In aller Stille

Kugelstoßen? Kein Problem! Gleich in fünf Disziplinen wurde die 15-jährige Alessia Melchiorre vom OSC Rheinhausen Deutsche Meisterin.
Kugelstoßen? Kein Problem! Gleich in fünf Disziplinen wurde die 15-jährige Alessia Melchiorre vom OSC Rheinhausen Deutsche Meisterin.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Alessia Melchiorre ist nicht nur ein großes Talent beim OSC Rheinhausen. Sie wurde nun sogar fünffache Deutsche Meisterin – im Gehörlosen-Verband.

Duisburg..  Und auf einmal ist alles still. „Eigentlich“, erzählt Alessia Melchiorre, „konnte ich mich bei den meisten Disziplinen dadurch sogar besser konzentrieren. Nur beim Hochsprung hatte ich plötzlich etwas Probleme mit dem Gleichgewicht.“ Der Gleichgewichtssinn ist im Ohr zu finden. Das weiß die 15-Jährige nur zu gut, schließlich musste sie sich mit dem Thema deutlich intensiver befassen als andere Teenager. Ohne ihre beiden Hörgeräte hört die Leichtathletin vom OSC Rheinhausen nichts. Ihrer Leidenschaft, dem Sport, steht das allerdings nicht im Wege. Ganz im Gegenteil: Seit einigen Tagen ist Alessia nun fünffache Deutsche Meisterin – im Gehörlosen-Sportverband.

Schon zum Jahreswechsel hatte der Bundestrainer dieses Verbandes sie bei einem Hallenwettkampf bemerkt. Denn Alessia startet normalerweise ganz selbstverständlich mit nicht behinderten Jugendlichen. „Ursprünglich habe ich als Kind mit dem Reiten angefangen, aber das hat mir keinen Spaß gemacht“, erinnert sie sich. Beim OSC-Volksparklauf hat sie an einem Bambini-Rennen teilgenommen, machte das richtig gut – und schloss sich den Leichtathleten des Vereins an. Mit ihren speziellen Hörgeräten versteht sie ihre Umgebung sehr gut. „In einer Gruppe kann es schon einmal schwierig werden, wenn viele Leute gleichzeitig sprechen. Aber ich kann auch ganz gut von den Lippen lesen, schaue dann den- oder diejenige an, sodass ich verstehe, was gesagt wird“, erklärt sie. In der Schule gibt es noch eine spezielle Hilfe. „Die Lehrer haben so eine Art Mikrofon, das das Gesagte direkt auf mein Hörgerät überträgt, sodass ich alles besser hören kann“, berichtet die Schülerin des Hildegardis-Gymnasiums. All das klingt, als käme Alessia mit ihrer Einschränkung bestens zurecht.

Das gilt ganz besonders für ihren Sport. „Auch mit normal hörenden Konkurrenten traue ich ihr zu, dass sie beispielsweise erfolgreich an Nordrhein-Meisterschaften teilnehmen kann“, sagt OSC-Abteilungsleiter Klaus-Dieter Laur. Inklusion in ihrer besten Form. Ihre Zeiten und Weiten sind allerdings so gut, dass sie im Gehörlosen-Verband zu Bestleistungen auf nationaler Ebene fähig ist. So ging es recht schnell. Erst vor wenigen Wochen wurde das Ganze konkret. Sie trat zusätzlich der DJK Rheinkraft Neuss bei, weil sie Mitglied in einem Verein sein muss, der dem Gehörlosen-Verband angehört. Kurz darauf fuhr sie mit der gesamten Familie nach Rostock, wo die junge Duisburgerin dann so richtig abräumte. Im Feld der Jugendlichen wurde sie Deutsche Meisterin im 100-Meter-Lauf, Weitsprung, Hochsprung und Kugelstoßen. Bei den Frauen gewann sie mit der 4x100-Meter-Staffel ihre fünfte Goldmedaille. „Beim Staffellauf war es nicht ganz einfach, wenn man nichts hört und noch nicht aufeinander abgestimmt ist“, berichtet die 15-Jährige. Denn die Hörgeräte darf sie bei Wettkämpfen des Gehörlosen-Verbandes nicht tragen.

Ob sie damit gerechnet hat? Alessia lächelt schüchtern. „Nein. Naja, ein wenig vielleicht. Ich hatte mir ja vorher angeschaut, wie dort so die Zeiten und Weiten sind.“ Die Duisburgerin, die beim OSC von Ute Peters trainiert wird, könnte im Gehörlosen-Verband nun sogar an Europameisterschaften teilnehmen. „Noch nicht“, berichtet Alessia, „weil ich noch zu jung bin. Aber nächstes Jahr ginge das schon.“ Ein Ziel, das sie anstrebt? „Ja, das wäre schon ganz cool.“

Dreimal die Woche trainiert Alessia. „Es macht mir einfach riesigen Spaß.“ Eine Lieblingsdisziplin – so etwas gibt es für sie nicht. Denn, wenn sie anfängt, die Disziplinen aufzuzählen, die ihr gefallen, ist sie schnell bei den fünf Wettkampfarten angekommen, in denen sie nun erfolgreich war – so erfolgreich, dass sie als fünffache Deutsche Meisterin die nächsten Herausforderungen angehen kann.