Das Wunder von Grafenberg

Minutenlang war Sharath Kamal Achanta wie ein Tiger auf und ab gelaufen. Urplötzlich aber schoss der 32-Jährige in rekordverdächtiger Geschwindigkeit auf seinen Teamkameraden Patrick Franziska zu, fiel diesem um den Hals und brüllte seine unbändige Freude heraus. Franziska musste erst einmal tief durchschnaufen, genoss aber dann den Jubel von Achanta und 1070 Zuschauern in vollen Zügen. Gerade hatte der 22-jährige Borussia-Youngster in einem nervenaufreibendem Tischtennis-Krimi die Nummer 20 der Weltrangliste, Tiago Apolonia, bezwungen und Borussia so mit 2:0 in Führung gebracht.

Erwartet und sensationell

Nach der 0:3-Niederlage (4:9 Sätze) im Halbfinal-Hinspiel beim 1.FC Saarbrücken TT war das auch bitter nötig, sollte der deutsche Rekordmeister noch das Endspiel erreichen. Am Ende lagen sich alle Borussen in den Armen, denn sie gewannen 3:0 und mit 9:3 Sätzen, zogen so irgendwie erwartet und dennoch sensationell ins Finale ein.

„Was dieses Team vor heimischem Publikum leisten kann, ist Wahnsinn. Ich kann das nicht richtig fassen“, so Cheftrainer Danny Heister.

Die Grundlage für das erneute „Wunder von Grafenberg“ war die Aufstellung und Einstellung. „Nach dem Hinspiel waren wir ganz schön angesäuert, aber wir wussten, dass noch alles möglich war. Jetzt ist die Erleichterung riesengroß“, sagte Timo Boll.

Eigentlich geht er in Heimspielen als Nummer eins in die Box, doch diese Ehre fiel gegen den FC aus taktischen Gründen Achanta zu (WR 44). Mit unerschütterlichem Siegeswillen bezwang der Inder Adrien Mattenet (WR 40) ohne Satzverlust. Er machte seinem teaminternen Spitznamen „Das Biest“ und zugleich der Bezeichnung „Mann für besondere Aufgaben“ alle Ehre.

Und dann kam das Spiel, bei dem sich einige Borussia-Verantwortliche fragten, ob sie genug Defibrillatoren im Hause hätten. Patrick Franziska (WR 56) fiel die Aufgabe zu, die nationalen Meisterschafts-Hoffnungen des Champions-League-Finalisten am Leben zu halten.

Dafür musste ein Sieg her, egal wie. Den Borussia-Fans und -Verantwortlichen dürften während dieser Partie zahlreiche graue Haare gewachsen sein. Jeder Ballwechsel war von unsäglicher Spannung begleitet, und die beiden Protagnisten am Tisch kosteten das bis zur Neige, bis zu Franziskas 3:2-Erfolg aus.

„Als wir die Aufstellung gesehen haben, wussten wir, dass mein Spiel wohl das entscheidende sein würde. Dass ich es tatsächlich gewonnen habe, dazu fehlen mir die Worte“, erklärte Franziska überglücklich.

Und plötzlich lag der Druck auf beiden Seiten. Sowohl Gastgeber Timo Boll als auch Bojan Tokic (WR 58) mussten gewinnen, um ihre jeweiligen Teams ins Finale zu bringen. Wer dachte, dass Boll nicht noch einmal so schlecht spielen könnte wie bei seiner 1:3-Hinspielniederlage, sah sich im zweiten Satz der erneuten Auseinandersetzung mit dem Slowenen getäuscht.

Doch eine Tischtennis-Bundesligapartie wird über drei Gewinnsätze gespielt, und mit Ausnahme dieses 2:11 im zweiten Abschnitt spielte Boll wie entfesselt auf, vergaß den Druck und zeigte seine Klasse.

Der Rest war ohrenbetäubender Jubel – und ein lautstarkes „la ola“ ohne Ende.


Ergebnisse:

Sharath Kamal Achanta – Adrien Mattenet 3:0 (11:8, 11:1, 11:9); Patrick Franziska – Tiago Apolonia 3:2 (12:10, 6:11, 9:11, 12:10, 11:9); Timo Boll – Bojan Tokic 3:1 (11:6, 2:11, 11:4, 11:7)


Das Finale

Borussia – TTC Fulda-Maberzell, am 24. Mai (13 Uhr) in Frankfurt