Der Orientierungslose – ein Selbstversuch in Bottrop

Die 15 Kontrollpunkte sind auf der Karte markiert.
Die 15 Kontrollpunkte sind auf der Karte markiert.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Adler 07 begrüßt 140 Teilnehmer zum 30. Geburtstag des Volks-Orientierungslaufs. Auch WAZ-Redakteur Björn Goldmann geht auf die Strecke. Ein Erfahrungsbericht.

Bottrop..  Ich habe mich verlaufen. Nach gefühlten 700 Metern. Es muss so sein, denn der Kontrollpunkt neben mir gehört zu einem ganz anderen Streckenabschnitt. Mist, zu weit gelaufen! Also wieder zurück. Es ist ein Spielchen, das sich in den kommenden Minuten noch einige Male wiederholen wird. Der 30. Volks-Orientierungslauf der DJK Adler 07 ist mein allererster. Worauf habe ich da nur eingelassen?

Wenige Minuten zuvor: Mit Oberbürgermeister Bernd Tischler und dem Adler 07-Gesamtvorsitzenden Dieter Wenzel stehe ich auf dem Schulhof der Janusz-Korczak-Gesamtschule. Die Orientierungslauf-Abteilung der Adler hat zum 30. Volks-Orientierungslauf geladen. Ein runder Geburtstag also, bei dem auch der ein oder andere Nicht-Orientierer auf die Strecke gehen soll. Nicht-Orientierer – das trifft es ganz gut. Ohne Navigationsgerät wäre ich seit Jahren im Straßenverkehr aufgeschmissen und auch in den Wäldern um Koblenz gehörten Karte und Kompass während der Bundeswehrzeit nicht zu meinen Freunden. Doch anders geht es nun einmal nicht, in den Händen halte ich eine bunte DIN-A4-Karte im Maßstab 1:4000. 15 Ziele sind darauf markiert – Kontrollpunkte, die in der vorgegebenen Reihenfolge abgelaufen werden müssen. „Das ist ein Anfängerkurs, das kriegen Sie hin“, sagt Mitorganisator Dieter Schlaefke lächelnd am Start. Na ja...

Moderne Schnitzeljagd

Zurück auf der Strecke: Ich habe ihn gefunden, den kleinen Kasten mit der Nummer 31. Er steht an einem Baum auf einem Spielplatz am Prosperpark. Schnell den kleinen Computerchip einführen, den ich am Finger trage. Es piept, ein rotes Lämpchen leuchtet auf. Weiter geht’s. Auf einem kleinen Zettel sind die Nummern der Kontrollpunkte und kleine Zusatzinfos notiert. „Westspitze der länglichen Kuppe“ oder „Busch an der Nordseite“ steht darauf. Ich fühle mich ein bisschen, als wäre ich in einem Hörspiel der „Drei ???“ gelandet. Orientierungslauf – das ist eine Mischung aus klassischer Schnitzeljagd und Ausdauersport. Schnelligkeit ist fast Nebensache, ein guter Orientierungssinn und das richtige Lesen der Karte führen zum zügigeren Erfolg. In meinem Kopf bildet sich allerdings gerade ein viertes Fragezeichen. Oh nein, schon wieder verlaufen?

Der Prosperpark ist inzwischen gut gefüllt: 140 Teilnehmer sind zum runden Geburtstag des Volkslaufs gekommen, sie alle sind jetzt unterwegs und suchen nach den verschiedenen Kontrollpunkten. Sie sprinten die Halde hinauf, bahnen sich ihren Weg durchs Geäst oder biegen ins anliegende Wohngebiet ab. Wasser spritzt beim Durchpflügen der zahlreichen Pfützen, an den Schuhen der Läufer bilden sich dicke Matschkrusten. Die Kontrollpunkte liegen versteckt hinter Bäumen, am Fuße von Kellerabgängen oder hinter einem Fahrradschuppen.

Zwei weitere Kästchen habe ich mittlerweile gefunden, inzwischen macht auch die Karte mehr Sinn, ich erkenne Gebäudeumrisse und Schleichwege. Selbst der noch nicht ganz verheilte Bänderriss im linken Fuß spielt keine Rolle mehr, der Ehrgeiz ist größer. Der nächste Kontrollpunkt, er muss hier irgendwo sein. Auf der Halde selbst ist er, mitten im Schacht der schmückenden Seilscheibe aus alten Zechentage. Der Unterschied zwischen Amateur und Profi wird hier besonders deutlich: Ich klettere die sechs nassen Sprossen der Metallleiter umständlich hinunter, während das der Adler-Nationalläuferin Esther Doetsch eindeutig zu lange dauert. Sie springt kurzerhand in die Grube. Piep.

36:57 Minuten ergibt die Auswertung des Chips im Ziel – für eine Strecke von knapp zwei Kilometern. OB Tischler grinst und nippt an einem Becher Tee. Er ist schon lange da, knapp 17 Minuten benötigte er. Noch schneller war allerdings Nachwuchsläufer Anton Knoll mit 15:41 Minuten. Anton ist zehn Jahre alt.