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Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun

19.04.2010 | 13:37 Uhr

Weeze. Einmal im Jahr verwandelt sich Weeze am Niederrhein zum Treffpunkt für Ausnahmesportler: Beim Strongmanrun, einem Hindernislauf, testen sie ihre Grenzen aus. Für DerWesten ging Sina Heilmann an den Start. Das Ergebnis: Muskelkater, Sonnenbrand, ein kaputtes Knie und ein großes Glücksgefühl.

Es war nur gut gemeint, das weiß ich. Weh tut es dennoch. Mein rechtes Knie ist böse aufgeschürft, dabei wollte der nette und vor allem hilfsbreite junge Mann mich doch nur über die Röhre schieben. Betonröhren, Autoreifen, Heuballen und Treibsand gehören für die Starter beim Strongmanrun dazu. Das soll kein Lauf sein wie jeder andere. Wer mitläuft, will zeigen, dass er stärker ist als der Schmerz.

Er schob und schob, mein Knie schürfte über den Beton und schürfte und schürfte. Autsch. Besonders ärgerlich: Hochgekommen auf das Röhren-Hindernis bin ich dennoch nicht. Das ging erst, als der Mann mich hochzog. Das passierte bei Kilometer 14,3 am Spinnennetz. Da wollte ich eigentlich schon längst gemütlich auf der Wiese liegen und die anderen dabei beobachten, wie sie sich quälen.

Der Vorsatz: Eine Runde schaffen beim Strongmanrun

Der Spinnennetz war das schwierigste Hindernis.

Eine Runde, ok, das mache ich. So mein persönlicher Vorsatz für den StrongmanRun 2010. Eine Runde sind neun Kilometer. Das reicht schließlich, um jedes Hindernis einmal zu sehen, zu laufen und zu überleben. Eine Runde reicht auch, um danach zu schreiben, wie es so war.

Beim Startschuss um punkt 12 Uhr am Sonntagmittag tut sich: nichts. Jedenfalls nicht bei mir im hinteren Teil des Starterfeldes. Neben mir hüpft ein Junge von einem Bein auf das andere. Ich hatte meine Nervosität nicht nur in unzähligen Dixiklo-Besuchen zum Ausdruck gebracht. Auch die Schuhe habe ich mir viermal zugebunden - entweder sie fühlten sich zu locker an oder sie schnürten ein. Endlich setzte sich die Menschenmasse langsam in Bewegung. Gemütlich geht’s los – wie immer, wenn viele Menschen gleichzeitig meinen, loslaufen zu wollen.

Mit einem Sonntagsspaziergang fing alles an

In Weeze sind es am Sonntag 6.955 Läufer, die sich gleichzeitig auf die 18 km lange Strecke begeben wollen. 8.940 Läufer sind gemeldet, viele stehen beim Startschuss noch im Anfahrtsstau, andere können nicht starten, weil Vulkanasche ihren Flug verhinderte.

Auch auf der Strecke geht erst einmal nichts. Gemütlich schlendern wir daher. An Laufen ist nicht zu denken. Ein Sonntagsspaziergang, denke ich mir. Warum auch nicht. Ich will ja nur mal gucken, was hier so los ist und warum es alle toll finden, wie die Kinder im Schlamm zu spielen.

Elivs und Borat waren auch dabei

Vor den Hindernissen gibt es Schlangen wie an der Supermarktkasse, wenn die Kassiererin die Bon-Rolle wechseln muss oder der liebe Opa von nebenan mit Ein-Cent-Stücken bezahlen möchte. 20 Minuten brauche ich für den ersten Kilometer. Das geht sonst schneller. In 3:30 Stunden sollte man es ins Ziel geschafft haben, sonst fällt man aus der Wertung. Mir ist das gleich. Ich will ja eh nur eine Runde laufen und würde damit ohnehin disqualifiziert.

Doch irgendwann läuft’s. Über Stock, Stein und Baumwurzeln. Ich sehe Elvis – ein paar Mal sogar. Ich sehe Borat – nur mit neongrünem Hosenträgertanga bekleidet. Und muss mich zwangsläufig fragen: Scheuert das nicht? Bemerkenswert, wie vielen Männern Strapse stehen. Es ist ein buntes Volk, das sich in Weeze auf die Strecke begibt. Ganz ohne Verkleidung fühlt man sich da fast sogar spießig.

Wer nicht schwimmen will, wählt die Pussy Lane

Das Wasser ist eine freudige Abwechslung zur brennenden Sonne.

Im zweiten Teil der Runde, der Weezer Wüstenlandschaft, fängt die Sonne an zu brennen. 22 Grad Celsius zeigt das Thermometer, der bisher wärmste Tag des Jahres. Alle freuen sich über das Wetter, denn die Hitze macht auch die gefürchteten Wasserhindernisse erträglich. Meist kann man durchs Wasser waten. Meist.

Der „Gulf of Weeze“ ist allerdings bis zu drei Meter tief. Für Nichtschwimmer gibt es die mit viel Feingefühl benannte „Pussy Lane“. Kurz überlege ich, spare mir dann aber die Strafrunde von 500 Metern und stürze mich in die Fluten – bei einer Runde kann man das ja ruhig mitmachen. Das Wasser hat elf Grad und das ist am Bauch dann doch etwas kalt. Ein paar Armzüge und ich strande am anderen Ufer. Noch ein paar Schüppen Sand in die Schuhe – das gibt einen netten Cocktail.

