Mit dem Rad vom Duisburger Norden nach Nordschweden

Mit dem Rad von Walsum nach Hedeviken in Nordschweden: Michael Piechocki und sein Sohn Jonas wagten im vergangenen Sommer gemeinsam dieses Abenteuer.
Mit dem Rad von Walsum nach Hedeviken in Nordschweden: Michael Piechocki und sein Sohn Jonas wagten im vergangenen Sommer gemeinsam dieses Abenteuer.
Foto: Piechocki
Was wir bereits wissen
Michael Piechocki vom ASV Duisburg setzt sich große Ziele. Im Sommer fuhr er mit Sohn Jonas mit dem Fahrrad durch Schweden.

Duisburg.. Zur Jahreswende geht es wahrscheinlich den meisten Menschen so: Die guten Vorsätze keimen schlagartig auf, und man verspürt einen ins Gewissen beißenden Drang, sich Ziele für das neue Jahr zu stecken. Nicht selten lautet eines davon: Mehr Sport treiben!

Seine guten Vorsätze behält Michael Piechocki für sich. Aber was den Bewegungsdrang angeht, muss der Ausdauersportler des ASV Duisburg mit Sicherheit kein schlechtes Gewissen haben. Mit Zielen beschäftigt sich der 41-Jährige dabei nahezu jeden Tag: „Die brauche ich, um mich zu motivieren“, sagt er, „sonst würde ich den ganzen Trainingsstress gar nicht überleben.“ Da mache es keinen Unterschied, betont er, ob es um einen 5000-Meter-Lauf oder aber um 1100 Kilometer auf dem Rad geht.

„Race across Germany“

Diese Distanz ist sein persönliches Ziel für das neue Jahr. Im nächsten Sommer nimmt der Bühnenbauer, der – selbstverständlich – jeden Tag mit dem Rad von Walsum zu seinem Arbeitsplatz im Stadttheater fährt, am „Race across Germany“ teil. Von Flensburg nach Garmisch führt die Route, bei 6000 Höhenmetern. Für den Otto-Normal-Radfahrer ein Ding der Unmöglichkeit – für Piechocki „eine Generalprobe“. Denn auch sein Ziel für 2016 hat er sich schon gesteckt. Dann geht’s nach Österreich – oder besser gesagt: einmal drum herum. Die 2200 Kilometer und 33 000 Höhenmeter beim „Race around Austria“, will er in viereinhalb Tagen packen. „Alle 24 Stunden gibt’s dann eine Stunde Schlaf“, blickt Piechocki voraus. Und mit einem breiten Lächeln muss er zugeben: „Etwas verrückt ist das natürlich schon.“

Nicht weniger verrückt mag vielen Menschen Piechockis Idee erscheinen, die zur Entstehung seiner Zielsetzung für 2016 führte. „Seit Jahren fahren wir schon zu einem Gitarren-Festival in Ostfriesland bei Emden. Beim letzten Mal dachte ich mir: Ach, da fährst du diesmal mit dem Rad hin. Um drei Uhr morgens ging‘s los. Und als ich nach 320 Kilometern um 17.30 Uhr ankam, hätte ich noch locker weiterfahren können. Da kam mir die Idee, in Österreich zu starten.“

Selbst unter geübten Sportlern, wird bei solchen Worten nicht wenigen die Kinnlade runterfallen. „Aber was ist schon extrem“, fragt Piechocki und führt ein Beispiel aus dem Laufsport auf. „Beim Berlin-Marathon kommen von 40 000 Startern bestimmt 15 000 nach vier Stunden in Ziel. Ich finde Rekordzeiten um 2:20 Stunden extrem. Selbst brauche ich etwa drei Stunden. Und das finden wiederum die 15 000 anderen extrem.“ Sein Rezept für solche Extreme klingt nicht verrückt, sondern simpel: „Das Spannende ist, herauszufinden, wo die eigenen Grenzen sind und wie man sie verschieben kann. Antrainieren kann man sich das irgendwann nicht mehr. Du musst dir einfach Teilziele setzen, um durchzuhalten. Irgendwann ist es nur noch Kopfsache. Dann wundert man sich, wozu der eigene Körper imstande ist.“

