Wie funktioniert Hypnose? Ein Selbstversuch beim Mentalcoach

Selbstversuch: Der Mentalcoach Michele Ufer hypnotisiert DerWesten-Redakteur Stefan Reinke.
Selbstversuch: Der Mentalcoach Michele Ufer hypnotisiert DerWesten-Redakteur Stefan Reinke.
Foto: Olaf Fuhrmann
Was wir bereits wissen
Hypnose fasziniert und ängstigt zugleich. Die Angst vor dem Kontrollverlust steht dabei im Vordergrund. Alles nur Vorurteile? Redakteur Stefan Reinke hat einen Selbstversuch gewagt und sich anschließend mit zwei Kunden des Mentalcoaches Michele Ufer über ihre Erfahrungen unterhalten.

Herdecke.. Was ist es für ein Gefühl, hypnotisiert zu werden? Wie ist es, wenn der Geist sich allmählich Richtung Trance verabschiedet? Irgendwie ist Hypnose ein Mysterium. Eines, dem ich gerne auf den Grund gehen würde. Im Selbstversuch. Die Angst, sich lächerlich zu machen, ist groß. Außerdem muss ich immer an eine Folge der Sitcom "Alf" denken. Der Außerirdische Katzenliebhaber lässt eine Taschenuhr vor Familienkater "Lucky" pendeln und sagt mit ruhiger Stimme: "Deine Augen werden schwer. Du glaubst, du bist ein Krapfen..."

Doch der Herdecker Mentalcoach und Sport-Psychologe Michele Ufer hat im Vorfeld erklärt, dass sein Ansatz nichts mit Show-Hypnose zu tun habe. Also lasse ich es auf einen Versuch ankommen. Im Beruf arbeitet Ufer unter anderem mit Profi-Sportlern, Freizeit-Athleten und Managern. Aber auch "normale" Menschen können sich in seine Hände begeben, etwa um Ängste zu bekämpfen..

Der Einstieg in die Welt der Hypnose ist etwas ernüchternd, denn Ufer entmystifiziert den Begriff. "Im Alltag kann jeder einen Zustand der Trance erreichen", sagt der 41-Jährige. Schon das ziellose Starren aus dem Fenster könne zu einer Art Trance führen. Oder bei langen Autofahrten, bei denen Gasgeben, Kuppeln, Bremsen wie automatisiert ablaufen, könnte eine Trance einsetzen.

Mit Selbsthypnose lange Läufe bewältigen

Ufer nutzt Selbsthypnose, um strapaziöse Läufe wie den Marathon am Mount Everest zu absolvieren. Ganz so hoch hinaus will ich nicht, bei mir soll es nur für den Berlin-Marathon reichen. Da stellt sich die Frage: Kann Hypnose das Training oder gar den Lauf am großen Tag erleichtern?

Ufers Räumlichkeiten sind spärlich eingerichtet. Eine Couchgarnitur aus braunem Leder steht am Fenster. An einer Wand stehen zwei knall-orangefarbene, gemütliche Liegesessel. Darüber spendet eine Lampe dezentes Licht in wechselnden Farben. Aber davon, esoterisch zu wirken, ist dieser Raum Ewigkeiten entfernt; sonst hätte ich auch schon längst das Weite gesucht.

Möglichst konkrete Ziele formulieren

Ufer fragt in einem Vorgespräch nach meinen Zielen und was ich durch die Hypnose zu erreichen gedenke. Dabei erklärt der Coach, dass es immer sinnvoll sei, möglichst konkrete Ziele zu haben. "Ich will keinen Stress mehr haben" ist beispielsweise zu pauschal. Wenn man das Ziel umformuliere und konkretisiere, ließen sich jedoch Erfolge erzielen. Bei der Rauchentwöhnung etwa sei Hypnose eine große Hilfe. Brauche ich aber nicht. Oder beim Abnehmen. Brauche ich schon eher.

"Ich hatte eine Kundin, die unbedingt ihr Gewicht reduzieren wollte," erzählt Ufer. Zunächst habe er mit ihr das Ziel genauer definiert: Hatte sie ein bestimmtes Wunschgewicht? Gab es eine bestimmte Hose, in die sie gerne wieder passen würde? Das Ziel solle möglichst bildhaft sein und emotional aufgeladen vor das innere Auge gerückt werden können, erklärt Michele Ufer. Man müsse sich "eine Erinnerung an die Zukunft" schaffen. Diese "Erinnerung" verfestigt Ufer dann mittels Hypnose im Kopf. Die Frau nahm ab, erreichte ihre gewünschte Konfektionsgröße. Ohne Jojo-Effekt.

Mit Hypnose körperliche Grenzen erweitern

Ich will erst einmal testen, wie es sich überhaupt anfühlt, in Trance geführt zu werden. Da es bei mir im Marathon-Training auch um das Ausloten und Verschieben körperlicher Grenzen geht, macht Ufer zwei erstaunlich simple Übungen mit mir, die zeigen sollen, wie Geist und Körper zusammenspielen.

