit einem Stechpaddel vorwärts bewegt wird. Briels Bootsklasse wird in den Rennen mit einem „V“ angegeben. Der volle Name ist nicht viel länger: Va’a. Das ist Tahitianisch und heißt in dieser und anderen polynesischen Sprachen einfach nur Boot. Es kennzeichnet sich durch einen Ausleger, der es Sportlern mit körperlicher Behinderung vereinfacht, die Balance zu halten. Wer es sich nicht vorstellen kann, muss nur auf den Hals von Birgit Plank schauen – sie trägt ein Va’a als Schmuckanhänger an einer Kette.

Briel war einst Motorrad-Rennfahrer. Er startete unter anderem bei 24-Stunden-Rennen wie bei jenem 1977 in Barcelona. Dort stürzte er – ein Franzose, der die Situation zu spät erfasste, fuhr ihm ungebremst über das rechte Bein. „Als ich im Krankenhaus aufgewacht bin, stand mein Bruder am Bett. Er schaute ganz bedröppelt, druckste rum. Da habe ich ihn gefragt: Was willst du mir sagen – dass mein Bein ab ist? Das weiß ich doch“, schildert Briel die Szene. Wie Sportler, oder besser: wie Menschen mit einer solchen Situation umgehen, ist „typabhängig“. Da ist sich Briel sicher. Er selbst nahm es erstaunlich gefasst. „Ich war Motorrad-Rennfahrer. Mit so etwa muss man rechnen“, sagte er. „Ich bin danach noch weitere Rennen gefahren.“

Erst recht spät fand er den Weg über Freunde ins Kanu. 2009 war das. Los ging es im Drachenboot. Das lief so gut, dass er 2011 an einer WM in Philadelphia teilnahm und inzwischen – im Team der „Neckardrachen“ – einige WM-Titel gesammelt hat. Dann wurde er gefragt, ob er es nicht im Va’a versuchen will. Er wollte – und auch hier schlägt er sich mehr als nur beachtlich. Weltcup-, WM oder EM-Starts sind aber eben auch eine Frage des Geldes. „Nur für ein Rennen viel Geld auszugeben – das muss man sich überlegen.“ Fördermittel gibt es in NRW für Parakanuten kaum.

Also läuft viel über Enthusiasmus und das private Engagement Briels. Aktuell ist er Bertasees einziger Parakanute. Zwei weitere gab es, die nun aber entweder zu einem anderen Verein gewechselt sind oder aufgehört haben. „Wir haben unseren Bootsbestand etwas verkleinert, haben aber immer noch einige im Bestand. Und wenn jemand zu uns kommen will, würden wir uns freuen“, erklärt Briel. Aktuell schafft er ein V6 an, das die stolze Summe von 10 000 Euro kostet. „Wir suchen dafür immer noch Sponsoren“, so Briel.