Vorbei an Rentieren

Diese Fähigkeit hat Michael Piechocki auch schon an seinen Sohn Jonas weitergegeben. „Ich finde es überhaupt nicht verrückt, was mein Vater macht“, sagt der 13-Jährige, „ich kann es sogar sehr gut verstehen und möchte das später auch mal machen.“ Da ist der Schüler des Kopernikus-Gymnasiums schon auf einem guten Weg. Kaum dass er laufen konnte, absolvierte er seine erste 400-Meter-Runde. Und auf dem Rad spulte er im letzten Sommer 1480 Kilometer bei 11 000 Höhenmetern ab. In drei Wochen. Zum Vergnügen.

Die meisten Menschen setzen sich ins Auto oder in den Flieger, um ihr Urlaubsdomizil zu erreichen. Michael und Jonas nahmen das Rad. Das Ziel: Hedeviken in der Provinz Härjedalen. Nordschweden!

Mit zwei Rädern, einem Anhänger und 40 Kilo Gepäck starteten die beiden in Walsum ihre Reise in die Wildnis Skandinaviens. Über den Emsradweg, der die beiden Radler mit tiefem Matsch fast in die Knie zwang, die Fähre über den Großen Belt nach Oslo, weiter durch die Berge Lillehammers zur schwedischen Grenze bei Storsätern, mit Lagern an einsamen Seen und in dichten Wäldern, vorbei an den Rentieren bis hin zur höchsten Passstraße Schwedens, der 975 Meter hoch gelegenen Flatruet im Süden Lapplands.

Dort, in der schier endlosen Weite ihr letztes Lager aufgeschlagen zu haben, war für Michael Piechocki „das absolute Highlight“, erinnert sich der 41-Jährige. „Der unendliche Blick über das Jämtland bei einem tollen Sonnenuntergang hat uns für die vorangegangen Mühen komplett entschädigt.“ Denn um ihr Ziel rechtzeitig zu erreichen, mussten die Abenteurer tags zuvor kräftig in die Pedale treten.

Die Suche nach einem Schlafplatz

Obwohl in Skandinavien ein Recht herrscht, dass jedem erlaubt, außer auf Privatgrundstücken überall zwei Nächte zu zelten, fanden die Piechockis am Abend keinen passenden Lagerplatz. „So wurde es eine ungewollte 149-Kilometer-Tagesetappe, bis wir um 23 Uhr einen Rastplatz fanden“, erzählt Michael. Doch dieser längste Teilabschnitt ihrer Reise bewegte ihn und Jonas ebenso wenig zur Aufgabe, wie die Berge Lillehammers, welche die beiden als härteste Etappe in Erinnerung behalten haben. „Viereinhalb Stunden bergauf bei 30 Grad im Schatten und 40 Kilo Gepäck haben schon Kraft gekostet“, gesteht auch Extrem-Sportler Michael Piechocki ein, an einem gewissen Verschleiß nicht vorbei gekommen zu sein – und zollt seinem Sohn ein großes Kompliment für sein Durchhaltevermögen. „Teilweise ist er mir sogar davon gefahren“, lacht der Vater. Wie bei Jonas‘ persönlichem Höhepunkt der Reise. „Die anschließende 45 Minuten lange Talabfahrt war das Beste“, lacht der 13-Jährige. Und er weiß: Dieses Erlebnis nimmt ihm keiner mehr. Auch wenn der Großteil seiner Mitschüler ihn eher fragend anguckt: „Die meisten finden es eher verrückt als bemerkenswert, was ich gemacht habe“, sagt Jonas. „Die spielen alle Fußball und wissen nicht, was es heißt, mit dem Fahrrad nach Schweden zu fahren. Aber das sollen sie mir erst mal nachmachen“, schiebt Jonas Piechocki cool nach.

Vielleicht hat der Schüler mit diesen Worten bei manch einem nun wieder den Vorsatz nach mehr Bewegung im neuen Jahr geweckt. Eine Sache steht für ihn und seinen Vater Michael Piechocki jedenfalls fest: Bei ihrer 1480-Kilometer langen Radtour von Duisburg nach Nordschweden war nur eine Sache das Ziel: Der Weg!