Heraus aus dem tiefen Loch

Augusta..  Tiger Woods war untergetaucht. Verletzt seit vielen Monaten - das mehrfach operierte Knie bockte, noch mehr der Rücken. Kurze Comeback-Versuche gab es zwischendurch, abgebrochen unter höllischen Nervenschmerzen. Statt auf dem Golfplatz sah man ihn bei Skirennen seiner Liebsten Lindsey Vonn. Und wer ein dreiviertel Jahr keine Turnierpunkte erspielt, stürzt in der Weltrangliste ab. Erstmals nach 20 Jahren fiel Woods, 39, Ende März sogar aus den Top 100 – eine Zäsur.

Manche Hohepriester des Schlägerschwingersports prognostizierten schon das Ende der Karriere. Mit grandiosen 14 Major-Titeln. Aber eben nicht mit 18, die Jack Nicklaus einst schaffte. Das ist ­Tigers Lebensziel seit langem. Und die Szene diskutierte schon eifrig, wer wohl der Kronprinz werden könne, der Nachfolger des lange Jahre furchteinflößend guten, manche sagen: besten Golfers aller Zeiten.

Am Wochenende hat Tiger Woods auf den letzten Drücker für die 79. Masters in Augusta gemeldet. Sehr überraschend. Ohne Spielpraxis. Vier Mal hat er hier gewonnen, zuletzt indes 2005. Sein letztes Viertage-Turnier war im Sommer 2014, als er bei den British Open schmerzgeplagt auf Platz 69 von 72 Mitwirkenden landete.

Einschüchterungsmonster

Jetzt ist er also back after back problems: Er hatte Rücken, jetzt ist er zurück.

Veranstalter und Fernsehsender jubeln. Mit Woods sind Einschaltquoten überragend besser. Auch sportlich freuen sich offiziell alle. Ian Poulter, Englands exzentrischer Golfer, meint lapidar: „Die beste Show der Welt wird dann eben noch besser.“ Dabei ist Woods womöglich gleich wieder ein Konkurrent um den Sieg. Und ohnehin ein Einschüchterungsmonster. Vor Jahren hatten Studien ergeben: Sobald Woods bei einem Turnier mitmacht, spielen alle anderen signifikant schlechter.

Über Jahre, schreibt die New York Times jetzt vor dem Masters, habe Tiger Woods „ein kompliziertes Spiel so mühelos aussehen lassen, besonders in Augusta“, seinem Lieblingsplatz. Im Moment sei er „ein Meister der Vergangenheit“, dennoch sei die Teilnahme „kein Nostalgie-Trip“ sondern der Versuch, in die Gegenwart zurückzufinden. Neulich, als er unter Schmerzen und zwischenzeitlich gebeugt wie ein alter Mann eine indiskutable 82er-Runde spielte, hätten die Menschen auf den Platz gehen wollen, nicht wie einst, „um ihn zu feiern sondern ihn tröstend in den Arm zu nehmen“.

Tausende umjubelten den ehemaligen Dominator dicht gedrängt bei der Trainingsrunde am Montag – so viele Menschen wie nie zuvor bei Übungsbällen, meldet die BBC. Ob Woods ab Donnerstag Demut lernt oder vom tückischen Spiel gedemütigt wird – es wird ab der ersten Ballberührung von Kleinigkeiten abhängen.

Von Anfang an werde „jeder Schlag mikroanalysiert“ sagt Exprofi Paul Azinger voraus, „und er weiß das“. Jeder Grashalm wird interviewt, welche Schlüsse er aus Woods’ Bewegungen zieht.

Die restlichen 98 Teilnehmer werden es mehrheitlich genießen, wenn die großen Scheinwerfer auf den Comebacker fokussiert sind. Das gilt besonders für Martin Kaymer und Bernhard Langer, die es lieben, weit unter dem Radar ihre Bälle fliegen zu lassen. Der ewige Langer, methusaleminöse 57 mittlerweile, tritt zum 32. Mal in Augusta an. Der Masters-Champion 1985 und 1993 wurde im Vorjahr großartiger Achter, lag am Schlusstag zeitweise sogar auf Platz zwei. Auf der Masters-Website wird er jetzt ausdrücklich als Bedrohung für den Titel gepriesen.

Bernhard Langer hat als ehemaliger Sieger im schrulligen Nobelklub von Georgia ein lebenslanges Startrecht. Tiger Eldrick Woods, derzeit 111. der Welt, könnte also auch in 20 oder 30 Jahren noch mal ein Comeback starten.