Eine runde Sache: Hüning verteidigt ihren WM-Titel

Noch nie hat es eine andere Weltmeisterin im Cyr-Rad gegeben als Svea Hüning. Die 27 Jahre alte Turnerin aus Dortmund kam erst spät zu ihrem Sportgerät und treibt jetzt die gesamte Sportart nach vorne – mit Kreativität und Witz.

Dortmund.. Langsam greift Svea Hüning ans Cyr-Rad, erst mit der einen, dann mit der anderen Hand, die in schwarzen Fahrradhandschuhen stecken. Mit dem einen Fuß steht sie auf dem Reifen. Dann löst sie auch den zweiten Fuß vom Boden, stellt ihn in das Rad und holt Schwung - immer mehr, immer mehr. Wie eine Spinne in ihrem Netz klebt Hüning über ihrem Sportgerät. Dann geht sie in den Spagat. Das Rad zirkuliert währenddessen weiter über dem Hallenboden. Es sieht so locker-leicht aus, ist aber ein Kraftakt.

Hüning dominiert Wettkampf

Die Figur gehört zu den schwierigsten Übungen, die die Cyr-Turner präsentieren. Dass Svea Hüning sie wie keine andere auf dem Globus beherrscht, entschieden jüngst wieder die Kampfrichter bei den Weltmeisterschaften im italienischen Lignano. Hüning hatte den Wettkampf dominiert. In der Pflicht sowie in der Kür war sie nicht zu schlagen und hatte einen Vorsprung von mehreren Punkten - das sind Welten zwischen ihr und der Konkurrenz.

Cyr-Turnen ist eine junge Sportart. Sie ist verwandt mit dem Rhönrad, das allerdings aus zwei Reifen besteht. Das Cyr-Rad ist die kleine Schwester: Es besteht aus nur einem Reifen und wird auch Mono-Wheel genannt. Hüning kam mit 20 Jahren nach einer mehrjährigen Pause zum Rhönrad-Turnen zurück. Das "Einrad" kam da gerade in Mode und Hüning konnte sich damit gut anfreunden, weil ihre Lieblingsdisziplin im Rhönrad die Spirale war - hier rollt das Sportgerät auch nur auf einem Reifen.

Cyr-Rad mit Showfaktor

"Cyr boomt gerade vor allem in den Zirkusschulen, weil es mehr hergibt als das Rhönrad", erklärt die Weltmeisterin. Das große, schwere Rhönrad ist verglichen mit dem 18 Kilogramm schweren Cyr von Svea Hüning träge - da fehlt der Showfaktor.

Das Teilnehmerfeld bei einer Weltmeisterschaft teilt sich dadurch in zwei Lager: Wettkampfturner, die jahrelang in Vereinen ausgebildet wurden, und Artisten, die mit Kunststücken ihr Geld verdienen und jeden Tag trainieren.
Hünings Vorteil: "Ein Artist turnt auf der Bühne nicht das, was am schwierigsten ist, sondern das, was am schönsten für das Publikum aussieht." Was oft spektakulär aussieht, erfüllt aber nicht die Kriterien der höchsten Schwierigkeitsstufe. Und das schlägt sich eben auch in der Punktebewertung nieder.

Pionierin in der Sportart

"Vielleicht haben die Artisten die besseren Ideen, aber ich kann die Sachen besser umsetzen." Mit Augenmaß muss Hüning ihre Choreografie planen und ihre Übungen zusammenstellen. "Ich komme aus dem Wettkampfsport und weiß, worauf die Kampfrichter Wert legen", sagt die 27-Jährige. Trotzdem ist sie in ihrer Sportart eine Pionierin.

"Das ist schön, da immer neue Elemente gezeigt werden", erzählt sie. Zusammen mit dem Herren-Weltmeister Hauke Narten entwickelt Hüning immer neue Ideen und Tricks - eine Kreativschmiede par excellence. Ansonsten bildet sich die Szene über Internetvideos weiter.

Erste WM vor zwei Jahren

Vor zwei Jahren gab es die erste WM. Damals gewann die Assistenzärztin am Klinikum Dortmund zum ersten Mal Gold, noch unter ihrem Mädchennamen Streckert. Dass sie ihren Titel verteidigen könnte, hatte sie ursprünglich nicht gedacht, sagt sie.

Ob Streckert oder Hüning - Gold-Svea turnte zum fetzigen Rock’n’Roll-Sound "Hot and Cold" als Coverversion von "The Baseballs" erneut zum Sieg - in schwarzem Petticoat mit weißen Punkten und roten Akzenten. Am Ende belegte das deutsche Team sogar die Plätze eins bis vier - der Rest der Welt hat auf die Marktführer noch viel aufzuholen.

Sechsmal pro Woche trainiert

Schon im kommenden Jahr ist wieder eine WM. Dann womöglich aber ohne die amtierende Weltmeisterin. Ob sie dabei sein wird, steht in den Sternen. "Ich merke, dass andere Sachen auch wichtiger werden", sagt Hüning. Mit ihrer Trainerin Stefanie Jochem hatte sie in den Wochen vor der Weltmeisterschaft sechsmal pro Woche trainiert, teilweise kam sie von der Arbeit direkt frühmorgens in die Halle.

Und auf Sportlerehrungen präsentierte sie ihre Kür als Showeinlage, um ein wenig Geld in die Reisekasse zu spülen - Strapazen, die sie nicht mehr unbedingt auf sich nehmen möchte. Nimmt sie doch teil, spricht vieles für den Hattrick.