Spielerinnen tragen Wilke auf Händen
16.11.2008 | 17:08 Uhr 2008-11-16T17:08:00+0100
Am 29. Mai 1999 gab er seinen Ausstand. Nach zehn erfolgreichen Jahren. Die Handballerinnen des BVB hatten soeben gegen den neuen deutschen Meister HC Leipzig mit 28:33 verloren, standen aber schon vorher als Vizemeister fest. Samstag feierte Gustl Wilke seine Rückkehr als Trainer des BVB.
Nach neuneinhalb Jahren. Als seien die Uhren stehen geblieben, so leidenschaftlich und engagiert feuerte er seine Damen an. Der 26:25 (11:11)-Sieg gegen die hoch eingeschätzte SG Blomberg wurde zum Triumphzug des Gustl Wilke.
Sollte er mit den Borussinnen den Klassenverbleib schaffen, wäre dies höher einzuschätzen als die Vizemeisterschaft von 1999. Denn abgeholt hatte er die Mannschaft zu einem Zeitpunkt, als die Spielerinnen nicht mehr an sich glaubten, eher Angst als Vorfreude auf das nächste Spiel empfanden. Noch vor zehn Tagen waren sie von dem gleichen Gegner im Pokal zerrupft und beim 13:28-Zwischenstand sogar gedemütigt worden.
Nach dem Abpfiff gab's kein Halten mehr. Sie sprangen vor Freude so hoch wie sie vor Wochen nicht mal beim Sprungwurf gehüpft sind. Dann rannten sie wie auf Kommando zur Bank und trugen Wilke, der sich zunächst sträubte, auf ihren Händen vor die Fans. Der gab nun den Grund für seine anfängliche Verweigerung preis: er zog symbolisch den Hut, verneigte sich vor der Mannschaft und rief ins Mikrophon: „Die sollt ihr feiern, nicht mich.”
Zuzana Porvaznikova gab zu, „minutenlang eine Gänsehaut verspürt zu haben. Ich bin begeistert von unserem neuen Trainer.” Wilke hatte die Mannschaft nicht nur taktisch bis ins Detail vorbereitet, er hatte ihr Selbstvertrauen eingeimpft. Und den Glauben an die eigene Stärke. Die zeigte sich nach absolut gleichwertigem Beginn beider Mannschaften beim 12:15-Rückstand. Innerhalb von sechs Minuten machte der BVB daraus ein 17:15.
„Ich verlange von euch nur eines: dass ihr gewinnen wollt, muss auch auf dem hintersten Platz der Tribüne zu sehen sein”, hatte Wilke gesagt. Sie wollten. Und sie blieben nervlich stabil, weil der Trainer immer wieder das Gespräch mit den Spielerinnen suchte und auch die kleinsten Fehler korrigierte. Eine, die besonders gut hingehört hatte, war Friederike Lütz. Was sie am Samstag in der Abwehr und im Angriff zeigte, verdient das Prädikat Spitzenklasse. Zweimal lief sie dem Gegner diagonal durch die Halle Gegenstöße ab, gab nach einer weiteren Balleroberung einen Traumpass auf Annika Busch, die drei ganz starke Auftritte hatte, und erzielte selbst noch vier Treffer. „Es war der Sieg der Mannschaft”, wehrte „Fredde” bescheiden jeden Glückwunsch ab. Was auffiel: niemand zog einen Vergleich zu Dieter Trippen. Lütz: „Er ist auch ein guter Trainer. Aber es passte eben nicht.”
Neben Lütz überragten Willemijn Karsten und Therese Brorsson im Tor. Durch Zuzana Porvaznikova ist die lange vermisste Dynamik in den Angriff zurückgekehrt. Und die Abwehr zeigte die Aggressivität, die nötig ist, um in der ersten Liga zu bestehen. „In der Defensive holt man sich auch das Selbstvertrauen für den Angriff”, sagte Friederike Lütz. Sie lebte es vor. Wenn sich das erst bei allen herumspricht...
BVB: Brorsson, Roelofs; Karsten (4), Spriestersbach (3), Köhler, Porvaznikova (7/2), Paulus (1), Fiedel, Lütz (4), Busch (2), Cocx (3), Kunze, Robben (2/1), Larsen.
INFO:
Vom Spielverlauf hätte es spannender kaum sein können. Über 17:17, 18:18, 19:19, 20:20, 21:21, 22:22, 23:23 und 24:24 kam es zum Showdown. Zuzana Provaznikova mit ihrem Treffer zum 25:24 (58:41 Min.) und dem einem verwandelten Siebenmeter nach Foul an Annika Busch zum 26:24 (59:17 Min.) sorgte dann für die Entscheidung. Gustl Wilke: „Der Funke sprang früh von der Mannschaft auf die Tribüne über. Ich möchte mich bei den Fans ganz herzlich für die Unterstützung bedanken.”
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