Juliane Wurm klettert wie Spiderman - und ist die beste der Welt

Juliane Wurm in Aktion: die Weltmeisterin beim Training in der Kletterhalle im Bergwerk in Dortmund.
Juliane Wurm in Aktion: die Weltmeisterin beim Training in der Kletterhalle im Bergwerk in Dortmund.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Die Dortmunderin ist Weltmeisterin im Bouldern. Diese spektakuläre Form des Kletterns findet sie „abgefahren“. In unserer Serie stellen wir schräge Revier-Champions vor.

Dortmund.. Die Oma hat es immer gewusst. Klettern konnte Juliane Wurm schon früher wie eine Weltmeisterin. Kein Baum im Garten war vor der Enkelin sicher, kein Ast zu schmal, keine Krone zu hoch. 2014 bekam die Oma Recht: Die 25-jährige Juliane Wurm wurde in München Weltmeisterin.

Die Wände der Dortmunder Kletterhalle „Bergwerk“ müssen mit Klebstoff beschmiert sein. Wie Spiderman, der von der Spinne gebissene Superheld, klebt Juliane Wurm an ihnen, schlängelt sich über das raue Material. Die bunten Griffe scheinen für sie kleine Nettigkeiten zu sein, die sie mitnimmt, aber eigentlich gar nicht braucht.

Keine Absicherung durch Seile

2014 holte sich die Dortmunderin bei der WM in München den Titel im Bouldern. Anders als beim klassischen Klettern sind die Wände dabei niedriger, die Athleten werden nicht durch Seile gesichert, sondern fallen aus knapp vier Metern direkt auf eine dicke Matte. „Das ist einfach abgefahrener“, sagt Juliane Wurm, „die Bewegungen sind dynamischer, spektakulärer.“ Und die Medizinstudentin ist die Meisterin des Spektakels.

Plötzlich springt sie von der Wand ab, ein Arm schnellt nach oben. Was wie eine Rettungsaktion aussieht, ist Absicht. Elegant zieht sie sich nach oben, alle Muskeln sind angespannt. „Gut so?“, fragt Juliane Wurm den Fotografen und hangelt sich weiter. Sie schwitzt nicht einmal. „Hangeln ist auch eher so eine Untechnik“, sagt sie und lacht.

Kopfzerbrechen bereiten der besten Kletterin der Welt andere Dinge. Unüberwindbar scheinende Routen. Tausend Wege, nur einer ist der schnellste. Wie bei der Weltmeisterschaft. Wenige Sekunden haben die Athleten Zeit, wenn sie das erste Mal vor der Wand stehen, um sich für eine Route zu entscheiden. Wer am schnellsten oben ist, gewinnt. „Da muss man immer offen rangehen, darf sich nicht vorher schon auf einzelne Bewegungen festlegen“, sagt Juliane Wurm. Sie ist inzwischen wieder am Boden angekommen. Ihre Hände, weiß vom Magnesium, hält sie vor ihrem Körper. Bodybuilder machen das manchmal, bevor sie sich aufplustern. Juliane Wurm muss nichts plustern, sie ist auch ganz entspannt ein Kraftpaket.

Zwei Weltcup-Siege und der WM-Titel

Dass sie dafür jeden Tag mehrere Stunden trainiert, ist für sie selbstverständlich. „Ich finde es cool, einen Sport gefunden zu haben, in dem ich gut bin.“ Gut ist jedoch das falsche Wort. Mit 16 Jahren trug sich Juliane Wurm in das Geschichtsbuch des deutschen Sportkletterns ein: als jüngste deutsche Meisterin der Geschichte. „Früher habe ich geturnt und Leichtathletik gemacht. Die athletische Grundausbildung hat mir fürs Klettern sehr geholfen“, erzählt sie. So wurde sie besser und besser.

Im deutschen Nationalkader war sie bald international erfolgreich, seitdem sie zum Bouldern gewechselt ist, stehen unter anderem zwei Weltcup-Siege auf ihrer Habenseite. Und der große Triumph, der WM-Titel. „Da lief einfach alles zusammen. Die Stimmung war riesig, ich war locker und mein Körper in guter Form“, erzählt sie. Fast hätte es sogar zu einem deutschen Doppelerfolg gereicht: Ihr Freund wurde bei den Männern Dritter.

Vom Sport das Medizin-Studium finanzieren

Mit ihm lebt und trainiert sie mittlerweile in Köln, sie studiert jedoch in Witten. Dann übernachtet sie oft bei ihren Eltern in Dortmund. Von dort war es damals nur ein Katzensprung zur Kletterhalle.

Serie: Die heimlichen Sieger Dass die Tochter sich vom klassischen Sport entfernt hat, war für die Eltern kein Problem. „Sie haben mich durch das ganze Land gefahren“, erzählt Juliane Wurm. Mittlerweile kann sie durch Prämien und Sponsoren vom Sport leben und ihr Studium finanzieren. „Natürlich ist es was anderes als das, was eine Tennisspielerin verdient. Aber ich finde es cool, eine Nische zu besetzen“, sagt sie.

Ihr Blick schweift durch die Halle. „Ich sehe gerade viele tolle Routen und will eigentlich direkt wieder loslegen“, sagt sie. Aber das geht heute nicht mehr: „Ich habe keine Haut mehr.“ Keine Haut? Von den rauen Wänden sind ihre Fingerkuppen wund, zu glatt zum Festhalten. „Naja“, sagt sie grinsend, „Hand- und Fußmodel werde ich wohl nicht mehr.“