Kampfansage der alten Männer

Eugene..  Die Kampfansage der alten Männer erhielt Usain Bolt irgendwo beim Training auf Jamaika. Während der Superstar der Leichtathletik knapp zwei Monate vor den Weltmeisterschaften in Peking gegen die eigenen Formprobleme ankämpft, gewannen der frühere Weltmeister Tyson Gay und der ehemalige Weltrekordhalter Asafa Powell am Wochenende in absoluten Weltklassezeiten die 100-Meter-Rennen bei den amerikanischen bzw. jamaikanischen Meisterschaften. „Ich trainiere hart für die WM. Und ich fahre dorthin, um die Goldmedaille zu gewinnen“, sagte Powell selbstbewusst nach seinem Sieg in 9,84 Sekunden.

Sowohl er als auch US-Sprinter Gay sind schon 32 Jahre alt. Bei beiden liegen die größten Erfolge schon fast acht Jahre zurück. Und beide wurden erst 2013 wegen Dopings für mehrere Monate gesperrt. Gerade deshalb schwebt über ihren Erfolgen vom Wochenende auch wieder die Frage: Geht das alles mit rechten Dingen zu? Wie können die beiden und auch Bolts vermeintlich noch größerer Rivale Justin Gatlin (USA) mit über 30 wieder so schnell oder teilweise noch schneller unterwegs sein als zu ihren erfolgreichsten Zeiten?

Die bedeutendste Meisterschaft

Das Trio kennt diese Fragen - und weicht ihnen in der Regel sehr routiniert aus. „Ich denke, das ist die bedeutendste US-Meisterschaft, die ich je gewonnen habe“, sagte Gay nach seinem Sieg in 9,87 Sekunden in Eugene vor dem erst 19 Jahre alten Trayvon Bromell (9,96) und Mike Rodgers (9,97). Natürlich spielte er dabei auf sein Comeback nach nur einjähriger Dopingsperre an. „Nach so einem Fehler überhaupt zurückzukommen, zeigt der Welt, dass man diesen Fehler auch wiedergutmachen kann“, sagte Gay. Der Doppel-Weltmeister von 2007 weiß aber auch: Zusammen mit Gatlin dürften Bromell, Rodgers und er bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften vom 22. bis 30. August die schnellste US-Staffel seit Jahren bilden. Gatlin, der Weltjahresbeste über 100 und 200 Meter, startet in Eugene nur über die längere Sprintdistanz, weil er als Diamond-League-Sieger über 100 Meter bereits für die Weltmeisterschaft qualifiziert ist.

Gay war der bislang letzte Sprinter, der Bolt in einem großen Finale besiegen konnte. Im 200-Meter-Endlauf der WM von Osaka verwies er am 30. August 2007 den damals gerade erst 21 Jahre alt gewordenen und noch relativ unbekannten Jamaikaner auf den Silberrang. Seitdem sahen die Amerikaner nur noch Bolts Hacken und durften ihm artig zu Gold und Fabelzeiten gratulieren. Doch jetzt sehen sie ihre Chance gekommen. „Ich hoffe, dass dies unser Jahr wird“, sagte Tyson Gay.

Bolt nicht der Favorit

„Nach jetzigem Stand gilt Justin als Favorit, aber du kannst Usain nicht abschreiben. Egal, was die Leute sagen, bislang war er immer bereit, wenn es drauf ankam“, sagte Maurice Greene. Der Olympiasieger von 2000 und dreimalige Weltmeister verfolgte in Eugene aufmerksam die Sprints seiner Erben. Greene sieht Bolt aber nicht in der Krise. Und er ist sich aus eigener Erfahrung darüber im Klaren, dass acht Wochen bis zum Jahreshöhepunkt für einen erfahrenen Sprinter viel Zeit sind. „Er weiß, was er im täglichen Training macht. Solange er nicht von einer schlechten Saison spricht, ist er auf dem richtigen Weg“, befand Greene.

Auch Gay lässt sich von Bolts jüngsten Ergebnissen nicht blenden: „Wenn es um die Titel geht, ist er immer bereit.“