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Dieter Kemper: „Wahnsinn, aber ich würde es wieder tun“

23.12.2010 | 15:03 Uhr
Dieter Kemper: „Wahnsinn, aber ich würde es wieder tun“
Konzentration vor dem Start: Dieter Kemper, im Hintergrund Wilfried Peffgen.

Auf die absolut unvermeidliche Frage, ob ihm sein gegenwärtiges Leben wie ein schlechter Traum vorkomme, gab Dieter Kemper eine eher unerwartete Antwort: „Nein, im Prinzip bin ich zufrieden. Ich habe mir das so vorgestellt. Allein die Freundschaften fehlen mir hier.“

Das muss man erstmal sacken lassen, denn Dieter Kemper, dieses Dortmunder Radsport-Urgestein, lebt seit vier Jahren in Julianadoorp im äußersten Norden Hollands. In einer Feriensiedlung. Weit weg vom Schuss, weit weg von seiner geliebten Westfalenhalle, in der er so große Erfolge feierte. 18 Jahre lang war er Profi, hat in den 60er und 70er-Jahren den Radsport der Region geprägt, jetzt hat er mit seiner Geburtsstadt nichts mehr am Hut: „Das ist abgehakt.“

Man mag es nicht glauben, aber die Zufriedenheit wirkt authentisch, nicht aufgesetzt oder zur Schau gestellt. „Wir wollten schon immer am Meer leben“, sagt der Mann, der sein halbes Leben am 2. Weihnachtstag in der Dortmunder Westfalenhalle verbrachte, der fünfmal den Großen Weihnachtspreis gewonnen, der zig Six Days-Triumphe eingefahren und die Dortmunder Fans zu Begeisterungstürmen gebracht hat. Wenn Dieter Kemper an der Rolle seiner Schrittmacher „Noppy“ Koch oder Dieter Durst zur Aufholjagd antrat, dann stand die Halle Kopf, lagen die Fans ihrem „Dietze“ zu Füßen. 1978 beendete er beim Weltpokal in Dortmund seine lange Karriere, nachdem er zwölf Monate vorher in Köln lebensgefährlich gestürzt war und tagelang mit dem Tode rang.

32 Jahre ist das her, doch noch heute wird er von Touristen angesprochen,wenn er am Strand in Julianadoorp oder Callantsoog spazieren geht. Auf die Duelle mit Winfried Peffgen, mit Theo Verschueren, Pit de Wit oder Cees Stam. Oder auf 6-Tage-Rennen an der Seite von Rudi Altig, Graeme Gilmore oder Horst Oldenburg.

Natürlich ist das alles Historie. Der Radsport in der Westfalenhalle wurde vor zwei Jahren beerdigt, sein legendärer holländischer Schrittmacher „Noppy“ Koch in der Vorwoche. „Die Westfalenhalle ohne Weihnachtspreis oder 6-Tage-Rennen, das geht mir ans Herz, das tut richtig weh, die Westfalenhalle war mehr als mein Arbeitgeber“, sagte Kemper, „aber in den letzten Jahren waren da wohl nur Leute am Werk, die ausschließlich aufs Geld geguckt haben.“ Man spürt Verbitterung und Unverständnis über das unrühmliche Ende dieser Traditionsveranstaltungen.

Ortswechsel. Die Abende an der holländischen Nordseeküste sind lang, Dieter Kemper hält sich fit auf einem Hometrainer. „Jeden Tag eine halbe Stunde.“ Ansonsten ist nicht viel los in Julianadoorp in der Nähe von Den Helder, in einem verschlafenen Bungalowdorf, wo Kemper zwei Häuser besitzt. Selbst die einzige Kneipe, in der man mit dem einen oder anderen Glas Grolsch die langen Abende verkürzen könnte, habe vor zwei Jahren zugemacht. Jetzt haben wir hier noch ein großes Einkaufszentrum“, erklärt der 73-Jährige, „mit Aldi und Lidl.“

„Wir“, das waren Dieter Kemper und seine Frau Carola, die vor zwei Jahren an den Folgen eines Gehirntumores verstarb. 2006 zogen sie in das Ferienhaus an der Nordsee, nachdem die Ärzte in der Uniklinik Bochum die niederschmetternde Diagnose mitgeteilt hatten: „Wir wussten, das sie sterben musste.“

Von diesem Zeitpunkt an hat Dieter Kemper die meisten Beziehungen zu seiner Heimat abgebrochen - das noble Haus in Holzwickede verkauft, die Eigentumswohnung ebenfalls, alles zu Geld gemacht, um in Holland einen Neustart zu wagen. Nur die 91 Jahre alte Schwiegermutter wohne in Dortmund, die besuche er natürlich noch regelmäßig. Und die Wasserballer des SV Westfalen. Bitte, was hat eine ehemaliger Radprofi mit den Wasserballern des SV Westfalen zu tun? Man mag’s kaum glauben, aber Dieter Kemper ist Quereinsteiger. Bevor er 1957 aufs Rad stieg und in Schüren den „ersten Schritt“ trotz eines Sturzes auf Platz zwei beendete und dann dem RV Sturmvogel 25 beitrat, spielte er erfolgreich Wasserball. Eine Verbindung, die offensichtlich ein Leben lang hält. Seit 1979 hat er keine Weihnachtsfeier des SV Westfalen verpasst. Am Dienstag war er auch wieder da, vorher die Schwiegermutter besucht, anschließend zu Sohn Christian nach Berlin, wo er auch Weihnachten feiern wird.

Als Radsportler lernte Dieter Kemper die Welt kennen, Australilen, Südamerika, USA. „Das war mein Leben“, sagt er rückblickend. Einmal war er Weltmeister, achtmal Deutscher Meister, siebenmal Europameister, er gewann zwischen 1961 und 1977 insgesamt 26 6-Tage-Rennen, fünfmal den Großen Weihnachtspreis.

Seine Karriere begann mit einem Sturz - und endete mit einem Sturz. Danach eröffnetete er zwei Radsportläden. Zunächst in Scharnhorst, später in Barop. Am Ende blieben Schulden über Schulden. Noch heute erinnert er sich an den Ratschlag seiner Ehefrau: „Du sollst verkaufen, nicht nur reden.“ Der Pleite entging er nur mit Mühe und Not. Und dennoch sagt Dieter Kemper heute: „20 Jahre Radrennen, was habe ich alles erlebt, Wahnsinn. Ich würde es wieder tun.“

Peter Kehl



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