In einer eigenen Umlaufbahn
25.09.2011 | 19:53 Uhr 2011-09-25T19:53:07+0200
Singapur. Sebastian Vettel hat in Singapur auch den sechstletzten Lauf zur Formel-1-WM 2011 gewonnen und braucht nur noch einen einzigen Punkt, um auch die allerletzten Zweifel an seiner Titelverteidigung zu beseitigen. Nur Jenson Button (England/McLaren-Mercedes) kann ihn noch einholen – theoretisch. Doch dafür musste er nicht nur alle ausstehenden Renne gewinnen, Vettel dürfte keinen Punkt mehr holen.
Da ist es nur noch einer. Nur noch ein Gegner, dazu noch ein sehr theoretischer. Vor allem aber nur noch ein Pünktchen, das Sebastian Vettel in den letzten fünf Formel-1-Rennen holen muss, um jüngster Titelverteidiger der Geschichte zu werden. Die fulminante Nachtfahrt beim Großen Preis von Singapur zeigt eindrücklich, wie der Heppenheimer das angehen wird: Dominant.
„Ich glaube, ich kann das mit dem einen Punkt hinkriegen, aber ich muss es erst noch machen“, sagt die Nummer eins der Formel eins. Die ambulanten Demütigungen für die versammelte Konkurrenz gehen weiter. Nach zwei so anstrengenden wie mehrheitlich langweiligen Renn-Stunden fuhr Vettel im 14. WM-Lauf Saisonsieg Nummer neun ein, vor dem Briten Jenson Button und seinem Teamkollegen Mark Webber. Fernando Alonso wurde nur Vierter.
Damit sieht die Gesamtwertung bei noch maximal 125 zu erreichenden Punkten so aus: Vettel führt mit 309 Zählern vor Button (185), Alonso (184), Webber (182) und dem Fünftplatzierten Lewis Hamilton (168). Selbst wenn McLaren-Pilot Button nun alles gewinnen würde, reicht Vettel ein einziger zehnter Platz – schon in zwei Wochen beim Großen Preis von Japan in Suzuka.
Rivale Button hatte schon nach Vettels elfter Pole-Position seine Erwartungen für die Zielgerade der Saison so ausgedrückt: „Selbst wenn er in den kommenden Rennen nicht startet, ist es für uns schwer, ihn noch zu schlagen.“ Jetzt ist es eben noch ein bisschen schwerer.
Dem Triumphator kamen auf dem Podium fast die Tränen. Später sagte er: „Ich war sehr gerührt, dieser Sieg hier bedeutet mir sehr viel. Die Herausforderung ist riesengroß, es ist kein Platz für Fehler auf diesem Kurs, das macht es so beinhart. Ich musste richtig klotzen, und wenn man dann durchs Ziel fährt, fällt eine Riesenlast ab.“ Der Vettel-Finger wurde unter dem Flutlicht zu einer Faust, dann formte Deutschlands Schnellster ein „O“. Es könnte auch eine versteckte Botschaft an den Rest der Renn-Welt sein – null Chance. Aber das ist nicht seine Art. Das Kamera-Küssen eigentlich auch nicht. Doch das sind die Variationen eines Piloten, der weiß, dass er es fast geschafft hat. „Wir machen unsere Arbeit ordentlich zu Ende“, versprach Red-Bull-Boss Christian Horner.
Für Vettel kann es einfach so weitergehen – nach nur einer Runde hatte er 2,5 Sekunden Vorsprung: „Das Auto war fantastisch. Ich bin sehr, sehr glücklich mit dem Resultat. Ich habe die nächste Chance beim nächsten Rennen.“ Die größte.
Genau eine Stunde war der Nacht-Grand-Prix alt und reichlich langweilig geworden, da ging plötzlich alles wieder von vorne los. Spitzenreiter Sebastian Vettel verlor komfortable 18,4 Sekunden Vorsprung auf Jenson Button, als das Safety-Car ausrücken musste. Michael Schumacher war nach ein paar wilden Manövern im Kampf um den achten Platz auf den rechten Hinterreifen des Sauber-Ferrari von Sergio Perez gerumpelt. Der Mexikaner kriegte unbeeindruckt die Kurve, aber der Silberpfeil stieg auf und krachte schnurstracks in die Sicherheitskissen. „Mir geht es so weit gut, der Aufprall war halbwegs akzeptabel. Ein Kompliment an die ganzen Sicherheitsvorkehrungen. Mein Vordermann ist nicht auf seiner normalen Linie geblieben und ging sehr früh vom Gas, damit habe ich nicht gerechnet“, bilanzierte Schumacher bitter angesichts der verlorenen Punkte. Dem Rekordweltmeister war die Nacht versaut, Vettel auch ein bisschen.
Ist das so etwas wie ausgleichende Crash-Gerechtigkeit? Beim Finale im letzten Jahr war ein Schumi-Unfall Auslöser dafür, dass Vettel Überraschungs-Champion werden konnte. Nebenbei bemerkt, belegten Nico Rosberg und Adrian Sutil die Plätze sieben und acht, die auch für Schumacher drin gewesen wären.
Der Champion in spe hatte den vorzeitigen Titelgewinn aus Selbstschutzgründen ohnehin nicht wirklich einkalkuliert, aber er fuhr in der schwülen Nacht Südostasiens schon mal so, wie es sich für einen unangefochtenen Regenten gehört. Locker vom Start weg, während Kollege Mark Webber einmal mehr fast stehen blieb. Damit waren Jenson Button und Fernando Alonso an ihm vorbei, was die – ohnehin noch etwas zu theoretischen – Chancen auf den Vettelschen Früh-Jubel weiter verringert.
Als das Rennen nach der Verschrottung des Silberpfeils und drei Runden Aufräumarbeiten wieder frei war, machte Vettel einfach da weiter, wo er kraft seines überlegenen Red-Bull-Rennwagens hingehört: In einer eigenen Umlaufbahn.

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