Klassiker als Härtetest für Nachwuchs
21.08.2007 | 07:05 Uhr 2007-08-21T07:05:33+0200London. Am Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud vorbei wälzt sich der Verkehr durch die Marylebone Road und passiert das Landmark-Hotel. Eine edle Unterkunft in der Weltstadt London, allerdings an diesem Dienstagmittag nicht gleich als solche zu identi
Es ist von oben bis unten eingerüstet, mit Holzzäunen gesichert und grünen Abdecknetzen versehen. Aufwändig wird die Fassade renoviert, man könnte das Haus leicht als Baustelle abtun, wenn nicht im leichten Nieselregen die Fahnen Deutschlands und Großbritanniens auf dem Dach wehen würden. Das momentane Erscheinungsbild des Nobel-Schuppens passt gut zur Außendarstellung des Länderspiels England gegen Deutschland, das heute Abend (Anstoß 21 Uhr/ARD live) im Tempel Wembley über die Rampe gehen wird.
Klassiker, Prestige-Duell, Super-Spiel - aber weil Stars wie Ballack, Frings, Klose, Rooney oder Gerrard und auch noch einige aus deren Fußvolk wegen Verletzungen nicht mitwirken können, ist der Lack ein wenig angekratzt. Zu Unrecht, wie Reinhard Rauball meint. Der Präsident der Deutschen Fußball-Liga stuft als Leiter der deutschen Delegation die Partie brav als "ein epochales Ereignis" ein.
Er sagt das im "Ballroom" des Landmark, wohin die Deutschen geladen haben, goldene Lüster hängen von der Decke, und Rauball ist gut beschäftigt, denn er muss noch zum deutschen Botschafter und später zu englischen Fußball-Funktionären. Der Außenminister der Nationalelf, Oliver Bierhoff, erfreut sich derweil an schönen Erinnerungen: In dieser Herberge residierte die deutsche Auswahl, als sie 1996 die Europameisterschaft gewann. Schütze des goldenen Tores in Wembley: Oliver Bierhoff.
Diesmal geht es gegen England nicht um den Einzug ins Finale, es wird auch kein Elfmeterschießen geben, aber es ist auch kein richtiges Freundschaftsspiel. Denn "Freundschaftsspiele gegen Deutschland gibt es nicht", befand Englands Ikone David Beckham, und Jens Lehmann sieht es gestern genauso: "Wenn zwei Mannschaften auf diesem Niveau aufeinander treffen, dann ist der öffentliche Druck groß."
Es ist eine andere Situation als beim Spiel im Frühjahr gegen Dänemark in Duisburg, wo eine bunt zusammengestellte B-Auswahl zu Testzwecken auflief und verlor (0:1). In London muss sich die zweite Wahl beweisen. Bundestrainer Joachim Löw hat sich seit seinem Amtsantritt nie mit dem zufrieden gegeben, was vorhanden war. "Die goldene Generation" (Löw) ergänzte er immer wieder mit jungen Spielern. Dabei hat er nicht nur die EM, die den Höhepunkt des heute beginnenden Länderspiel-Jahres darstellt, im Auge, sondern auch die WM 2010 in Südafrika. Nun tritt ein Ernstfall früher als erwartet ein. "Jetzt", sagt Bierhoff, "hat der eine oder andere die Möglichkeit, sich zu beweisen."
Mario Gomez oder Marcell Jansen, die beide ausfallen, zählen fast schon zu den etablierten Akteuren. Löw bringt nun die zweite Welle junger Leute: Stürmer Stefan Kießling (23), seine Leverkusener Kollegen Simon Rolfes (25) und Gonzalo Castro (20), Christian Pander (23) von Schalke 04, den Hamburger Piotr Trochowski (23), Kölns Patrick Helmes (23) oder Roberto Hilbert (22) vom VfB Stuttgart.
Paradoxerweise sorgte der Triumph von Bierhoff und seinem Team vor elf Jahren in Wembley dafür, dass die Nachwuchsarbeit in Deutschland weiter dahin schluderte. Der Erfolg verstellte den Blick auf die Defizite. Erst nach den Desastern bei der WM 1998 und der EM 2000 begannen Verbesserungsmaßnahmen.
Inzwischen wird der Aufbau von unten professionell geplant. A-Mannschaft und U-21-Team sind zu einem Paket zusammengefasst; ein Kompetenzteam, dem auch Sportdirektor Matthias Sammer angehört, plant strategisch die Talentförderung.
Es war nicht beabsichtigt, ausgerechnet gegen England einen Härtetest für Nachwuchskräfte durchzuführen. Aber Löw war darauf vorbereitet. Der Gegner indes nicht: England ist unversehens in eine ähnliche personelle Schieflage geraten, wird auch eine passable Mannschaft zusammen bekommen, aber in der Diskussion um die Not-Besetzung machen die Gastgeber in diesen Tagen erschütternde Entdeckungen.
In der Premier League, als beste Liga der Welt gefeiert, sind die Schlüsselpositionen von ausländischen Stars okkupiert. Nur noch 30 Prozent beträgt der Anteil englischer Profis in den vier Spitzenklubs Manchester United, FC Arsenal, FC Chelsea und FC Liverpool. Wieweit die Nationalmannschaft den Preis für die Attraktivität dieser bewunderten Klasse zahlen muss, wird sich jedoch noch nicht heute herausstellen. Solche Prozesse dauern länger. Sie sind erst am Ende schmerzhaft.

0mitdiskutieren