In Irland ist nur die Nationalelf im grünen Bereich

So sieht in der irischen Liga Spitzenfußball aus: das Stadion des Erstligisten Sligo Rovers.
So sieht in der irischen Liga Spitzenfußball aus: das Stadion des Erstligisten Sligo Rovers.
Foto: Conor Doherty
Die Vereine in der irischen Liga kämpfen um das sportliche Überleben. Im Aufgebot der Nationalmannschaft steht seit Jahrzehnten kein Spieler aus der irischen Liga. Und ein neuer Roy Keane ist weit und breit nicht in Sicht.

Cobh.. Der Fußballplatz hat ein starkes Gefälle. Es ist mit bloßem Auge erkennbar. Wenn der Küstenwind noch hinzukommt, sind es nicht nur die fußballerischen Unzulänglichkeiten der beteiligten Mannschaften, die Einfluss auf das Ergebnis nehmen. Aber das nehmen sie im irischen Hafenstädtchen südlich von Cork genauso gelassen hin wie die Niederlagenserie des Zweitligisten Cobh Ramblers. Liam, der Taxifahrer, der sich durch den Feierabendverkehr von Cork quält, erzählt die Geschichte aus besseren Zeiten, „als wir gar nicht ahnten, wer da für unseren Klub gespielt hat“.

Schon sehr bald wussten sie es. Es war Roy Keane, der 1989 seine Profilaufbahn in Cobh startete, nach einem Jahr zu Nottingham Forest wechselte und später bei Manchester United zu einem der stärksten defensiven Mittelfeldspieler der Welt avancierte. AM Dienstagabend sitzt Keane als Co-Trainer der irischen Nationalmannschaft an der Seite von Martin O’Neill in der Schalker Arena auf der Bank, wenn die Boys in Green in der EM-Qualifikation gegen Deutschland spielen.

In Cobh werden sie dann im Pub am Hafen sitzen und das Spiel im Fernsehen verfolgen. Ein Blick in eine fremde Fußball-Welt, die mit der Realität in Cobh nichts gemein hat. Im St. Coleman’s Park sind sie froh, dass sie irgendwie die Saison über die Bühne bekommen. Immerhin: Ein Abstieg aus der 2. Liga, in der gerade einmal acht Teams am Ball sind, ist nicht möglich. Es sei denn, das Geld geht aus. In der Republik Irland haben sie schon vor Jahren die Saison auf das Kalender-Jahr umgestellt. Nicht wegen des Wetters, sondern um Geld zu sparen. Die Saison läuft von März bis Oktober – so müssen sie den Spielern und Trainern nur Verträge über sieben Monate geben.

Neuer Roy Keane weit und breit nicht in Sicht

An guten Tagen sind die Zuschauerzahlen in Cobh dreistellig. Auf der Tribüne sitzt ein Scout aus England. Er schüttelt häufig den Kopf, stopft seine Notizen in die Jackentasche und geht zur Pause. Ein neuer Roy Keane ist weit und breit nicht in Sicht. Die Saison für die Cobh Ramblers endete am Wochenende immerhin versöhnlich. Am letzten Spieltag trotzte das Schlusslicht dem Tabellenzweiten Shelbourne FC ein 3:3 ab.

Im Aufgebot der Nationalmannschaft steht kein Spieler aus der irischen Liga, das ist schon seit Jahrzehnten so. Wer gut ist, verlässt schon in der Jugend das Land Richtung England. Und fügt sich der Tradition der Iren, für die lange Zeit das Auswandern so selbstverständlich war wie der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes.

„Zu Zeiten des keltischen Tigers, als die Wirtschaft brummte, konnten wir Spielern 500 Euro pro Woche zahlen. Die Zeiten sind lange vorbei“, sagt Mike Daly, Vorstandsmitglied beim Zweitligisten Galway FC. Eine weitere Geschichte vom Kampf um das sportliche Überleben. Zwei Jahre lang war der Klub im Westen Irlands von der Bildfläche verschwunden. Jetzt rollt wieder der Ball. Wenn es gut läuft, steigt das Team nun über die Relegation auf, und wenn es noch besser läuft, ist in zwei, drei Jahren die Teilnahme an der Qualifikation der Europa League möglich. Wenn es schlecht läuft, verschwindet der Klub wieder in der Versenkung. Der aktuelle Meister St.Patrick’s Athletic durfte im Sommer kurz träumen. In der Champions-League-Qualifikation erreichte das Team bei Legia Warschau ein 1:1. Beim Rückspiel in Dublin platzten alle Träume, die Polen siegten 5:0. Die Iren verpassten nicht nur die nächste Runde, sondern auch eine Einnahme, die den Etat der nächsten drei Jahre gesichert hätte. Celtic Glasgow wäre der Gegner gewesen und hätte rund eine Million Euro in die Kasse gespült.

65 Länderspieltore

Das Spiel der „Pats“ gegen Warschau stieg im Dubliner Vorort Tallaght. Eine Trabantenstadt, die es nicht wert ist, auf einer Urlaubspostkarte zu erscheinen. Hier wuchs Stürmer Robbie Keane – nicht verwandt mit Roy Keane – auf, ehe auch er mit 17 auswanderte und zu den Wolverhampton Wanderers wechselte. Mittlerweile spielt der 34-Jährige in der US-amerikanischen Profiliga für LA Galaxy. Mit 65 Länderspieltoren ist er nicht nur der erfolgreichste Torschütze seines Landes, sondern nach dem Rücktritt von Miroslav Klose der erfolgreichste aktuelle Nationalspieler der Welt. „Es ist immer schön, zu treffen. Egal, ob beim vierten oder beim 65. Tor“, sagte Keane nach seinem Hattrick beim 7:0-Sieg gegen Gibraltar.

Liam, der Taxi-Fahrer aus Cork, träumt von einem irischen Sieg in Deutschland. Aber er glaubt nicht so recht daran. Liam mag die Deutschen und erzählt noch eine Geschichte, die sich an den Theken der Pubs seit Jahren hartnäckig hält. Weil Irland eine der ersten Nationen war, die gegen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg spielte, wählte der DFB aus Dankbarkeit das grüne Trikot als Ausweichjersey. Eine schöne Geschichte, die aber nicht stimmt. Aber das muss man Liam ja nicht sagen.

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