Ich soll mich hinstellen. Keine Couch, kein Pendel. Stattdessen soll ich den rechten Arm ausstrecken, den Daumen hochhalten und mich nach rechts drehen, bis es nicht mehr geht. Gesagt, getan. Ich drehe mich, irgendwann sticht ein kleiner Schmerz im Rücken. Ufer bittet mich, mit dem Daumen eine Stelle anzupeilen, um mir zu merken, wie weit ich mich gedreht habe. Dann wieder zurück in die Ausgangsposition.

Augen schließen und entspannen

Ufer beginnt mit der Hypnose. Ich soll die Augen schließen und mich entspannen. Mein Kopf versucht kurz, dagegen anzukämpfen und denkt an Alfs Krapfen. "Was, wenn der jetzt doch Unsinn macht?", fragen die Gedanken. Ufer redet in bestimmtem, aber ruhigen Ton auf mich ein. Ich soll mich weiter entspannen — und es klappt. Ich merke, wie ich allmählich leichter zu werden scheine. Die Füße merken nicht mehr, dass sie auf dem Boden stehen. Ein gutes Gefühl.

Laufblog Ufer weist mich an, mir vorzustellen, wie ich die Drehung abermals vollführe. Ich soll mir möglichst genau vorstellen, was ich beim Drehen sehe: die Couch, das Fenster, die zweite Couch, eine Zimmerpflanze, den Durchgang zum Nachbarzimmer. Währenddessen bin ich bei vollem Bewusstsein, aber total entspannt. Wach-Hypnose heißt diese Form der Behandlung.

Nun soll ich mir vorstellen, ich würde mich 20 Zentimeter weiter drehen als vorhin. Mit meinem imaginären Daumen soll ich einen Punkt 20 Zentimeter weiter rechts von der Stelle anpeilen, bei der meine erste Drehung stoppte. Mehrmals wiederhole ich den Vorgang.

Zusammenhang zwischen Geist und Körper

Dann bittet mich Ufer, die Augen zu öffnen. Die Entspannung lässt nach, ich kehre voll und ganz zurück. Jetzt zählt's: den Arm strecken, Daumen hoch, drehen. Ich sehe Sofas, Fenster und Zimmerpflanze am Daumen vorbeiziehen, erst dann sticht wieder der kleine Schmerz im Rücken. In der Tat mindestens 20 Zentimeter weiter als beim ersten Versuch.

Auch die zweite Übung hat etwas mit Körpergefühl und Körperkraft zu tun. Wieder stehe ich, soll den Arm diesmal aber zur Seite ausstrecken. Ufer gibt mir meinen Auftrag: "Deine Aufgabe ist, dass der Arm oben bleibt." — "Das kann ich", denke ich und spanne den Arm an. Ufer drückt von oben, bis mein Widerstand einbricht. So weit, so gut.

Nun soll ich wieder die Augen schließen und mir ein Negativerlebnis intensiv ins Gedächtnis rufen. Möglichst so intensiv, dass ich die Situation vor meinem inneren Auge sehen und nachfühlen kann. Ufer führt mich, ohne selbst zu wissen, woran ich denke. Seine ruhige Stimme leitet die Erinnerung. Als ich sage, ich sei soweit, soll ich den Arm wieder zur Seite strecken und anspannen. Ufer drückt, der Arm klappt völlig ohne Widerstand nach unten.

Positive Gedanken steigern die Leistungsfähigkeit

Wieder soll ich die Augen schließen, soll mich nun intensiv an etwas ausgesprochen Positives erinnern, einen Erfolg oder eine besonders gute Leistung. Wieder leitet mich die Stimme so lange, bis die Erinnerung so lebendig wie möglich ist. Ich öffne die Augen, Ufer drückt wieder auf meinen Arm. Diesmal ist der Widerstand viel stärker, Ufer braucht deutlich mehr Kraft, bis der Arm nach unten sinkt.

Zwei kurze Übungen, zwei mal Hypnose. Mein Fazit: Erstaunlich, wie wie sehr sich positive oder negative Erinnerungen auf das Leistungsvermögen auswirken, wenn man sich wieder in die entsprechenden Situationen hineinfühlt. Nun waren das lediglich zwei Schnupper-Hypnosen. Eine reguläre Sitzung bei Ufer würde mindestens eine Stunde dauern. Mehr als eine Sitzung sei aber meist nicht nötig. "Ich bin ein Anhänger von Kurzzeitberatung", sagt er. Wichtig sei es, lösungsorientiert zu arbeiten. "Ich gebe Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Ufer. "Im Idealfall mache ich mich so schnell wie möglich überflüssig."

Kurzer Einblick in die Welt der Hypnose

Eine Hilfe war der kurze Einblick in die Hypnose-Welt sicherlich. Mit den zwei Übungen hat Ufer mir eine kleine Anleitung gegeben, was ich beim Laufen anders machen kann: positive Erinnerungen vor das innere Auge rücken, mir intensiv vorstellen, wie ich besonders schnell oder weit laufe. Am besten vor dem Training in mich gehen und auf die anstehende Einheit konzentrieren. "Das ist das, was Skifahrer machen, wenn sie vor dem Start in Gedanken die Piste abfahren", erklärt der Sport-Psychologe.

