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Radsport

Lance Armstrong wird lebenslang gesperrt

24.08.2012 | 18:03 Uhr
Lance Armstrong wird lebenslang gesperrt. Zudem soll er alle Tour-de-France-Titel verlieren.Foto: ap

Colorado Springs.  Die US-Anti-Doping-Agentur USADA hat den früheren Radsportler Lance Armstrong lebenslänglich gesperrt. Zudem wurde Armstrong von allen Wettbewerben seit 1998 disqualifiziert. Ob damit ein Verlust der Tour-de-France-Titel verbunden ist, bleibt unklar. Die Entscheidung kann nur der Weltverband fällen.

Was schon lange wankende und bröckelnde Radsport-Denkmal Lance Armstrong ist endgültig vom Sockel gestürzt. Die US-Anti-Doping-Agentur USADA sperrte den einstigen „Dominator“ am Freitag lebenslang und forderte vom zuständigen Weltverband UCI die Streichung aller Ergebnisse des Texaners seit dem 1. August 1998 inklusive seiner sieben Erfolge bei der Tour de France von 1999 bis 2005. Die spektakuläre Entscheidung war die Konsequenz aus Armstrongs vorherigem Verzicht auf ein Schiedsgerichts-Verfahren um die schweren Doping-Vorwürfe gegen seine Person.

Armstrongs Aufgabe kam einem Eingeständnis gleich. Sein Schritt verhinderte lediglich seine nahezu sicher erscheinende Überführung als Dopingsünder in aller Öffentlichkeit.

Ausgerechnet Ullrich könnte nachrücken

Durch die Sperre könnten ausgerechnet Jan Ullrich, dem bereits wegen Dopingvergehen sanktionierten einzigen deutschen Tour-Sieger (1997), die Titel von 2000, 2001 und 2003 zufallen. Der ebenfalls umstrittene Andreas Klöden würde als Tour-Zweiter von 2004 profitieren. Die übrigen Zweiten, Alex Zülle (1999), Joseba Beloki (2002) und Ivan Basso (2005), haben ebenfalls eine Dopingvergangenheit. Auch die mögliche „Nachfolgeregelung“ offenbart den katastrophalen Zustand des Radsports.

Entsprechend kommentierte beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) Präsident Rudolf Scharping die USADA-Entscheidung: „Wenn man Ruhe in den Radsport bringen will, muss man dafür sorgen, dass Sportler wie Armstrong aus den Ergebnislisten gestrichen werden. Man muss aber nicht zwingend jemanden nachrücken lassen“, sagte der frühere Bundesverteidigungsminister. Man möge sich vorstellen, sagte Scharping weiter, „gegen irgendeinen derer, die da nachgerückt sind, wird nach Jahren aufgrund neuer Methoden etwas entdeckt und Anklage erhoben. Ich glaube, das führt zu nichts.“

"Genug ist genug"

Armstrongs Lage erschien schon seit Wochenbeginn, als ein Gericht in seiner Heimatstadt Austin/Texas eine Klage gegen die Ermittlungen der USADA abgewiesen hatte, aussichtslos. In einem Statement auf seiner Website (www.lancearmstrong.com) schrieb der 40 Jahre alte Amerikaner vor dem USADA-Beschluss: „Es kommt ein Punkt im Leben, da kann man nur noch sagen: 'Genug ist genug'. Dieser Punkt ist nun erreicht. Ich habe mich seit 1999 mit Betrugsvorwürfen herumschlagen müssen.“ Das habe ihm, seiner Familie und der Arbeit mit seiner Stiftung „Livestrong“ einen „zu hohen Zoll“ abverlangt.

Lance Armstrong - der mit dem Zweifel...

Die UCI, die zuletzt vergeblich versucht hatte, der von Travis Tygart geführten USADA den Fall Armstrong zu entreißen, hielt sich am Freitag zurück und forderte die US-Behörde nur auf, die geforderten Maßnahmen gegen Armstrong zu erläutern. Nur der Weltverband könnte dem Amerikaner die Titel aberkennen. Eine pikante Ausnahme bildet die Bronzemedaille Armstrongs im olympischen Einzelzeitfahren 2000 in Sydney, mit der sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) befassen müsste. Das IOC will jedoch zunächst abwarten.

Rechtlich kompliziertes Prozedere

Dass Aberkennungen nicht per Handstreich möglich sein werden, erläutert der Sportrechtsexperte Michael Lehner. Der Heidelberger Anwalt verweist auf die achtjährige Verjährungsfrist von Dopingvergehen und betont mit Blick auf mögliche Ergebnisstreichungen: „Das ist rechtlich sehr kompliziert, weil es kein einheitliches Prozedere dafür gibt.“ Zudem legte Armstrong keine Dopingbeichte ab, er sprach stattdessen von „bizarren und abscheulichen Vorwürfen“.

