Fortunas Strohdiek erlebte Aufbruch in ein zweites Leben

Fortuna-Neuzugang Christian Strohdieck hat sein Lächeln mittlerweile wiedergefunden.
Fortuna-Neuzugang Christian Strohdieck hat sein Lächeln mittlerweile wiedergefunden.
Foto: Horstmueller
Was wir bereits wissen
Fortunas Neuzugang spricht über einen Unfall, der sein Leben veränderte, und die wahren Gründe für seinen Abgang aus Paderborn nach 15 Jahren.

Langeoog.. Die sichtbaren Wunden jener Nacht vom 13. Februar sind inzwischen verheilt. Zurückgeblieben sind seelische Narben, die Christian Strohdiek allerdings auf bewundernswerte Art und Weise zu tragen weiß. Fortunas Neuzugang war mit seiner Mutter auf der A33 unterwegs in Richtung Borchen, als er von einem überholenden Fahrzeug abgedrängt und zu einem reflexartigen Ausweichmanöver genötigt wurde. Die folgenden Sekunden und Minuten haben das Leben des 27-Jährigen nachhaltig geprägt, wie er in einem bewegenden Gespräch in Fortunas Trainingslager-Hotel auf Langeoog berichtet.

„Wenn man die Bilder von dem Auto sieht, wie es total zerstört auf der Autobahn steht, ist es ein Wunder, dass meine Mutter und ich da rausgekommen sind“, sagt der aus Paderborn gekommene Innenverteidiger. Während er nur ein paar Schrammen am Hals vom Airbag und dem Sicherheitsgurt davontrug, brach sich seine Mutter einen Brustwirbel. Vermeintliche Kleinigkeiten in Relation zu dem, was hätte passieren können.

Trainigslager „In der Nacht erlebe ich es tausend Mal, wenn ich aufwache, wie es ist, wenn man den neben sich nicht mehr ansprechen kann.“ Der Unfallverursacher ist weiterhin flüchtig. Die Bielefelder Polizei hat das Verfahren mittlerweile eingestellt. Strohdiek hätte ihm den Unfall verziehen. „Es ist wohl jedem schon einmal passiert, dass man jemanden übersehen hat. Jeder macht Fehler, und ich mache dem Menschen auch nicht den Vorwurf, dass er etwas falsch gemacht“, sagt er. „Ich bin eher enttäuscht darüber, dass er nicht den Arsch dazu in der Hose hatte, anzuhalten und zu fragen, ob alles in Ordnung ist!“

Strohdieks Ärger über die Gaffer

Nichts war in Ordnung. Als wäre der Unfall an sich nicht schon schlimm genug gewesen, rufen jene Gaffer aus der Unfallnacht in Strohdiek immer noch Fassungslosigkeit hervor. „Wenn man an der Mittelleitplanke steht und einfach nur froh ist, seine Mutter in den Arm nehmen zu können und sie ist ansprechbar, und dann Autos vorbeifahren sieht mit aufblitzenden Handylichtern, dann weiß man auch, in was für einer Gesellschaft man teilweise lebt“, schildert der Verteidiger.

Während Strohdiek und seine Mutter an der ungesicherten Unfallstelle auf das Eintreffen der Polizei und der Rettungskräfte warten, rasen immer wieder Autos durch die Trümmerteile. Ohne anzuhalten. „Wir waren auf uns alleine gestellt. Es hätte auch sein können, dass wir im Auto eingeklemmt gewesen wären.“ Die schreckliche Unfallnacht nahm, allen Widrigkeiten zum Trotz, einen glimpflichen Ausgang. „Jetzt haben meine Mutter und ich einmal mehr Geburtstag im Jahr“, sagt Strohdiek, „und das am gleichen Tag.“

Die Vertragsverlängerung in Paderborn lehnte er ab

Lange hatte man in Paderborn gerätselt, wie es mit dem sympathischen wie authentischen Abwehrspieler weitergehen würde. Als SCP-Manager Michael Born ihm noch lange vor dem feststehenden Abstieg der Ostwestfalen aus dem Fußball-Unterhaus einen unterschriftsreifen Verlängerungsvertrag vorlegte, lehnte Strohdiek ab. Weder die Laufzeit noch finanzielle Aspekte spielten eine Rolle. Mit voranschreitender Zeit nahmen auch die Spekulationen um die Hintergründe zu.

Verein Strohdiek ist Paderborner durch und durch. 15 Jahre lang trug er das Vereinstrikot. „Ich habe über mein halbes Leben für Paderborn gespielt.“ Ihm ist es wichtig zu betonen, dass der Verein zu jeder Zeit über seine Pläne informiert gewesen sei. Bei der Fortuna will er „den nächsten Schritt“ in seiner Karriere machen, sich weiterentwickeln. Die Liga und das Geld seien zweitrangig. Mit seiner Erfahrung und seiner Art Fußball zu spielen, will er der Mannschaft helfen. „Die Fortuna ist in allen Bereichen einen Tick professioneller aufgestellt als Paderborn.“

Die Familie riet zum Wechsel

Doch all das ist nur eine Seite der Medaille und die halbe Wahrheit hinter seinem Wechsel. Nicht erst der Unfall zeigte Strohdiek, wie schnell sich Dinge im Leben ändern können. „Die Krankheitsgeschichte meiner Familie hat mir gezeigt, dass sich Dinge schnell ändern können. Wie so etwas gehen kann, habe ich in den letzten anderthalb Jahren erfahren müssen“, sagt Strohdiek, der verständlicherweise nicht ins Detail gehen möchte. „Der größte Schmerz ist die Trauer um einen geliebten Menschen. Es ist bislang zum Glück immer positiv ausgegangen, noch hat uns keiner verlassen, aber in zwei Fällen hätte es auch anders ausgehen können.“

Mit seinem Wechsel zur Fortuna will er Abstand gewinnen von jener Zeit, als es um die Gesundheit seiner Liebsten nicht zum Besten stand. Es ist für ihn der Aufbruch in ein neues, zweites Leben. „Meine Familie hat mir zu dem Schritt geraten, weil ich sonst vielleicht nicht mehr der glückliche Mensch bin, der ich eigentlich immer war“, erklärt der Neuzugang.