Der Bottroper Sport auf dem Therapiesofa

Selbst die Großen erwischt es: Marco Reus und Borussia Dortmund waren zeitweise Letzter. Auch im Bottroper Amateursport ist der Kampf um den Klassenerhalt ein Dauerthema.
Selbst die Großen erwischt es: Marco Reus und Borussia Dortmund waren zeitweise Letzter. Auch im Bottroper Amateursport ist der Kampf um den Klassenerhalt ein Dauerthema.
Foto: imago/ActionPictures
Was wir bereits wissen
Serie „Rote Laterne“: Ein Gespräch mit dem Sportpsychologen Lothar Linz über verlorene Spiele – und warum es hilfreich ist, diese einfach zu akzeptieren.

Bottrop..  Kein Sportler möchte Letzter sein. Ganz unten auf dem Tabellenboden fühlt es sich selten angenehm an. Doch welche Auswirkungen hat das Tragen der Roten Laterne eigentlich auf das Seelenleben der Betroffenen? Wie kommt man zurück nach oben? Ein Gespräch mit dem Sportpsychologen Lothar Linz.

Herr Linz, beginnen wir mit einer Beobachtung: Für ein Gespräch dieser Artikelserie wollte unser Fotograf Bilder von Spielern einer Reserve-Fußballmannschaft machen. In der Kabine zogen sich gleichzeitig auch Spieler der Erstvertretung um. Die sprangen plötzlich panisch auf und flüchteten aus der Kabine. Als wäre das Dasein als Tabellenletzter eine ansteckende Krankheit.
Linz: Verrückt. Aber es stimmt: Tabellenletzter zu sein, ist nie angenehm und teilweise auch mit Scham verbunden. Oft werden die Sportler ja auch von ihrem Umfeld außerhalb des Sportplatzes darauf angesprochen. Der Sportler muss sich ein Stück weit rechtfertigen.

Was bedeutet es überhaupt, Tabellenletzter zu sein?
Das ist nie ganz einheitlich, es kommt auf die Erwartungen an, mit denen eine Mannschaft in die Saison geht. Für starke Klubs mit hohen Erwartungen ist das Tabellenende ein Tabu. Nehmen wir Borussia Dortmund als Beispiel in der Fußball-Bundesliga: Ein hochkarätiges Team mit Ambitionen in der Champions League steht plötzlich unten – das ist ein Schock. Der Verein braucht eine Weile, um das erst einmal zu realisieren. Der Anspruch ist nun, so schnell wie möglich wieder nach oben zu kommen. Das bringt einen enormen Druck mit sich. Denn Klubs dieser Kategorie haben einfach viel mehr zu verlieren als andere, die sich von vornherein den Klassenerhalt als Ziel gesetzt haben. Aufsteiger oder schwächere Teams mit Abstiegskampferfahrung spielen mit weniger Druck auf, sie haben niedrigere Erwartungen. Sie gucken von Spiel zu Spiel und freuen sich über jeden Punkt. Der Umgang mit dem Dasein im Tabellenkeller hängt also auch von der Perspektive ab, mit der man die Situation betrachtet.

Die Angst vor dem Abstiegsgespenst dürfte trotzdem bei allen gleich groß sein.
Abstiegsangst ist in jeder Liga ein Thema. Aber die beginnt ja nicht erst auf dem letzten Tabellenplatz, sondern schon im Mittelfeld.

In der frühen Phase der Saison sagen selbst die Führenden, dass jeder Sieg einer gegen den Abstieg ist.
Da sind wir wieder bei den Erwartungen. Da wird von einigen Trainern als Selbstschutz häufig tiefgestapelt. Einem Aufstiegsfavoriten wird ein solcher Satz kaum über die Lippen gehen.

Manchmal setzt mit dem Aufsetzen auf den letzte Tabellenplatz auch Resignation ein: Die Stimmung wird schlechter, nichts gelingt mehr.
Die Stimmung beim Letzten ist eben anders als beim Tabellenführer – weil man eben so oft verliert. Auch das Training macht weniger Spaß. Hinzu kommt: Als Schlusslicht macht man häufig mehr Fehler. Risiken werden gemieden, man spielt unsicher. Man verkrampft. Die Wahrnehmung ist dann oft: fehlendes Glück, fatale Schiedsrichterentscheidungen. Das ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Die Selbstaufgabe kommt aber meist erst, wenn der Abstand zum rettenden Ufer zu groß ist, wenn wirklich alles verloren ist. Manch ein Spieler sucht in dieser Situation auch sein Glück bei einem neuen Verein. Es ist eben immer auch eine Charakterfrage, wie jeder mit der Situation umgeht. Aber es kann auch den Gegeneffekt geben.

Der wäre?
Man wird lockerer, gerade weil man nichts mehr zu verlieren hat. Nicht ohne Grund tut sich mancher Tabellenführer beim Spiel gegen den Letzten schwer. Denn häufig ist der Letzte sehr motiviert, wenn noch der Hauch einer Chance auf den Klassenerhalt besteht.


Wie muss sich der Trainer in dieser Situation verhalten?
Er muss positiv bleiben, ein Vorbild sein. Wenn auch der Trainer aufgibt, ist alles vorbei. Er muss zeigen: Ich glaube an euch! Vielleicht muss er nicht immer den Sieg fordern, sondern erst einmal kleine Erfolgserlebnisse anvisieren. Bleiben wir beim Fußball, da könnte es heißen: Möglichst lange die Null halten, mehr Strafraumaktionen forcieren oder Spieler x vermehrt in Szene setzen. Ein Trainingslager oder gemeinsame Aktionen können das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und das Team zusammenhalten. Der Coach darf auch beim Training nicht nachlassen, er muss sich weiter engagieren, Perspektiven bieten.

Wenn er nicht entlassen wird, was auch in der Kreisliga bei Erfolglosigkeit häufig passiert.
Klar, so lange er da ist, muss er positiv bleiben. Die Statistik zeigt aber: Trainerwechsel lohnen sich nicht. Sie mögen in Einzelfällen funktionieren und kurzfristig Erfolge bringen, mittelfristig aber nur selten.

Ein chinesisches Sprichwort besagt: Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage ist Waise.
Misserfolg wird in unserer Gesellschaft generell abgelehnt – dabei gehört er doch zum Leben dazu. Man sollte die Niederlage nicht als Tabu sehen, sondern als Teil des Sports. Die Chance, ein Finale zu verlieren, stehen immerhin 50:50. Werden Niederlagen akzeptiert, kommt man auch leichter zu Lösungen, es herrscht ein Stück weit weniger Angst. Am Ende steigen mehrere Mannschaften ab – das ist Realität und nicht zu ändern.