„Aus dem tiefen Tal sind wir heraus“

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Lünen..  Am kommenden Sonntag steigt in der Sporthalle Dammwiese die alljährliche Stadtmeisterschaft im Turnen. Über die Veranstaltung und das Turnen als Sport sprach unsere Zeitung mit Marion Buthe-Murawski (58), sie ist die Vorsitzende der Fachschaft im Stadtsportverband.

Ist Turnen eigentlich noch angesagt bei den Kindern und Jugendlichen in Lünen?

Buthe-Murawski: Vor etwa zwei, drei Jahren hatten wir schon die Befürchtung, dass wir in ein tiefes Tal kommen. Das lag aber an deutlich verschärften Bewertungskriterien für die diversen Übungen. Die wurden bis auf die unterste Ebene den Kriterien angepasst, die auch bei Olympia, Weltmeisterschaften oder deutschen Titelkämpfen gelten. Das konnte man durchaus kritisch sehen.

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Nehmen wir mal den Strecksprung mit Rolle vorwärts oder rückwärts samt Handstand. Da reichte es früher - wenigstens bei den Kleinen - dass der Handstand angedeutet war, dafür gab es dann Punkte. Heute muss der Handstand absolut korrekt ausgeführt werden, sonst gilt die Übung als nicht geturnt. Ein anderes Beispiel ist der Salto, der jetzt zum Standardrepertoire gehört. Von der Wertigkeit ist der Salto damit dem Radschlag gleich gesetzt, auch wenn der viel leichter zu lernen ist.

Welche Folgen hatte das für die Entwicklung in den Vereinen?

Turnerinnen, die schon ein wenig älter waren haben sich gefragt, ob sie sich die schwierigen Übungen noch antun wollen. Einige haben dem Sport dann den Rücken gekehrt. Mittlerweile ist diese Entwicklung aber zum Glück gestoppt worden.

Wie viele Lüner turnen denn überhaupt?

Da muss man unterscheiden. Und zwar zwischen dem breitensportlichen Turnen, das in diversen Gruppen Hunderte auch in Lünen ausüben. In Bezug auf die Stadtmeisterschaft reden wir aber über das sportliche Kunstturnen und da kommen wir auf 90 bis 100 Aktive in den Vereinen Lüner SV, VfB Lünen, SV Preußen und in meinem Verein, dem TV Lünen 1978. Also werden etwa 80 Turnerinnen und 20 Turner am Sonntag in der Halle Dammwiese sein. Früher waren bei der Stadtmeisterschaft in Spitzenjahren 150 bis 160 an den Geräten, aber das ist schon eine ganze Weile her.

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Wie steht es denn um die Nachwuchsförderung?

Beim Turnen ist das schwierig, weil es eine sehr spezielle und schwer zu lernende Sportart ist. Sagen wir mal so: Zum Handball können Sie Ihr Kind schicken und da darf es dann wahrscheinlich gleich mitspielen und sich ausprobieren. Beim Kunstturnen würde es wahrscheinlich erst einmal zuschauen müssen und zunächst die Grundlagen lernen.

Ganztagsschulen und das Abitur nach zwölf Jahren fördern sicher auch nicht gerade das Vereinsleben?

Diese Entwicklung ist sogar eine große Gefahr. Nicht nur für die Turnvereine, sondern für alle Sportvereine. Ich finde das absurd, wenn ein Kind oder Jugendlicher wegen der Schule den Sport aufgeben muss. Aber das kommt leider öfter vor.