Barna, Potocki und Schäfer über Aufstieg und Chancen

Ildiko Barna hat wahrlich keinen leichten Job in dieser Saison. Die Trainerin der BVB-Handballfrauen musste in der Hinserie ein halbes Dutzend schwerer Knieverletzungen in ihrem Kader verkraften. Das führte zu skurrilen Situationen bei dem Versuch, den Kader wettbewerbsfähig zu halten.

Dortmund.. Über Galgenhumor bei der Bewältigung der schwierigen Situation, das besondere Zusammengehörigkeits-Gefühl, das in der Verletzten-Misere erwuchs und die Hoffnungen für die Restserie sprachen die Trainerin, Kapitänin Sally Potocki, Rückraum-Spielerin Karina Schäfer und Sportleiter Jochen Busch im großen Interview mit Dirk Krampe, Gerd Strohmann und Sascha Klaverkamp.

Frau Barna, schildern Sie doch mal Ihren Anruf bei Dagmara Kowalska…
Barna: Ich habe sie vor unserem letzten Spiel vor Weihnachten angerufen und ihr gesagt, Daggi, du musst spielen, du fährst mit nach Neckarsulm. Sie war perplex und meinte, das ginge nicht, sie sei am Samstag mit ihrem Mann zum Weihnachtsbaum-Kauf verabredet. Ich habe ihr dann klar gemacht, dass wir in unserer Situation keine Rücksichten nehmen können (lacht). Gott sei Dank war ihr Mann verständnisvoll und sie haben es verschoben.


Sie mussten etliche Spielerinnen nachverpflichten. Frau Schäfer, Sie sind Spielmacherin. Wie schwierig ist das, immer neue Gesichter neben sich zu sehen?
Schäfer: Bislang lief das wirklich sehr gut. Wir haben die richtigen Spielerinnen dazugeholt. Sie haben sich schnell integriert.
Busch: Gerade die erfahrenen Spielerinnen haben einfach auch die Routinie, um sich dann schnell anzupassen. Sabrina Richter zum Beispiel hat in Neckarsulm in den letzten zwei Minuten unglaublich für Ruhe gesorgt. Sowas brauchen wir. Und wir haben eine erfahrene Trainerin. Wir haben mit allen Neuen Glück gehabt, aber Ildiko Barna ist unser wichtigster Neuzugang.

Man hatte das Gefühl, bei allem Schock und Frust über die immer neuen Hiobsbotschaften ist die Mannschaft mit jeder Verletzung mehr zusammengewachsen…
Barna: Es war mir bei meinen Stationen immer wichtig, dass die Mannschaft hinter mir steht. Das ist ein Geben und Nehmen, wenn man so intensiv zusammenarbeitet. Wenn man die Mädels einbezieht, und sie auch noch zueinander passen, kann daraus wie bei uns ein echtes Team werden.

Frau Potocki, wie ist das, wenn man quasi täglich im Training hört, schon wieder eine neue Verletzte?
Potocki: Das waren keine schönen Momente. Wir würden sicher nicht dort stehen, wo wir sind, wenn wir als Mannschaft nicht so zusammenhalten würden. Wenn das nicht so tragisch wäre, hätte man ja fast sogar drüber lachen müssen.

Sie sind im ersten Jahr auch Kapitänin. War das besonders schwierig in dieser Situation?
Potocki: Klar war das nicht einfach. Man sieht, wie andere den Kopf unten haben und versucht sie aufzurichten. Man ist aber vielleicht selbst gerade down. Die Rolle auszufüllen, da lerne ich immer noch jede Woche hinzu. Aber die Mannschaft macht mir das wirklich einfach.
Barna: Alle helfen wirklich mit. Auch die Verletzten zum Beispiel, die viel organisieren und richtig dabei sind. Ohne diesen Zusammenhalt hätten wir das nicht so gut bewältigt.

