Fußball-WM in Südafrika
Eshak Mazid vermisst seine Heimat
02.09.2010 | 18:46 Uhr 2010-09-02T18:46:00+0200
Fahnen in schwarz-rot-gold verdunkeln die Scheiben links und rechts, die Insassen grölen „Deutschland, Deutsch-Laaand“, und der Bus rast vom Blaulicht der Polizei eskortiert in Richtung Stadion: Als würde Deutschland gleich um den Einzug ins Viertelfinale spielen.
Doch obwohl die Fifa-WM 2010 in Südafrika schon vor acht Wochen abgepfiffen worden ist, geht es an diesem heißen August-Tag in der WM-Stadt Polokwane für ein deutsches Team tatsächlich wieder um einen Titel. Und die, die die Fan-Gesänge im Mannschaftsbus anstimmen, sind die Spieler selbst. Auch Eshak Mazid feuert sich auf dem Weg zur Partie gegen Ungarn lautstark an.
Der Dortmunder Fußballer vom Kreisligisten TuS Hannibal gehört zur Mannschaft des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), die vom 23. August bis 11. September an der 5. INAS-FID, der Fußball-Weltmeisterschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen teilnimmt. Ein sperriger Name, der Stigmatisierung verhindern soll und Integration ermöglichen will. Wichtigstes Kriterium für die Auswahl, die der Bundestrainer und ehemalige Nürnberger Profi Jörg Dittwar zu treffen hatte: Die Spieler müssen einen Intelligenzquotienten von unter 75 haben, der ihnen bis zum 18. Lebensjahr ärztlich bescheinigt worden ist.
„Vorsicht, Hintermann!“ brüllt Jörg Dittwar über den Platz. Und: „Jetzt nach links!“ Auf dem Spielfeld stehen 22 erwachsene Männer und ein Schiedsrichter, doch die Kommandos klingen nach D-Jugend. Die DBS-Auswahl führt in ihrem letzten Vorrundenspiel gegen Ungarn mit 1:0, Eshak Mazid treibt das Spiel im Mittelfeld voran. Für den 27-jährigen Dortmunder ist es die erste WM. Anders als seine erfahreneren Mitspieler jedoch kommt er dank seiner marokkanischen Wurzeln mit der Umgebung auf Anhieb zurecht: „Die Berge und das warme Klima finde ich einfach toll.“
Positiv überrascht ist er von der Qualität des Trainings- und Spielgeländes in Polokwane und Umgebung. „Ich hätte gedacht, wir würden hier nur Bolzplätze antreffen“, sagt er.
Zum Stab um Jörg Dittwar gehören nicht nur seine drei Co-Trainer, sondern auch der Delegationsleiter vom DBS sowie ein Psychologe, ein Physiotherapeut und sogar ein Professor der Sportwissenschaften. Denn ihre Schützling brauchen besonders intensive Betreuung. Diese leistet normalerweise die Familie zuhause. Doch nun sind die Spieler drei Wochen lang von der Heimat entfernt und in ungewohnter Umgebung teilweilse auf sich alleine gestellt, müssen Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel Bälle zum Bus tragen, was bei der Anreise zum Ungarn-Spiel denn auch prompt vergessen wird. Daher macht auch Eshak Mazid keine Ausnahme, wenn er auf die Frage, was er in der Ferne vermisst, offen zugibt: „Die Heimat.“
Am Ende gewinnen Eshak & Co gegen Ungarn mit 3:1. Nach dem 8:1-Auftaktsieg gegen die Türkei und der 0:4-Niederlage gegen die Niederlande steht der zweite Gruppenplatz zu Buche, wodurch das DBS-Team dem Titelverteidiger Saudi Arabien in der Zwischenrunde aus dem Weg geht. „Das Minimalziel ist erreicht, alles andere nehmen wir jetzt gerne als Zugabe mit“, sagt Jörg Dittwar. Eine Portion Stolz klingt dabei durch.
Denn nun scheint auch der Einzug ins Halbfinale möglich. Der klimatisierte Reisebus gleitet durch afrikanische Busch-Landschaft in die untergehende Sonne, die Spieler brennen während der 30-minütigen Fahrt zurück zum Mannschaftshotel in Polokwane ein Feuerwerk an Fangesängen ab. Als wären sie beim WM-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft nicht mittendrin, sondern nur dabei gewesen.
0mitdiskutieren