Heldt muss Schalkes Profiteam neu erfinden - wenn er darf

Schalke-Manager Horst Heldt steht in der Kritik.
Schalke-Manager Horst Heldt steht in der Kritik.
Foto: Sebastian Konopka / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Schalke beschäftigt sich mit den Folgen des Katastrophen-Saison - und muss die grundsätzlichen Fragen stellen. Ein Kommentar zur Schalke-Krise.

Gelsenkirchen.. Dieser Tag hinterließ beim FC Schalke 04 nur Verlierer - trotz der geschafften Europa-League-Qualifikation nach dem 1:0-Erfolg über den glücklosen SC Paderborn. Nach einer katastrophalen Saison rebellieren die Fans gegen den Aufsichtsrat, gegen den Vorstand, gegen den Trainer und gegen die Mannschaft. Die Mannschaft selbst ist zerstritten - und auch in der Führungsetage verstehen sich nicht mehr alle blendend. Es muss sich etwas ändern. Das wissen alle. Nur was? Wie? Und wie schnell?

Schalke muss sich nicht neu erfinden. Dieser Verein mit seinen über 130.000 Mitgliedern wird immer der verrückte, stolze und hemmungslos überemotionale Kumpel- und Malocher-Klub aus Gelsenkirchen bleiben, der mit einem stets moralischen Anspruch auf seine Klubhistorie verweist, seine Legenden pflegt und seine Idole verehrt. Schalke siegt eben euphorischer und verliert tragischer. Kaum vorstellbar, dass die Mitgliederversammlung einer Ausgliederung der Profi-Abteilung in den nächsten Jahren zustimmt, so sehr sich dies die Vereinsführung insgeheim wünschen mag.

Das Profi-Team muss Schalke in der Sommerpause aber auf links drehen. Es hilft nur ein Druck auf die Resettaste. Nur die Ausgangslage ist klar: Schalke wird in der Saison 2015/2016 an der Bundesliga, dem DFB-Pokal und der Europa League teilnehmen. Und dann sind viele Fragen zu beantworten. Was ist das Konzept des Vereins? Für welchen Fußball soll Schalke stehen? Welche Ziele gibt Schalke vor? Wie viel Geld steht zur Verfügung? Erst wenn diese grundsätzlichen Fragen beantwortet sind, geht es ans Personal - angefangen beim Boss.

  • Der vielfach kritisierte Clemens Tönnies steht noch bis 2016 an der Spitze des Aufsichtsrats. Am 28. Juni wird er sich bei der Jahreshauptversammlung einer wütenden Menge stellen müssen. Wenn Tönnies beschließt, sein Amt zu behalten - und davon ist auszugehen, da es zu seinem Selbstverständnis gehört, vor Problemen nicht wegzulaufen - muss er seine Amtsführung ändern und Fehler eingestehen. Ein Aufsichtsrat hat eine Kontrollfunktion und handelt nicht aktiv. Das hat Tönnies von Jahr zu Jahr immer mehr vergessen.
  • Findet Horst Heldt als Sportvorstand die richtigen Antworten auf die grundsätzlichen Umbruch-Fragen? Das ist sehr unwahrscheinlich. Heldt kennt sich zwar im Profigeschäft aus, steht für günstige Transfers, kann nett plaudern und auch seine Identifikation mit Schalke ist nicht gespielt. Seine Fähigkeiten als Konzept-Manager hat Heldt aber noch nicht bewiesen. Zu oft achtete er bei Zugängen nur auf günstige Bedingungen und nicht auf den Charakter - wie bei Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam. Jetzt bekommt er die Quittung dafür. Heldts Wunschtrainer Roberto Di Matteo ist auch nach acht Monaten noch nicht angekommen. Und Heldts Fähigkeiten als Krisenmanager sind begrenzt. Seine Entscheidungen - vom Trainingslager bis zum Rausschmiss von drei Spielern - wirkten sehr populistisch und verpufften zudem. Heldt darf nur bleiben, wenn er dem Aufsichtsrat und den vielen Fans ein sehr überzeugendes Konzept vorlegt.
  • Fan-Boykott Wer ist der richtige Trainer? Tönnies und Heldt schützen Roberto Di Matteo, stellen ihm öffentlich eine Zukunft auf Schalke in Aussicht. Doch die Zeit von "RDM" ist abgelaufen. Er bekam die Mannschaft zu keiner Zeit in den Griff, entwickelte keinen Spieler weiter, setzt zu oft auf eine unattraktive Defensiv-Taktik. Zudem verfehlte er das große Ziel Champions League. Mit seiner kühlen Art passt er nicht zu Schalke, er wäre nicht das richtige Gesicht für einen Neustart. Da "RDM" noch die Europa League erreichte, könnte er sogar erhobenen Hauptes gehen. Ein Abschied, der Jens Keller vor genau einem Jahr verwehrt blieb.
  • Was passiert mit der Mannschaft? Während Tönnies einen Umbruch forderte, kündigte Di Matteo lediglich Veränderungen an, aber "keine Revolution". Die ist aber unumgänglich. Die Verträge von Chinedu Obasi, Christian Wetklo, Christian Fuchs, Jan Kirchhoff und Tranquillo Barnetta laufen aus und werden wohl nicht verlängert. Sidney Sam und Kevin-Prince Boateng sind die Abgänge sechs und sieben. Weitere Spieler wie Dennis Aogo und Roman Neustädter werden ebenfalls nicht mehr benötigt, Marco Höger ist nicht mehr erwünscht. Gut möglich, dass Benedikt Höwedes den Verein Richtung England verlässt. Neun bis zwölf Abgänge würden das Wort "Umbruch" schon rechtfertigen..

Das neue Vereinskonzept liegt auf der Hand. Die "Knappenschmiede" ist der Stolz des Vereins. Tausende Fans werden versuchen, die U19 zum Meistertitel zu brüllen. Genau die Fans, die das seelenlose Profiteam am Samstag noch mit wütenden Pfiffen in die Sommerpause verabschiedeten.