Haben Sie durch die vielen Probleme irgendwann mal das Lachen verloren?
Schäfer: Wenn, dann immer nur für eine kurze Zeit. Das Besondere an dieser Mannschaft ist, dass jede für die andere einsteht und versucht, die schlechte Laune zu vertreiben.
Mal frech gefragt: Wäre der BVB ohne die großen Personalprobleme auch Tabellenführer?
Barna: Ich hätte zumindest besser geschlafen. Aber im Ernst, ich denke ja. Unser Kader hatte absolut die Qualität.

Gab es Momente, in denen Sie gezweifelt haben, ob das Saisonziel zu erreichen ist?
Busch: Nie. Wir haben nach jedem Rückschlag und nach jeder Verletzung sofort neu überlegt, wie wir darauf reagieren können. Wir haben ja nie deutlich gesagt, dass wir aufsteigen wollen, aber wir würden natürlich gern. Wir erfahren gerade eine große Unterstützung. Die wollen wir ausnutzen. Ich glaube auch, dass dieses ,sich nicht unterkriegen lassen‘ der Mannschaft sehr positiv rüberkommt.

Seite 2: Das erwartet die BVB-Frauen in der Rückrunde

Was wird die große Herausforderung in der Rückrunde?
Barna: Wir haben quasi noch einmal eine ganz neue Mannschaft. Im Sommer hatten wir acht Wochen Vorbereitung, jetzt haben wir ständig Vorbereitung.
Busch: Wir haben alle Konkurrenten zu Hause, und wir haben gegen keinen Top-Verein verloren. Die Herausforderung wird sein, vermeintlich leichte Gegner immer ernsthaft zu bespielen.

Ein Problem der Vorsaison…
Busch: So haben wir auswärts im vergangenen Jahr den Aufstieg verspielt. Jetzt machen wir nichts anders. Außer vielleicht, dass auf den Fahrten die Handys eingesammelt werden.

Das müssen Sie uns erklären, Frau Barna!
Barna: Ich war immer so einsam. Jetzt kommen alle zu mir und reden mit mir (lacht). Nein, ich denke, es kann nicht schaden, sich auch auf der Fahrt schon auf die Aufgabe zu konzentrieren. Es wird mehr miteinander gesprochen, als wenn alle in ihr Handy starren. Im Idealfall reden sie auch über Handball und den Gegner.

Wieviel Disziplin braucht eine Frauenmannschaft?
Barna: Wir haben natürlich einen Strafenkatalog. Aber wenn mir die Halsader anschwillt, wissen die Mädels auch so, dass sie vorsichtig sein müssen (lacht). Disziplin ist wichtig, es gibt Regeln, die man einhalten muss. Dafür kann die Mannschaft das auch von mir einfordern. Ich bin auch der Meinung, die Mannschaft der letzten Saison war nicht diszipliniert genug.


Mit welchem Konkurrenten rechnen Sie in der Rückserie besonders?
Busch: Mit Bensheim. Die haben bis auf uns auch alle Top-Teams zu Hause.
Barna: Ich warte mal ab, wie es mit Zwickau weitergeht. Sie hatten eine schwere Phase, aber sie haben Qualität.

Welche Signalwirkung ginge von einem Aufstieg aus?
Busch: Die wäre immens. Dortmund war immer eine Stadt, in der Spitzenleistungen honoriert wurden. Die Zuschauerzahlen würden noch weiter steigern.
Barna: Die Handballabteilung ist ohnehin schon kein schlechter Werbepartner, wir arbeiten leistungsorientiert, wir bieten guten Sport, der viele Leute anzieht. Wir würden als Erstligist noch mehr wahrgenommen.
Busch: Wir würden kontinuierlich weiterarbeiten. Aufstieg bis zur Meisterschaft, dann aber die Mannschaft nicht bezahlen können, das wird es nicht geben.

Was muss insgesamt noch getan werden?
Busch: Der Nachwuchs ist weiter eine große Baustelle. In der A- und B-Jugend müssen wir mehr machen, wir haben da Talente, denen wir was anbieten müssen.
Barna: Wir haben schon Strukturen geändert, doch diese Mechanismen greifen natürlich etwas verzögert. Wichtig ist, dass die Zweite die 3. Liga hält. Und nur, wenn die Strukturen stimmen, kommen Talente auch freiwillig zu uns.