Trailrunning – wo ein Wille ist, ist auch eine Laufstrecke

Phoenix West bei Sonnenaufgang. Das Gelände bietet Möglichkeiten zum Trailrunning.
Phoenix West bei Sonnenaufgang. Das Gelände bietet Möglichkeiten zum Trailrunning.
Foto: Stefan Reinke
Was wir bereits wissen
Der neueste Lauftrend heißt offenbar Trailrunning. Statt auf asphaltierten oder zumindest befestigten Wegen rennt Läufer-Deutschland nun bevorzugt durchs Dickicht der Wälder. Über Stock und Stein, möglichst auf Wegen, die nicht als solche zu erkennen sind. Stefan Reinke hat es ausprobiert.

Dortmund.. Trailrunning ist cool. Glaube ich ich jedenfalls. Zunächst sehen die Schuhe viel cooler aus als gewöhnliche Laufschuhe. Unten sind Noppen dran, damit der Lauf im Gelände nicht zur Rutschpartie wird. Das Obermaterial sieht zudem irgendwie martialischer aus – oder einfach robuster. Wer Trails läuft, bewegt sich abseits der normalen Wege und muss untenrum natürlich entsprechend ausgerüstet sein.

Ich habe mich für eine nächtliche Laufeinheit der Laufschule Dortmund, die momentan einen Trailrunning-Kurs anbietet, angeschlossen und in die Welt des Geländelaufs geschnuppert. Treffpunkt: Phoenix West. Da laufe ich ja ohnehin gerne, aber so richtig "trailig" kam mir das Gelände bislang noch nicht vor. An einem kalten Donnerstagabend stehe ich also da mit einem Dutzend erfahrener Trailhasen zwischen Phoenix-Halle und Hochofen.

Strecke mit Klopapier markiert

Coach Oliver begrüßt uns und erklärt, dass er die zu bewältigende Strecke bereits abgelaufen sei und markiert habe – mit Klopapier, weil das im Dunkeln gut sichtbar und nach dem Lauf biologisch abbaubar ist. Er blickt auf unsere Schuhe und erkennt, dass ich wohl nicht der einzige Teilnehmer mit Straßenschuhen bin. "Kein Problem", sagt der Coach. Nur an zwei Stellen könnte es rutschig werden, darunter ein steiler, matschiger Abhang. "Herzlichen Glückwunsch", denke ich und überlege kurz, ob ich nicht eine Verletzung oder einen dringenden Anruf vortäuschen soll. Nee, nix da. Heute wird Trail gelaufen, und wenn ich abrutsche, habe ich mir die Schrammen wenigstens im ehrlichen Kampf mit dem Gelände verdient.

Glücklicherweise habe ich vom Halloween Run im Hoeschpark noch eine Stirnlampe, die ich auf meinen bemützten Kopf setze. Mit den Funzeln auf unseren Köpfen drehen wir zunächst eine lockere Aufwärmrunde um den Hochofen, noch begleitet vom mir bestens bekannten "Tapptapp" von Füßen auf Pflaster oder Asphalt. Nach einem Kilometer halten wir an und Oliver zeigt uns ein paar Lockerungsübungen, bevor wir uns dann ins Trailvergnügen stürzen. Die Kälte kriecht in meine Laufklamotten, es wird Zeit für den Start. Prompt verkündet Oliver, dass wir jetzt besser starten, bevor wir anfangen zu frieren. Kann der Mann Gedanken lesen?

Eierlauf über die Schotterwiese

Die markierte Strecke beginnt auf dem Grünstreifen, der - Kenner des Geländes aufgepasst - das Phoenix-West-Gelände oberhalb der Emscher Richtung Westfalenpark abgrenzt. Vom Gehweg aus orientieren wir uns sachte nach rechts auf die mit Schotter übersäte Wiese. Eine erste Härteprüfung für Schuhe und Fußgelenke. Da ich Trainingsmuffel bin, gehören Stabis natürlich auch nicht zu meinem Repertoire. Entsprechend wackelig eiere ich über die Wiese, bin aber nicht der langsamste Läufer. Doch die Schotterwiese war erst der Anfang. Jetzt wird es viel schlimmer.

Stadtentwicklung Wer die legendäre "Streif" von Kitzbühel kennt, weiß, was eine Schrägfahrt ist. So etwas Ähnliches, natürlich in ganz klein, erwartet das Läufergrüppchen jetzt. Über eine schräg zur Emscher hin abfallende, feuchte und somit auch rutschige Wiese laufen wir in Richtung Westfalenpark. War das Laufen auf der Wiese noch ein Eiertanz, ist das hier schon eine echte Prüfung. Zum ersten Mal versagt das Material, die Schuhe wollen nicht da hin, wo ich hin will. Ich schalte einen Gang runter und greife nach dem Gestrüpp, das das säumt, was Trailrunner wohl Strecke nennen. Ich nenne es "No-Go-Area". Nach endlosen 20 Metern ist die Schräge bewältigt. Es folgt das von Oliver angekündigte Steilstück, das in Wahrheit eine Klippe ist. Ich lasse den Schein der Stirnlampe vorsichtig über die Kante wandern und sehe, dass der "Weg" sogar recht gut ausgetreten ist.

