Locker auf die große Bühne

Soest..  Der Tag, nachdem sie die deutsche Leichtathletik aufgemischt hat, beginnt für Gina Lückenkemper mit Mathematik-Unterricht. Um was es da gerade geht? „Wenn ich das so genau wüsste“, antwortet die 18-Jährige ohne eine Sekunde zu zögern - und lacht.

Gina Lückenkemper ist schnell. Im Kopf. Auf den Beinen. Das macht die junge Frau vom LAZ Soest zu einer Verheißung für die Zukunft. Und zu einer positiven Erscheinung in der Gegenwart.

Eintrittskarte für die große Bühne

Am Wochenende bei den deutschen Meisterschaften der U23-Jugend in Wetzlar stieß sie in neue Dimensionen vor. Über 100 Meter sprintete sie im Zwischenlauf in 11,25 Sekunden eine Zeit, die für Aufsehen sorgte. Es ist die Zeit, die gefordert ist, um sich für die Weltmeisterschaft im August in Peking zu qualifizieren. Keine Jugend-WM, sondern die der Profis und Stars. Lückenkemper hat die Eintrittskarte für die große Bühne schon jetzt in der Hand.

„Es war einfach überwältigend“, sagt sie über die Erlebnisse in Wetzlar. Ein paar Freudentränen hat sie sich sogar von der Wange wischen müssen, so sehr war sie beglückt von diesem Lauf, der die Konkurrenz in Aufruhr versetzte. Dabei war er nicht einmal perfekt. Sagt sie. Der Start war besser als sonst, aber noch weit entfernt von sehr gut. Und auf den letzten Metern plagten sie Schmerzen im Oberschenkel. Eine muskuläre Verhärtung, deretwegen sie das Finale sausen ließ. „Da ist noch Luft nach oben.“ Sie meint das nicht so, aber es klingt wie eine Drohung.

Denn eine schnellere Nachwuchssprinterin als Lückenkemper gab es in Deutschland lange nicht mehr. Über die 100 Meter lieferte zuletzt die spätere Staffel-Weltmeisterin Grit Breuer eine bessere Zeit. Das ist fast ein Vierteljahrhundert her. Und über die 200 Meter - Lückenkempers eigentliche Parade-Disziplin - stellte sie Anfang des Monats eine neue deutsche Jahresbestleistung auf. 23,12 Sekunden. Schneller im Jugendbereich war zuletzt die Herdeckerin Sina Schielke im Jahre 2000.

Gina Lückenkemper weiß nicht, wo das alles hinführen wird. Sie weiß ja nicht einmal, ob sie von ihrer Eintrittskarte für die WM Gebrauch machen darf. Der Verband darf nur drei Athletinnen nominieren, zwei andere Läuferinnen haben die Norm schon unterboten. Und wenn Verena Sailer, Deutschlands schnellste Sprinterin, wieder startet, dann dürfte sie ihren Platz sicher haben. Aber es gibt ja auch Ersatzläufer. Und eine 4x100-m-Staffel. „Es steht noch nichts fest, aber die Chancen stehen gar nicht so schlecht“, ist Gina Lückenkemper optimistisch, beim Höhepunkt des Leichtathletik-Jahres dabei sein zu dürfen. Dafür hat sie viel getan. Sie hat an ihrer Muskulatur gearbeitet, ist kräftiger, schneller geworden. Seit Anfang des Jahres trainiert sie in Dortmund bei der LG Olympia unter der Obhut des Sprint-Spezialisten Uli Kunst.

Ihr Weg scheint vorgezeichnet. Scheint. Denn viel kann passieren. Ein Gelenk kann schmerzen, ein Band reißen, der Druck zu groß werden, die Erwartungen die Realität übersteigen. Dass sie ein Juwel sei, das erzählt man sich schon länger in der Branche, die nach Figuren sucht, wie Gina Lückenkemper eine ist: jung, locker, erfrischend - und erfolgreich in einer der interessantesten Disziplinen. Das hat jede Menge Potenzial.

Flapsige Sprüche

Aber die Welveranerin macht sich darüber keinen Kopf. „Ich spüre da keinen großen Erwartungsdruck“, sagt sie unbeschwert, „ich bin ja erst 18.“ Deshalb muss sie noch zur Schule. Im nächsten Jahr macht sie Abitur. Mathe hat sie als Drittfach. Derzeit geht es um Vektorrechnung. Das weiß sie. Das kann sie auch. Aber ein flapsiger Spruch war ihr dann doch lieber.