Teil 2: Schachsport in Dortmund feiert 140. Geburtstag

Stadtbaurat Hans Strobel hat in Dortmund Spuren hinterlassen. Insbesondere sein Volkspark links und rechts der heutigen Strobel-Allee begeistert noch heute. 1924 begannen die schweißtreibenden Bauarbeiten: 110 000 cbm Boden wurden in mühevoller Handarbeit mit Hacke und Spaten bewegt.

Dortmund.. Die "Hilfsmittel" hießen Muldenkipper, Gleise, Benzol-Lokomotiven, Schubkarren und Muskelkraft. Alle Arbeiten wurden mit Erwerbslosen als Notstandsmaßnahmen ausgeführt.

Ringen um Einweihung vergeblich

Nach der Westfalenhalle und der Kleingartenanlage "Ardey-Blick" war die Kampfbahn "Rote Erde" dran. Vor deren Eröffnung im Juni 1926 lud Strobel Vertreter des verfeindeten bürgerlichen und des Arbeitersports zu sich ein. Doch das Ringen um eine gemeinsame festliche Einweihung war vergeblich.

Deshalb gab es zwei Premieren. Die erste am 6. Juni 1926 wurde von den "Bürgerlichen" ausgerichtet; eine Woche später kam dann der Arbeitersportbund. Nach einem Festumzug mit 6000 Teilnehmern gab es pünktlich um 16.30 Uhr den weltweit spektakulärsten Schach-Auftritt "aller Zeiten".

30 000 Besucher

Die Schach-verliebten Arbeitersportler kredenzten den 30 000 Besuchern eine Schachpartie mit lebenden Figuren. 64 Felder auf dem Rasen, die agierenden Akteure als König, Dame, Turm, Springer, Bauer dekorativ gewandet. Eine hübsche Idee.

Regisseur des Spektakels war der bekannte "Schächer" Franz Pisula. Die Initiatoren hatten eine spezielle Partie mit einer Szene aus der französischen Revolution "komponiert". Mit dem letzten Zug schlug - oh schöne Symbolik - der schwarze Bauer den König, stürzte damit die Monarchie und befreite die Bauern vom Joch des Absolutismus.

Einmaliger Fall

Das Stadion "Rote Erde" ist die einzige bekannte Sportarena der Welt, die mit einer Schachpartie eröffnet wurde. Die 30 000 Besucher dürften darüber hinaus die größte Anzahl sein, die jemals "live" ein Schachspiel erlebte. Und: In diesem einmaligen Fall wurde aus Schach im wahrsten Sinne des Wortes auch "Rasenschach".

Freude über Freude: Die Fide vergab die Jugend-Schachweltmeisterschaft 1980 an Dortmund. Austragungsort war der Westfalenpark. Dieser hatte sich seit 1973 mit den Internationalen Dortmunder Schachtagen bestens bewährt. Unter den 58 Teilnehmer aus 55 Ländern, die im August 1980 anreisten, befand sich ein 17jähriges Bürschchen, dem ein besonderer Ruf voran eilte: Garri Kasparow, jung, physisch und psychisch stark, aus der damaligen UdSSR.

Turmhoch überragend

Trotz seiner Jugend schon "der" aufgehende Stern der Schachszene, bereits Internationaler Großmeister und alle Konkurrenten turmhoch überragend.

3.000 Besucher fanden sich in der Ausstellungshalle des Westfalenparks ein, um den jüngsten Großmeister der Schachgeschichte bei seinen Partien siegen zu sehen und sein überragendes Können zu bestaunen. Jeder ahnte: Der Jugendschach-Weltmeister von Dortmund stand vor einer einzigartigen Karriere. Von seinen 13 Spielen verlor er kein einziges und errang den WM-Titel überlegen.

Exellenter Gastgeber

Dortmund erwies sich als exzellenter Gastgeber. Fahrten in die Umgebung standen ebenso auf dem "flankierenden Programm" wie das von Kasparow ausdrücklich geforderte Fußballspiel "Südamerika gegen den Rest der Welt", bei dem er sich auch als toller Kicker entpuppte.

Die weitere Karriere Kasparows ist bekannt. Schon kurze Zeit später folgten Spitzenpositionen in den Weltranglisten, jede Menge Turniersiege und der Weltmeistertitel. Dortmund kann stolz darauf sein, dass die Weltkarriere des Schachgenies Garri Kasparow hier ihren Ausgang nahm!

Sparkassen Chess-Meeting

Vom 27. Juni bis zum 5. Juli wird die Weltöffentlickeit des Schachsports wieder fasziniert nach Dortmund schauen: Im Orchesterzentrum NRW in der Brückstraße findet das Sparkassen Chess-Meeting statt. Acht Weltstars, unter ihnen die chinesische Weltmeisterin Hou Yifan, der dreifache Weltchampion Wladimir Kramnik und Fabiano Caruana, die aktuelle Nr. 2 der FIDE, treten im Kampf um Dortmunds Schachkrone an.

Die spannende Frage: Kann es Hou Yifan mit ihren sieben Kontrahenten aufnehmen, die allesamt keine "sieben Zwerge" im Grimmschen Märchensinne sind? Spannung ist angesagt.

"Sparkassen Chess-Meetings"

Wie alles begann? Dortmund bewarb sich 1972 um die Schach-WM zwischen Fischer und Spasski, die dann aber nach Island ging. Kleines Trostpflaster: 1973 kamen die Internationalen Deutschen Meisterschaften mit den "Dortmunder Schachtagen" im Schlepptau. Daraus entstand im Laufe der Zeit das "Sparkassen Chess-Meetings", das sich zu einem der drei bedeutendsten Turniere der Welt entwickelte. "Dortmund ist das Wimbledon des Schachs", sagen die Experten gern.

Alles, was im Schachsport Rang und Namen hat, ist hier bereits an den Start gegangen: Garri Kasparow, Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi, Robert Hübner, Nona Gabrindashwili, Judith Polgar, Viswanathan Anand, Peter Leko, Arkadij Naiditsch, Fabiano Caruana und Wladimir Kramnik, um nur einige zu nennen. Kramnik ist mit seinen zehn Turniersiegen der Mensch gewordene "Schach-König" von Dortmund. Diese Siegesserie ist weltweit einzigartig.

"Wichtigste Einzelveranstaltung"

"Das Sparkassen Chess-Meeting ist die wichtigste jährlich wiederkehrende Dortmunder Einzelveranstaltung und für das internationale Image der Stadt unverzichtbar", meint Uwe Samulewicz, der Vorstandsvorsitzende des Titelsponsors.

Auch mit seinen innovativen Übertragungstechnologien und der Internet-Präsentation auf allen Kontinenten hat das Turnier anerkannte Maßstäbe im Weltformat gesetzt, Wer sich davon überzeugen will, möge in den nächsten Tagen im Orchesterzentrum vorbei schauen. Es lohnt sich!