Bitte kein Frisurenschwimmen
12.10.2007 | 17:52 Uhr 2007-10-12T17:52:21+0200Sportmediziner Dr. Andreas Falarzik rät zu einem intensiveren Umgang mit Sport. Das gelte auch für Patienten mit körperlichen Beschwerden. Empfehlung: 1 500 Kalorien pro Woche durch Bewegung verbrennen
NEUE SERIE IM SPORT: HAUPTSACHE GESUND Sport macht den Körper munter. Deshalb sprach Kirsten Simon zum Auftakt der neuen WAZ-Serie "Hauptsache gesund" mit dem Wattenscheider Sportmediziner Dr. Andreas Falarzik über den Zusammenhang von Sport und Wohlbefinden.
Wer krank ist, sollte sich schonen. Stimmt das?
Dr. Andreas Falarzik: Die neuen Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation WHO sehen anders aus. Bis vor zwei Jahren wurde noch empfohlen, dass sich beispielsweise Herzkranke nur leicht bewegen sollten. Aber Studien haben gezeigt, dass Menschen, die mehr Sport machen, besser von ihrer Herzerkrankung wegkommen. Das gilt für andere Krankheiten auch. Schlappe Bewegung hilft nicht weiter. Ein Umdenken ist erforderlich.
Auch bei der Volkskrankheit Rückenschmerzen, unter der so viele Menschen leiden?
Falarzik: Auch diese Patienten müssen stärker beansprucht werden, als man früher angenommen hat. Wer Rückenschmerzen hat, geht vielleicht mal locker schwimmen. "Frisurenschwimmen" nennen wir das, wenn es nur um eine Art Beschäftigungstherapie geht. Sport ohne Intensität hat keinen Effekt auf die Organe. Die Leute müssen so belastet werden, dass ihre Gesundheit davon profitiert.
Wie sollte diese Belastung aussehen?
Falarzik: Patienten müssen an ein kraft- und haltungsorientiertes Sportverhalten herangeführt werden. Bleiben wir bei Menschen mit Rückenbeschwerden: Es ist wichtig, dass sie jemanden haben, der einen individuellen Trainingsplan zusammenstellt und das Training im Auge behält. Allgemein gilt: Jeder sollte dreimal pro Woche Sport treiben.
Gibt es Patienten, denen Sie keinen Sport empfehlen würden?
Falarzik: Es gibt keine Erkrankung, bei der die WHO von Bewegung abraten würde. Wer sich bewegt, wird im Vergleich immer besser abschneiden als jemand, der im Bett liegt und an die Decke guckt. Sportmediziner, die der Szene nahestehen, werden Bewegung empfehlen. Es ist doch logisch, angesichts der Tatsache, dass die vier großen Erkrankungen Rückenschmerzen, Tumorerkrankungen, Diabetes und Herz-Kreislauf-Geschichten durch Sport therapiert werden können. Regelmäßige Bewegung stabilisiert das Immunsystem so gut, dass Infekte weniger stark auftreten und schneller überwunden werden. Sport kann das Fortschreiten von Zivilisationskrankheiten wie Tumorbildung, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Zucker oder Rückenschmerzen verlangsamen oder ihr Auftreten vermeiden.
Auf was muss man beim Sport achten?
Falarzik: Vier Punkte sollten beim Training berücksichtigt werden: Kraft, Koordination, Dehnen und Entspannen. Dann profitiert der Patient am meisten. Sport kostet Zeit, deshalb kann der Lockruf einiger Studios, in 15 Minuten fit zu werden, nicht funktionieren.
Wie würden Sie auch ältere Menschen davon überzeugen, die Kurve zu kriegen und Sport zu treiben?
Falarzik: Vielleicht mit dem Satz, dass Sport das Altern aufhält oder verlangsamt. Mit Sport wird es möglich, aus einem unsportlichen 60-Jährigen einen aktive 50-Jährigen zu machen. Man sieht das an den alten Läufern: Die sehen oft noch aus wie junge Kerle.
Und wie finden Einsteiger den richtigen Sport?
Falarzik: Es ist wichtig, dass sie ordentlich betreut werden. Also nicht einfach in irgendein Studio rennen, bloß weil es günstig ist. Ein gründlicher Einstiegscheck, ein individueller Trainingsplan, die regelmäßige Betreuung und der Kontakt zu einem Sportmediziner sind wichtig. Grundsätzlich kann man sagen: Was von der Krankenkasse gefördert wird, kann nicht ganz schlecht sein.
Und was halten Sie vom so beliebten Nordic Walking?
Falarzik: Aus sportmedizinischer Sicht rate ich gerade Einsteigern davon ab. Die Stocktechnik ist etwas für Fortgeschrittene, sonst ist die Belastung für Knie- und Hüftgelenke zu stark. Ich empfehle Walking ohne Stöcke.
Wieviel Sport ist ideal?
Falarzik: 1 500 Kilokalorien pro Woche durch Sport zu verbrennen, müssen laut WHO sein. Wer zehn Kilometer in einer Stunde läuft, verbraucht ungefähr 500 Kalorien.
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