Aus einer Passage seiner Verteidigungsrede lässt sich allerdings die Strategie herauslesen, die auch Ullrich stets genutzt hat: Doping im Radsport war legitim, weil alle es taten. „Ich weiß, wer diese Titel gewonnen hat, meine Teamkollegen wissen es und auch die früheren Konkurrenten wissen es. Wir sind alle zusammen gefahren. Drei Wochen lang über dieselben Straßen und die gleichen Berge“, schrieb Armstrong: „Es gab keine Abkürzungen, keine spezielle Behandlung, immer dieselben Routen und Regeln. Das härteste Rennen der Welt, das der stärkste Mann gewinnt. Niemand kann dies jemals ändern, schon gar nicht Travis Tygart.“

Doping
Im Fall Lance Armstrong steht ein zähes Ringen bevor
Im Fall Lance Armstrong steht ein zähes Ringen bevor

Der Fall Lance Armstrong klingt spektakulär. Abererkennung der sieben Tour de France-Siege und eine lebenslange Sperre für den 40-jährigen US-Amerikaner. Zudem hat der frühere Radprofi auf seiner Homepage pathetisch erklärt: Er sei es leid, gegen die Dopingvorwürfe zu kämpfen. Daher werde er den Kampf sofort aufgeben.

Soweit die Schlagworte, die einen Durchbruch versprechen. Doch bei genauem Hinsehen bleiben jede Menge offene Fragen, die auf ein weiteres zähes Ringen in dem Fall hinweisen.

Lance Armstrong will der fitteste 40-Jährige werden

Erstens: Lance Armstrong hat den Kampf nicht aus pathetischen Gründen aufgegeben. Er ist keineswegs so müde, wie er es darstellt. Denn er hat am Ende seiner Stellungnahme angekündigt: Er wolle nun der fitteste 40-jährige Mann der Welt werden.

Der wohl eigentliche Beweggrund: Würde Armstrong weiter gegen den für Freitag erwarteten Urteilsspruch der US-Anti-Doping-Behörde USADA angehen, käme es zu einem Verfahren vor einem ordentlichen Gericht. Armstrong hatte aber genau dieses immer verhindern wollen. Er hatte vor einem Gericht in seiner Heimatstadt Austin in Texas geklagt, um die Ermittlungen gegen sich als illegal einstufen zu lassen. Am vergangenen Montag scheiterte der 40-Jährige mit seinem Plan, das Gericht erklärte die Nachforschungen als rechtsmäßig.

In der Folge darauf verzichtete Armstrong nun auf weitere Gegenwehr. Schließlich hätten bei einem Verfahren vor einem ordentlichen Gericht alle Zeugen noch einmal öffentlich aussagen müssen. Offensichtlich hat Armstrong daran kein Interesse.

Bei der Wada gibt es Verjährungsklauseln

Zweitens: Die rechtliche Lage ist völlig unklar. In den Regeln der Welt-Antidoping-Agentur Wada gibt es Verjährungsklauseln. So dürfen Dopingvergehen nach acht Jahren nicht mehr sportrechtlich verfolgt werden. Damit wären alle Siege von Armstrong vor dem Jahr 2004 nicht mehr anzufechten. Die angestrebte Regelung mit der Aberkennung aller Titel soll aber ab 1998 gelten.

Dieser Acht-Jahres-Mechanismus greift nicht im Radsport allein, sondern er gilt für die komplette Sportwelt. Beispiel: Die eingefrorenen Dopingproben der Olympischen Spiele 2004 in Athen, die mit neuer Analyse-Methodik nachuntersucht werden sollten, sind seit einem Monat keine tickenden Zeitbomben mehr. Einige Proben wurden als Alibi vor Olympia in London noch untersucht, der Rest wird nun entsorgt. Die achtjährige Verjährungsfrist ist abgelaufen.

Drittens: Die Lage zwischen den entscheidenden Institutionen ist nicht von großer Freundschaft geprägt. Auf der einen Seite die US-Antidoping-Agentur USADA. Sie will Armstrong im Laufe des Freitags aufgrund von Indizien und Zeugenaussagen lebenslänglich sperren und ihm seine sieben Tour-de-France-Siege aberkennen.

Die Funktionäre halten sich im Fall Lance Arnmstrong bedeckt

Nur: Diese Erfolge kann die US-Behörde dem ehemaligen Profi nicht aberkennen. Dieses kann nur der Radsport-Weltverband UCI, der auf der anderen Seite steht. Der Weltverband hat noch im Sommer vor Gericht versucht, das Vorgehen der USADA zu unterbinden und wollte die Untersuchungen in eigener Hand zu behalten. Dies gelang der UCI nicht.