Bergab in kleinen, schnellen Schritten

Oliver coacht: "An steilen Stellen mit kleinen, schnellen Schritten gehen." Für Anfänger wie mich fügt er hinzu, dass es auch eine Möglichkeit gibt, das Steilstück zu umgehen. Aber aus der Richtung, in die Oliver zeigt, kommt das Rauschen der Emscher. Ich will aber nicht zur Emscher, sondern auf den unten im Mondlicht schimmernden Asphalt. Noch einmal tanzt der schwache Lichtkegel meiner Stirnlampe über das Steilstück. Alles halb so wild. Es gibt reichlich Stellen, an denen ich auch mit meinen Straßen-Asics Halt finden kann. Mit gezielten, kleinen Schritten laufe ich nach unten. Geschafft!

Laufblog Unten sammelt sich die Gruppe, Oliver erklärt kurz den weiteren Verlauf des Trails. Zunächst geht es wieder auf befestigten Wegen unter der Bahnlinie hindurch, dann an der Emscher entlang und schließlich sehr unverhofft ins Gebüsch. Irgendwie hat Oliver es geschafft, hier einen Trail zu finden. Die Dunkelheit macht es doppelt schwer, den Weg als solchen zu erkennen. Mit raumgreifenden Schritten eile ich den Hang nach oben. Wir sind nun auf einem Teil der alten Schlackehalde, die vom Hympendahl-Viadukt aus aufgefüllt wurde. Weiter geht es auf Schotter am Kreuzkröten-Habitat vorbei und wieder ins Unterholz.

Wir erklimmen den alten Bahndamm der Schlackebahn und laufen auf dem Trampelpfad, der sich auf dem schmalen Grat schlängelt. Hier war ich schon mal im Sommer bei Tageslicht mit Wanderschuhen und habe die Expedition irgendwann abgebrochen. Heute ist es kalt, dunkel und an meinen Füßen trage ich Schuhe, die nach zwei Marathons (und den jeweiligen Vorbereitungen) ihre besten Tage deutlich hinter sich haben. Aber: Es geht. Alles kein Problem, weil der Kopf beim Laufen das Denken den Füßen überlässt. Die finden den Weg fast von allein.

Das Geläuf ist nicht immer einfach

Der Trail führt im Wechsel über steile An- und Abstiege. Das Geläuf ist nicht immer einfach, aber auch für einen Neuling wie mich zu bewältigen. Kurz vor Schluss der Runde erklimmen wir noch einmal den alten Bahndamm der Schlackebahn, passieren das südliche der beiden Widerlager des Hympendahl-Viadukts, um anschließend wieder auf einem schmalen Waldpfad abzusteigen. Auf Asphalt geht es zurück zum Startpunkt.

Wir warten auf die anderen Teilnehmer und starten als komplette Gruppe in die zweite Runde. Es hilft, dass ich den Weg jetzt kenne. Die Schräge nehme ich etwas problemloser als in Runde Eins. Ich schwatze mit Oliver und bin so ein wenig abgelenkt. Bei den nächsten Bergauf-Passagen spüre ich meine Oberschenkel. Trailrunning stellt eine ganz andere Belastung dar als das Laufen auf ebenem Untergrund. Nachdem wir die zweite Runde abgeschlossen haben, starten ein paar Mitläufer noch in eine dritte. Ich höre auf meinen Körper, der mir mit wackeligen Füßen zu verstehen gibt, dass er keine Lust mehr auf Trailrunning hat. Also laufe ich noch eine Runde auf der Straße um den Hochofen.

Das war sie also, meine erste Trail-Erfahrung. Es war sehr interessant und fordernd. Ich habe neue Schmerzen entdeckt, die ich vom Straßenlauf noch nicht kannte. Die Kilometerzeiten waren durchweg rund eine Minute langsamer als im Flachen. Dennoch hatte ich zu keiner Zeit das Gefühl, langsamer zu laufen. Es ist einfach eine völlig andere Art des Laufens: mal dynamisch, mal vorsichtig, insgesamt arhythmischer, Aber eines ist klar: Wenn ich jetzt öfter trailrunnen möchte, brauche ich – mal wieder – neue Schuhe. Aber ich und Schuhe, das ist ein anderes Thema...

Lauflog:

Vorletzter Lauf: 13.11.2014, Trail auf Phoenix West, 7,4 km in 53:30 Minuten

Letzter Lauf: 19.11.2014, 10 km in 54 Minuten