Sofia Herari ist auf gutem Weg nach ganz oben

Sofia Herari mit ihrem Bruder Roma (14) im Dojo Jugendzentrum Bochum Linden..
Sofia Herari mit ihrem Bruder Roma (14) im Dojo Jugendzentrum Bochum Linden..
Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Mit 12 Jahren ist das nun eingebürtige Karate-Talent Sofia Herari auf einem guten Weg nach ganz oben. Ein Porträt.

Fäuste fliegen zu lassen und Fußtritte auszuteilen, das mag Sofia Herari. Im sportlichen Wettkampf, versteht sich. Die 12-Jährige sieht mit ihrem zarten Körper fast schon zerbrechlich aus, aber der Eindruck täuscht: Sie ist Deutsche Karatemeisterin der Schülerinnen geworden. Für den Bochumer Karate-Verein sei sie wie ein „Sechser im Lotto“, sagt Trainer Horst Schwarz. Das Talent des Mädchens habe man früh erkannt, aber auf dem Weg zum Nationalkader, in dem Sofia jetzt kämpft, wurden den Heraris doch viele Steine in den Weg gelegt.

Angesteckt mit dem Karate-Fieber wurde Sofia von ihrem Bruder Roma (14). Nach einigen Trainingskämpfen auf dem heimischen Teppichboden entschloss sie sich, ihm nachzueifern – mit Erfolg. Bereits kurze Zeit später kam die Nachricht vom Deutschen Karate Verband (DKV): Sofia soll als eines der vielversprechendsten Nachwuchs-Talente in Deutschland in den Nationalkader aufgenommen werden. „Mein Fernziel ist es, Weltmeisterin zu werden“, sagt sie selbstbewusst. Mit dem Bundesadler auf ihrem Anzug wäre sie diesem Traum schon einen großen Schritt näher. Die Gegner waren in diesem Fall aber nicht andere Schülerinnen und auch keine Karate-Weltmeister, sondern die deutsche Bürokratie - und beinahe hätte Sofia Herari diesen wichtigen Kampf verloren.

Vor zwölf Jahren ist Familie Herari nach Deutschland gekommen. Der Vater stammt aus Afghanistan, die Mutter hat ihre Wurzeln in der Ukraine. „Ich war im Flugzeug nach Deutschland im Bauch meiner Mama“, erklärt Sofia stolz. Die afghanische Staatsbürgerschaft war es schließlich, die ihr in Deutschland den Zugang zum Nationalkader verwehrte. Nur wenige Tage nach der Zusage des DKV kam die Rolle rückwärts, die Absage.

„Euphorie und Glück“ hatte Sofia gefühlt, bis die deutsche Bürokratie ihren Traum jäh platzen ließ. „Ich war einfach nur sauer und traurig.“ Auch der Coach Andreas Fichtel konnte nicht dabei zusehen, das Potenzial des jungen Talentes einfach vergeuden zu lassen. „Andreas wollte mich dann auch in das afghanische Nationalteam stecken, aber dort gibt es keine Frauenmannschaft“, erzählt Sofia. Heute kann sie darüber lachen, denn dank der großen Unterstützung ihres Heimatvereins und des Kampfgeistes ihrer Familie hat sich das Blatt für die 12-Jährige mit den großen Kulleraugen doch noch zum Guten gewendet.

Erst nach Vollendung des 16. Lebensjahres wollte man Sofia, die in Deutschland geboren ist, die deutsche Staatsbürgerschaft erteilen. Die Trainer Horst Schwarz und Andreas Fichtel haben für das Mädchen und auch für ihren Bruder, der ebenfalls auf den deutschen Pass wartet, deshalb alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Dann haben wir Gas gegeben. Hilfe vom Rechtsanwalt eingeholt, die Medientrommel gerührt und siehe da, plötzlich war es doch möglich“, erzählt Schwarz. Am 16. Juni, vor gut einer Woche, dann der große Tag: Die Geschwister erhielten die Urkunde zur deutschen Staatsbürgerschaft.

Sofia Herari hat zwar ein Engelsgesicht, hinter dem sich aber große Kampflust versteckt. Genau diese Mischung macht sie zur gefährlichen, da oft unterschätzten Karate-Gegnerin. Der große Bruder Roma erklärt Sofias Talent: „Wenn wir manchmal zuhause streiten, wundere ich mich immer wieder darüber, wie viel Zorn in diesem kleinen Körper steckt“, sagt er und grinst seine Schwester dabei herausfordernd an. „Aber jetzt mal ernsthaft: Sofia hat einfach den Blick dafür, was sie machen soll. Außerdem ist sie überhaupt nicht nervös.“ Konkurrenzkampf gibt es zwischen den Geschwistern nicht. „Nur manchmal bin ich ein bisschen neidisch, dass Sofia schon deutsche Meisterin ist“, gibt Roma zu. Welchen Pass die Geschwister in der Tasche haben, spielt für die beiden keine große Rolle. Karate-Kid Sofia bringt ihren Ehrgeiz auf den Punkt: „Mir ist egal, ob ich die deutsche oder die afghanische Staatsbürgerschaft habe. Ich will nur in die Nationalmannschaft.“