Der Hypnose-Selbstversuch hat schon veranschaulicht, dass eine Trance kein Zustand der völligen geistigen Abwesenheit sein muss. Die Wach-Hypnose führt den Hypnotisierten zwar eine Trance, er ist dem Hypnotiseur aber nicht willenlos ausgeliefert. Die Aktiv-Wach-Hypnose hat noch weniger mit dem, was gemeinhin mit Hypnose verbunden wird, zu tun. Sie findet in Bewegung statt, auf dem Fahrrad-Ergometer oder sogar draußen auf der Laufbahn.

100 Kilometer auf der Tartanbahn — barfuß

Wie bei Max Manroth, passionierter Barfuß- und Extremläufer. Nach einer Achillessehnen-Verletzung konnte Manroth nicht mehr in Schuhen laufen und wollte aufs Barfußlaufen umsteigen und beim 24-Stunden-Lauf der Westfälischen Rundschau mitlaufen. "Ich war vorher noch nie barfuß gelaufen. Die Prinzessin auf der Erbse war eine Hardcore-Tante gegen mich", so Manroth über seine empfindlichen Fußsohlen.

Manroth und Ufer trafen sich zu einer Sitzung und mehreren gemeinsamen Läufen. "Die Herausforderung war, dass Michele sich in einem Interview verplappert und gesagt hatte, er betreue einen Mann, der beim 24-Stunden-Lauf 100 Kilometer barfuß laufen will", erinnert sich Manroth. Klar war: Die Fußsohle musste halten und Manroth sollte nicht an die verletzte Achillessehne denken. So ging Manroth an den Start im Stadion Rote Erde, begleitet von Ufer. In der Nacht hatte es angefangen zu regnen. "Das war en richtiger Sturzregen. Das Wasser ist überhaupt nicht von der Bahn abgelaufen", schildert er die Bedingungen. "Ich habe gedacht, ich bekomme aufgequollene Badewannenfüße." Hatte er aber nicht.

Mit Hypnose den Durchhänger überwunden

Irgendwann, gegen 3 Uhr morgens, habe dann ein Durchhänger gedroht. Manroth erinnert sich: "Michele ist aufgestanden und mit mir gelaufen. Dabei hat er mir erzählt, wir liefen gerade über eine warme, weiche Wiese und alles sei gut."

Ufer hatte während des Laufs eine Aktiv-Wach-Hypnose durchgeführt. "Das war grandios", so Manroth, der nach erfolgreich absolviertem Lauf seine rauchende Ehefrau zu Ufer schickte und rauchfrei zurückbekam. "Was er mit ihr gemacht hat, weiß ich nicht — Hauptsache, sie raucht nicht mehr!"

Mit Hypnose die Höhenangst besiegt

Bevorzugt wendet Ufer die Wach-Hypnose an, bei der der Kunde dem Hypnotiseur bewusst zuhört und folgt. Den gängigen Erwartungen an eine Hypnose widerspricht das natürlich völlig — funktioniert aber offensichtlich.

Etwa bei Julia Vieler. "Ich habe mich hypnotisieren lassen, weil ich Höhenangst habe und gerne Läufe in den Bergen machen wollte", erklärt die Extrem-Läuferin. Zusammen mit Michele Ufer fand sie binnen anderthalb Stunden unter Wach-Hypnose den Grund für ihre Angst heraus. In ihrer Kindheit hatte sie im Urlaub in den Pyrenäen der offenbar waghalsige Fahrstil ihres Vaters auf engen Passstraßen derartig verängstigt, dass sich die Höhenangst bei ihr festsetzte. "Ich hätte nie gedacht, dass das daran liegt", so Vieler. Seit der Hypnose habe sie deutlich an Lebensqualität gewonnen. "Ich kann überall laufen, niemand muss mehr Angst haben, dass ich in Panik gerate", schildert die Liebhaberin langer Bergwanderungen.

Keine Show-Veranstaltung

Im Nachhinein ist für Vieler gar nicht mehr klar erkennbar, wo die Grenze zwischen Trance und Normalzustand lag. "Das war kein Reinrutschen. Es war eher wie eine normale Unterhaltung auf der Couch", schildert Vieler.

Die Themen, die in der Hypnose bearbeitet werden sollen, spricht Ufer zu Beginn der Sitzung mit den Kunden ab und lässt sich ein Mandat geben. Dann folgt die Hypnose, bei der Teile des Bewusstseins gewissermaßen abgelenkt werden, um an das Unterbewusste heranzukommen. Manroth sagt, er könne sich erinnern, wie Ufer ihm Fragen gestellt habe, "die ich eigentlich gar nicht beantworten wollte". Aber sie waren offenbar wichtig bei der Problemlösung. So gaben Manroths Finger zuvor vereinbarte Zeichen für "Ja" oder "Nein". "Ich habe mich gefragt, was da passiert. Ich wusste, dass er nun in meinem Unterbewusstsein war", so Manroth. Unwohl oder veralbert habe er sich nicht gefühlt — im Gegenteil: "Das ist ja hier keine Show-Veranstaltung", so Manroth.