"Beiß die Zähne zusammen, verstanden?"

Es quietscht und knarrt. Nicht nur in den Schuhen. Der Sand knirscht zwischen den Zähnen, der Staub brennt in den Augen. Ich fühle mich wie bei einem Ausflug zum Meer, nehme die letzte Kurve und laufe das erste Mal auf den Zielbereich zu. Beim Training war ich mir sicher gewesen: An diesem Punkt wirst Du bereits auf allen Vieren kriechen, vielleicht sogar über die Ziellinie robben.

Von wegen: Ich fühle mich gut - sehe aber wohl nicht so aus. „Beiß die Zähne zusammen, verstanden?“, brüllt mich ein Zuschauer an. Hat der Mann meine Gedanken gelesen und gesehen, dass ich mich innerlich schon mit einem kühlen Getränk auf die Wiese lege? Mein einsamer Fan und sein Zuruf verwirren mich so, dass ich durch den Zielbereich laufe – und auf der zweiten Runde bin.

Für viele endet der Lauf im Sanitätswagen

Wenigstens muss ich jetzt nicht mehr anstehen. Mittlerweile hat sich das Läuferfeld so entzerrt, dass man fast überall sofort dran kommt. Wenn man denn möchte. Viele Hindernisse sind schon halb gesperrt, weil die Erde der Menschenmasse nicht standgehalten hat. Auch die Tümpel sind schon deutlich kleiner. „T-Shirts auswringen, sonst ist hier gleich kein Wasser mehr drin“, brüllt ein DLRG-Mitarbeiter uns zu.

Oft hört man jetzt Notarztwagen, die mit Blaulicht ums Gelände fahren. Die Sonne brennt, viele Läufer kämpfen mit Krämpfen. Für viele endet der Lauf im Sanitätswagen. Ich knicke ein paar Mal um, aus fehlender Konzentration. Und dann kommen das Spinnennetz und der hilfsbereite junge Mann.

Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Versprechen gegeben

Mein Knie blutet und brennt. „Da kommt jetzt dieses dreckige Wasser in die Wunde“, denke ich und frage mich: „Das in meinem Kopf, ist das schon ein Sonnenstich?“ Und während ich so nachdenke, kommt die Kollegin und hält mir ein Mikro unter die Nase. Ich erzähle irgendwas, an das ich mich schon kurze Zeit danach nicht mehr erinnern kann. Und wenn ich schon dabei bin, erzähle ich auch noch etwas in das Mikro eines anderen Mannes, der es mir auch unter die Nase hält.

"Sie sind verletzt. Geben Sie auf?" Nein!

Er sagt: „Sie sind verletzt. Geben Sie jetzt auf?“ Ich glaub’, ich hör nicht recht. „Bitte? Das sind doch jetzt nur noch vier Kilometer. So weit kommt’s noch“, entgegne ich entrüstet und laufe weiter. Im Augenwinkel sehe ich, der Herr war vom ZDF. Na super, ich habe im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesagt, ich gebe nicht auf. Jetzt muss ich mich auch dran halten, ist ja quasi eine fast schon staatliche Autorität, der ich das versprochen habe.

Es hätte schlimmer kommen können

Bergauflaufen, Bergablaufen. Zwischendurch ein Stückchen Gehen, sogar Krabbeln unter einem Förderband durch. Ich wate durch braunes Wasser, schwimme noch einmal ans andere Ufer, schimpfe mit mir, weil ich nicht an Sonnencreme gedacht habe, überhole einen Mann mit einem „Ironman-Finisher“-Shirt, bin deswegen kurz ein wenig stolz auf mich, bedanke mich bei einer Frau, die unermüdlich den erschöpften Gestalten zuruft: „Ihr seid toll, ihr schafft es alle!“ und biege erneut auf die Zielgerade ein. Der Durst treibt mich zu einem kleinen Endspurt an. 3:49 Stunden. Ich bin im Ziel. Als 362. von 601 Frauen.

Um noch etwas zu trinken zu bekommen, war ich wohl zu langsam, aber eine Medaille gibt’s. Nicht, dass ich sie gebraucht hätte. Schließlich habe ich meinen ganzen Körper als Beweisstück für die Teilnahme: ein höllischer Muskelkater, Sonnenbrand an Armen, Beinen und auf der Nase. Und eine Narbe am Knie. Es hätte schlimmer kommen können.

Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel...

Sina Heilmann

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Kommentare
19.04.2010
19:11
Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun
von MoerserBürger | #6

Toller und gut geschriebener Artikel! :-

19.04.2010
19:08
Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun
von Tobias1904 | #5

Toller und gut geschriebener Artikel! :-

19.04.2010
18:12
Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun
von hmg | #4

Wir sind stolz auf Dich!!

19.04.2010
15:46
Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun
von J.W.J.M. van Erve | #3

Tolle berichterstattung zu Strongman!
Bemerkenswert dass eine Redakteurin der WAZ
daran teilgenommen hat, um sozusagen
Hautnah zu berichten!

19.04.2010
15:45
Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun
von Beatrix.Gutmann | #2

Super Sina!

19.04.2010
14:13
Dreckig, blutig und glücklich - im Ziel beim Strongmanrun
von cevers | #1

amüsant :-

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