„Ich sitze jeden Tag vor der Tabelle“

Hagen..  Dem Hamburger SV droht am Samstag der erste Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. Das ist traurig. Für die Stadt, für den Verein, für die vielen Fans, die der Klub in der Republik hat. Rüdiger Geisler zum Beispiel. Der 44-jährige Beamte aus Hagen gibt Einblick in seine Fan-Seele. Zum Termin erscheint er im HSV-Trikot von Valdas Ivanauskas.


Oh, Ivanauskas - bekommt man so eine Rarität geschenkt oder haben Sie sich das Trikot selbst gekauft?
Rüdiger Geisler: Selbst gekauft, umgerechnet 30 Mark damals, glaube ich.


Wann war nochmal seine große Zeit?
Nun ja, groß... Das müsste 1993 gewesen sein. Da habe ich die ersten Spieltage auf Mallorca gesehen und Ivanauskas hat, glaube ich, vier Tore in den ersten fünf Spielen gemacht. Da war ich so stolz auf ihn und den HSV, dass ich mir das Trikot gekauft habe.


Sagt es etwas aus, dass Sie das Trikot eines Spielers besitzen, der den Fans vor allem deshalb in Erinnerung ist, weil er vor Wut so heftig an seiner Sporthose zog, dass der kleine Valdas live im Fernsehen zu sehen war?
Keine Ahnung. Man wird ja auch älter, da lässt das vielleicht nach, sich Trikots mit Namen anderer Männer auf dem Rücken zu kaufen. Aber Fakt ist auch: Seit damals bin ich auch kaum in Verlegenheit gekommen, mir ein Trikot von irgendwem kaufen zu wollen.
Warum wird man in Hagen Hamburg-Fan?
Meine Mutter war HSV-Fan, das habe ich von ihr. Wir haben auch Verwandte in Hamburg, die wir besucht haben. Und irgendwann schon als kleines Kind hat mich das HSV-Fieber gepackt und nicht mehr losgelassen.


Das waren die guten Zeiten.
Ja. Da waren wir fast in jedem Jahr europäisch vertreten, wurden Meister, Europapokalsieger, DFB-Pokalsieger 1987. Eine schöne Zeit.


Viel kam danach nicht mehr, oder?
Wir standen mal im Halbfinale der Europa League und des DFB-Pokals. Und wir haben im Winter mal ein Hallenturnier gewonnen. Das weiß ich genau.


Wie geht es Ihnen so kurz vor dem Saisonfinale?
Ich sitze jeden Tag vor der Tabelle und rechne die verschiedenen Konstellationen durch, mit denen sich der HSV noch retten kann.


Was macht Ihnen Hoffnung?
Dass wir gegen Schalke spielen. Die sind derzeit noch schlechter als wir.


Ein eigener Sieg reicht aber nicht. Wenn sich Hannover und Freiburg auf ein Unentschieden einigen, ist für den HSV höchstens der Relegationsplatz drin.
Stimmt. Wir haben ja auch noch das viel schlechtere Torverhältnis. Wahnsinn ist das. 0:8 gegen die Bayern. Oder 2:9? Oder war das letztes Jahr? Aber Hannover wird nicht unentschieden spielen, die spielen Zuhause und brauchen einen Sieg, um sich sicher zu retten. Bei einem Unentschieden könnten sie direkt absteigen, weil ja mein HSV gewinnt und vermutlich auch Stuttgart in Paderborn.


Was ist also Ihre Prognose?
Ich denke, dass wir auf dem Relegationsplatz landen. Da kennen wir uns aus, haben uns im vergangenen Jahr schon fulminant gerettet - mit einem einzigen Auswärtstor. Da dachte ich eigentlich, dass es schlechter nicht mehr werden könnte. Ich habe falsch gelegen.


Hätte es der HSV mit seinen eigentlich guten Möglichkeiten überhaupt verdient, erneut so knapp die Liga zu halten?
Ich will ehrlich sein: eigentlich nicht. Es hätte wohl einen größeren Umbruch geben müssen. Leute wie Rafael van der Vaart, Heiko Westermann und Marcell Jansen hätten weg gemusst. Andererseits habe ich vor der Saison wirklich gedacht, dass Hamburg gute Leute geholt hat: Holtby, Djourou, Müller. Aber sie sind keine Mannschaft.


Am Trainer kann es nicht liegen. Es waren schon vier in dieser Saison.
Ich weiß noch, wie Dietmar Beiersdorfer Peter Knäbel zum Trainer machte und sagte: Wir haben den Besten, den es für uns geben kann. Gewonnen hat er nix und nach ein paar Wochen war er wieder weg.


Aber immerhin: Mit Labbadia läuft es ganz anständig, oder nicht?
Erst dachte ich, das sei ein Witz. Aber mit ihm schießen wir sogar fast immer mindestens ein Tor. Augsburg haben wir zum Beispiel mit 3:2 deklassiert und Mainz mit 2:1 vom Platz gefegt. Wenn er es wirklich schafft, die Klasse zu halten, dann sollte ihm ein Denkmal vor dem Stadion errichtet werden.


Ist das Galgenhumor?
Ja. Anders hätte ich es in den vergangenen Jahren nicht ertragen. Aber wir HSV-Fans haben ein dickes Fell und sind Leiden gewohnt. Ich habe mich irgendwann der Liebe zum HSV verschrieben und ziehe das jetzt auch durch.


Wenn es sein muss in der zweiten Liga?
Wenn es sein muss, ja. Aber das wäre schon wahnsinnig bitter. Immerhin spielt der HSV seit dem ersten Tag in der Bundesliga. Ich will gar nicht daran denken. Dann gucke ich mir in der nächsten Saison Montag abends den HSV an - wenn er für das Topspiel der zweiten Liga ausgewählt wird.