Laufen wie ein Uhrwerk
17.05.2008 | 13:33 Uhr 2008-05-17T13:33:00+0200
Essen. Sie heißen Hasen, Pacemaker, Brems- oder Zugläufer. Ihre Funktion: etwas zwischen laufendem Uhrwerk und Kindermädchen. Gerd Schäfer und Jörg Schranz sind zwei von ihnen und beim Karstadt-Marathon dabei.
Allerdings nicht ganz vorne. Das würde auch nicht ihrer Aufgabe entsprechen. Sie laufen auf Zeit – aber nicht auf Bestzeit. "Pacemaker wurden zunächst eingesetzt, um das Tempo hochzuhalten", erklärt Gerd Schäfer.
Nachdem der Marathon zum Traum des ambitionierten Breitensportlers avanciert ist, hat sich die Rolle verändert. Neulinge, und die sind es vor allem, die auf die Dienste der "Hasen" zurückkommen, lassen sich leicht von der besonders beim Start dicht gedrängten Läufermasse davontragen. "Da galoppieren die Beine", grinst Schäfer. "Bei Kilometer 25, 30 galoppieren die nicht mehr." Vielmehr komme es darauf an, einen langen Lauf "wie ein Dieselmotor auf einer Drehzahl zu laufen."
Tempomacher
Wer sich an den Positions-Luftballons orientiert, die die Hasen mit sich tragen, der hat gute Chancen nach 42 stetigen Kilometern zur anvisierten Zeit ins Ziel einzulaufen. Bei entsprechendem Trainingsstand, versteht sich. "Das Tempo muss schon den eigenen Möglichkeiten entsprechen", betont Schäfer. Wer einen Marathon inklusive gründlicher Vorbereitung bei guter Gesundheit hinter sich gebracht hat, der kann zu Recht stolz auf seinen körperlichen Zustand sein. Doch was kommt danach? "Noch mal zwanzig Sekunden, eine Minute schneller: Was hab’ ich davon?", umreißt Schäfer die Ratlosigkeit nach dem persönlichen Rekord. Aufs Siegertreppchen klettern ohnehin die Profis.
Ultraläufer
Jörg Schranz löste das Problem auf seine Weise. Wem 42,195 Kilometer zunehmend leicht fallen, der läuft eben fünfzig. Oder hundert. Oder einfach mal 24 Stunden lang. Schranz startet inzwischen bei sogenannten Ultra-Marathons und Triathlons. Bei der Hasen-Zeit von 4:45 Stunden, die er beim Karstadt-Marathon vorgibt, wird das für ihn zum Trainingslauf. Im April hat er an fünf aufeinander folgenden Tagen je 42 Kilometer absolviert, zur Übung. Herausforderungen sind relativ.
Genuss-Läufer
Wenn die beiden als Pacemaker an den Start gehen, dann aus anderen Gründen. Schranz und Schäfer, übrigens auch gemeinsam bei den Borbecker Raketen aktiv, erzählen beide von der Freude, die es ihnen macht, andere auf der Strecke zu begleiten. "Der Spaß in den Gesichtern, wenn die Leute im Ziel sind, die Euphorie", erklärt Schranz den Spaß an seinem Einsatz. "Man selber hat das ja nur einmal, beim ersten Mal. Dann wird das Routine." "Ich freu mich immer noch", erklärt Schäfer. Trotzdem, da sind sie sich einig, das erste Mal war doch etwas Besonderes.
Präzision ist alles
Während andere gegen die eigene Bestzeit oder die Altersgruppe laufen, heißt das Ziel der Pacemaker Pünktlichkeit. Dabei haben es die beiden Laufkameraden zu erstaunlicher Präzision gebracht. Schäfer plaudert aus dem Nähkästchen: Letztes Jahr startete er beim Karstadt-Marathon in Oberhausen, Schranz in Dortmund. Am "Come-Together-Point" in Gelsenkirchen wollten sie zeitgleich eintreffen. Weil in Dortmund gut 10.000 Läufer mehr starteten, kam Schranz zehn Minuten eher auf die Strecke. Da er als Pacemaker die Zeit halten musste, legte Schäfer, der damals rein privat unterwegs war, ein wenig zu, holte auf und schaffte es, mit einem Abstand von dreißig Metern zu Schranz in Gelsenkirchen einzutreffen. Wer die Rechenübungen an den Kilometerschildern anderen überlassen möchte, der ist bei einem wie ihm scheinbar gut aufgehoben. Aber nicht nur fürs gleichmäßige Traben sind die Hasen gut: Im Verlauf des Rennens wird aus dem ursprünglichen Brems- oft genug ein Zugläufer. Wenn die Beine nicht mehr wollen, dann lenken sie ab, sprechen Mut zu, motivieren. "Tempohalten, das macht so fünfzig, sechzig Prozent aus. Bespaßen, das sind vielleicht dreißig, vierzig Prozent", schätzt Jörg Schranz den psychologischen Effekt ein. Schranz reißt einen Witz, Schäfer fotografiert erst einmal eine Runde. Die Kamera hat er bei den meisten Läufen dabei. Für die beiden ist das Extrem längst zum Genuss geworden: "Kinderhände klatschen, Spaß haben, Fotos machen." Darum geht’s.
Gerd Schäfer und Jörg Schranz bloggen gemeinsam mit anderen Aktiven auf DerWesten. Klicken Sie sich rein und lesen Sie, was die beiden zu berichten haben!
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