Entsprechend bedeckt halten sich die Radsport-Funktionäre nun. Sie wollen, so hieß es, erstmal das Urteil und die Begründung aus den USA abwarten, bevor es überhaupt eine Stellungnahme geben würde.

Es sieht also nicht nur wegen der Zeitverschiebung zwischen den USA und Europa und des nahenden Wochenende so aus, als könnte die Armstrong-Geschichte in eine weitere zähe Runde münden. Trotz aller Schlagworte, die auf den ersten Blick einen Durchbruch in dem langwierigen Fall zu versprechen schienen.

Ullrich äußerte sich zur möglichen Zuerkennung dreier weiterer Tour-Siege emotionslos. „Ich schaue nicht auf diese Titel, ich verfolge das Verfahren auch nicht intensiv. Ich bin stolz auf meine zweiten Plätze“, sagte er dem Berliner Tagesspiegel: „Wenn der Fall tatsächlich eintritt, werde ich mich dazu äußern. Bis dahin ist das Spekulation.“

"Trauriger Tag" für den Sport

Nach dem Gerichtsbeschluss vom Montag hatte Armstrong keine Chance mehr, die Schiedsgerichts-Verhandlung vor der USADA zu verhindern. Das Verfahren hätte mit höchster Wahrscheinlichkeit zur Folge gehabt, dass er offiziell und öffentlich als Dopingsünder gebrandmarkt worden wäre. „Heute schließe ich diese Seite. Ich werde dieses Thema nicht mehr erwähnen, egal, unter welchen Umständen“, schrieb Armstrong.

Präsident John Fahey von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA erklärte, er sei „enttäuscht“, dass sich Armstrong seiner Verantwortung nicht stelle, bezeichnete den Radstar aber direkt als „Dopingbetrüger“. Auch Tygart war nicht zum Feiern zumute. Der USADA-Boss sprach von einem „traurigen Tag“ für die Welt des Sports: „Dies ist ein herzzerreißendes Beispiel dafür, wie die Kultur des Gewinnens um jeden Preis den fairen und ehrlichen Wettbewerb untergräbt.“

Mehr als zehn Zeugen

Die USADA hatte Armstrong im Juni formal des Dopings angeklagt. Die Agentur stützt sich auf mehr als zehn Zeugen, zu denen auch Armstrongs einstige Helfer Tyler Hamilton und Floyd Landis zählen sollen. Im ehemaligen Spitzen-Rennstall US Postal sollen die Beschuldigten EPO-, Testosteron-, Kortison- und Blutdoping betrieben haben. Den umstrittenen italienischen Sportarzt Michele Ferrari, den Mediziner Luis Garcia del Moral und Jose „Pepe“ Marti hatte die USADA schon im Juli wegen Manipulationen sowie Handel und Anweisungen zum Gebrauch von Doping lebenslänglich gesperrt.

Doping bei der Tour

Zuletzt hatten sich auch seine ehemals treuen Gefolgsleute wie Tyler Hamilton, George Hincapie und Floyd Landis von Armstrong abgewendet und ihn schwer belastet. „Er hat genommen, was wir alle genommen haben. Epo, Testosteron, Bluttransfusionen“, sagte Hamilton. Er habe oft dabei zugesehen, wie sich Armstrong selbst Epo injizierte, unter anderem vor seinem ersten Tour-Sieg 1999: „Es lag immer in seinem Kühlschrank.“

Kein offizieller Positiv-Test

Armstrong wurde indes offiziell nie erwischt. In sechs Urinproben des Amerikaners von 1999 war zwar das Blut-Dopingmittel EPO nachgewiesen worden, Armstrong wurde aber freigesprochen, weil die erneuten Tests der Proben angeblich nicht nach wissenschaftlichem Standard durchgeführt worden waren.

„Die Tatsache, dass Athleten ohne positive A- und B-Probe im gleichen Maße beschuldigt werden können wie Profis mit positiven Tests, pervertiert das System“, schrieb Armstrong.

Nun wolle er sich mehr denn je seiner Anti-Krebs-Stiftung widmen. (sid)

Kommentare
26.08.2012
11:39
Lance Armstrong wird lebenslang gesperrt
von transrapid | #6

Das hier in der WAZ pauschal alle TdF-Teilnehmer als Doper verleumdet werden zeigt einmal mehr auf welchem Niveau der Meinungsjournalismus angekommen...
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1 Antwort
Lance Armstrong wird lebenslang gesperrt
von suedjuergen | #6-1

ich war letzte woche im hotel in hamburg wo fast alle teams gewohnt haben. was ich da gesehen haben was an den mannschaftswagen in aller öffentlichkeit zusammen gemixt wurde. da möcht ich nicht wissen ob das alles "normale" aufbaustoffe waren.

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