Handball-Weltmeister Kehrmann spielt in Lemgo Feuerwehrmann

Ein Handball-Weltmeister sitzt auf der Bank: Trainer-Neuling Florian Kehrmann will Lemgos Klassenrehalt sichern.
Ein Handball-Weltmeister sitzt auf der Bank: Trainer-Neuling Florian Kehrmann will Lemgos Klassenrehalt sichern.
Foto: Imago
Was wir bereits wissen
Trainer-Neuling Florian Kehrmann will den Traditionsklub TBV Lemgo vor dem Abstieg aus der Bundesliga bewahren. Am Samstag geht es gegen den Bergischen HC.

Essen.. Die Hoffnung des TBV Lemgo trägt einen Namen: Florian Kehrmann. Im Leben des Handball-Weltmeisters von 2007 hat die Zahl 15 eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist nicht nur Bestandteil seiner Mailadresse. Der Mann mit der Rückennummer 15 hat sich im Lipperland zum einst besten Rechtsaußen der Welt entwickelt. Viele Jahre lang, genau gesagt natürlich 15, hat er für den TBV Lemgo in der Bundesliga gespielt und 1846 Tore in 460 Bundesligapartien erzielt. Seit Dezember 2014 sitzt der Publikumsliebling auf der Trainerbank und soll seinen Klub vor dem Abstieg aus der Bundesliga retten. Sein Ziel Platz: 15. Natürlich. Der Rang, der den Absturz des Traditionsklubs aus dem Oberhaus verhindern würde.

Sieben Spieltage vor Schluss steht der TBV Lemgo mit 18:40 Punkten noch auf Platz 16. Am Samstag kommt der Bergische HC nach Lemgo. Gegen den Tabellenelften hat Kehrmann nur ein Ziel: Ein Sieg muss her. Die Fans wollen mithelfen. „Man merkt, dass die ganze Region hinter uns steht. In dieser richtigen Notsituation unterstützen uns die Zuschauer. Es war wie ein Weckruf“, sagt Kehrmann. „Jetzt kommen wieder über 4000 Fans zu unseren Spielen und verwandeln die Halle in einen Hexenkessel.“

Einst kam das Gerüst des DHB-Teams aus Lemgo

So wie früher, als der TBV Lemgo auch TBV Deutschland genannt wurde, weil kein anderer Bundesligist so viele Nationalspieler auf das Parkett schickte wie der Klub aus dem nordöstlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen. Fünf Lemgoer bildeten um die Jahrtausendwende das Gerüst der Stamm-Sieben von Bundestrainer Heiner Brand. Neben Kehrmann brillierten auch Christian Schwarzer, Markus Baur, Daniel Stephan und Volker Zerbe sowohl im blau-weißen Lemgoer als auch im schwarz-rot-goldenen Nationaltrikot.

Deutscher Meister 1997 und 2003, DHB-Pokalsieger in den Jahren 1995, 1997, 2002 sowie Europapokalsieger der Pokalsieger 1996: Die Handballer machten das 41 000-Einwohner-Städtchen nicht nur in Deutschland bekannt. Doch vor drei Jahren war es aus mit den positiven Schlagzeilen. Plötzlich schwärmten die Kommentatoren nicht mehr von den Lemgoer Handballern, wie sie „die schnelle Mitte“ perfektionierten. Plötzlich ging es nicht mehr um gefühlvolle Drehwürfe, sondern um einen handfesten Finanz-Skandal, in denen auch die einstigen Leistungsträger Fynn Holpert und Volker Zerbe als Manager und Geschäftsführer verstrickt waren.

„Wir wollen das Unmögliche möglich machen“

Zeitweise drohte sogar die Insolvenz. „Wir haben einige Finanzprobleme zu bewältigen gehabt. So haben wir einen Hauptsponsor verloren“, sagt Kehrmann. „Dann büßt man auch an Qualität ein. Inzwischen haben wir einiges wieder aufgefangen und blicken optimistisch nach vorn.“ Auch auf dem Parkett. Im Dezember 2014 sah es sportlich düster aus. „Wir wollen das Unmögliche möglich machen“, erklärt Kehrmann. „Als ich das Amt übernommen habe, waren wir bei einem Rückstand von sieben Punkten auf das rettende Ufer praktisch abgestiegen.“

Eigentlich wollte der 37-jährige Kehrmann nicht hoppla-hopp als Trainer ins Bundesligageschäft einsteigen. In Ruhe wollte der 223-malige Nationalspieler seine A-Lizenz machen und als Jugendcoach Erfahrung sammeln. Aber als sich der Klub entschied, den erfolglosen Trainer Niels Pfannenschmidt zu entlassen, ließ sich Kehrmann überzeugen. „Ich weiß nicht, ob es ein Vorteil ist, dass ich als Lemgoer Identifikationsfigur die Aufgabe übernommen habe“, sagt Kehrmann. „So etwas ist ja nicht messbar.“ Aber messbar ist, dass unter ihm weitaus mehr Punkte geholt wurden. Die magische 15, der Platz der Rettung, ist wieder in Sicht.