In Daegu gab es Geld statt Stimmung
04.09.2011 | 19:37 Uhr 2011-09-04T19:37:00+0200
Daegu. Die Weltmeisterschaft in Daegu hat gezeigt, dass es Dinge gibt, die enger zusammen gehören als Leichtathletik und Südkorea. Es war keine kluge Entscheidung des Weltverbandes IAAF, die Titelkämpfe dorthin zu vergeben.
Da die einheimischen Athleten meilenweit von den Medaillenrängen entfernt sind, fehlt in Südkorea der Identifikationspunkt für das Publikum. Die beste Stimmung auf den Rängen gab es, wenn die Regie das Spiel „Kiss time“ einspielte: Die Kamera fängt dabei einen Mann und eine Frau auf der Tribüne ein und bleibt solange auf den Gesichtern, bis beide sich küssen. Ansonsten verließen die Zuschauer das Stadion bereits scharenweise vor den letzten Entscheidungen des Tages. Selbst der 100-m-Sprint mit Usain Bolt, dem Popstar der Leichtathletik, konnte an diesem Phänomen am ersten WM-Sonntag nichts ändern.
Elektronikartikel-Hersteller hatte wohl großen Einfluss auf Vergabe
Das koreanische Fernsehen reagierte nach ähnlichem Muster. Mittags schaltete der Sender KBS regelmäßig eine Stunde vor dem Ende der Wettkämpfe um auf Spielshows. Live-Bilder vom 50-km-Gehen? Gar nicht zu sehen.
Für die Vergabe der WM nach Südkorea hat nicht zuletzt der Elektronik-Konzern Samsung aus Daegu gesorgt, einer der Hauptsponsoren des Weltverbandes. Die Entscheidung erinnert im Nachhinein fatal an die Olympischen Sommerspiele 1996, die aus sportgeschichtlichen Gründen zu ihrem 100. Geburtstag nach Athen gehört hätten, wegen des Sponsors aber in der Coca-Cola-Stadt Atlanta landeten.
Das Geschäft bestimmt längst den Sport. So redeten die Sportartikel-Hersteller in Daegu tapfer vom Gastgeberland als dem drittgrößten Markt Asiens nach China und Japan. Doch was nutzt es ihnen, wenn das Geschäft in den wesentlich größeren Märkten USA und Europa dabei zerbricht? Durch die Zeitverschiebung liefen die Entscheidungen in Deutschland zur Mittagszeit im Fernsehen, in den USA vor Sonnenaufgang. Die WM 2011 ging praktisch am Fernsehzuschauer vorbei. Marktpositionen erschließt und behauptet man anders.
Afrika bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften als Gastgeberland außen vor
Dabei ist die Leichtathletik eine der wenigen wirklich globalen Sportarten. Rennen, Springen und Werfen gibt es schon in jedem Kindergarten der Welt. Dennoch bleibt bei allen Überlegungen zur WM-Vergabe ein Kontinent regelmäßig außen vor: Afrika. Die Afrikaner haben in Daegu 30 Medaillen gewonnen, der gesamte asiatische Kontinent einschließlich China und Japan gerade einmal sechs.
Trotzdem gab es 2007 die WM in Osaka, 2011 in Daegu und auf Moskau 2013 folgt 2015 Peking
Wenn es Afrika wie 2010 schafft, eine Fußball-WM zu organisieren, dann sollte auch eine Leichtathletik-WM machbar sein. Der Weltverband um seinen Präsidenten Lamine Diack aus dem Senegal könnte damit ein sportpolitisches Signal setzen. Doch der Gedanke ist charmant und zugleich naiv. Afrika hat zwar die Top-Athleten, aber es fehlen die Geldgeber. Es sieht also leider so aus, als würden die Funktionäre ihre große gesellschaftliche Chance in naher Zukunft nicht nutzen.

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