Halbe Sehkraft, volles Tempo

Wengen..  Nach der nächsten Slalom-Gala glänzte Felix Neureuther einmal mehr als Entertainer. Bei der Siegerehrung des Weltcups in Wengen scherzte der WM-Zweite auf der Bühne, dankte tausenden Ski-Fans auf Schwyzerdütsch und wollte neben allerhand Trophäen und Geschenken unbedingt ein Erinnerungsfoto mit dem eigenen Handy gemacht bekommen. „Als Kind träumt man davon, in Wengen und Kitzbühel zu gewinnen. Diese Slaloms haben die meiste Tradition“, schwärmte der 30-Jährige nach dem zweiten Erfolg. „Wengen ist so ein spezieller Ort. Hier musst du ein kompletter Skifahrer sein, um ganz vorne zu sein.“

Frage des Glücks und des Willens

Dabei sah es erst gar nicht nach Neureuthers elftem Weltcuperfolg aus. Ein Migräneanfall, gepaart mit Sehstörungen, behinderte ihn, Rang fünf nach dem ersten Durchgang war auch noch nicht der Siegkurs. Die eingeschränkte Sicht ist nach Angaben des 30-Jährigen eine gelegentlich auftretende Folge seines Autounfalls vor den Olympischen Winterspielen im Vorjahr. Dank der Physiotherapeuten hatte Neureuther aber im zweiten Lauf wieder den Durchblick: „Dass es mir so aufgegangen ist, war sicher eine Frage des Glücks, aber auch eine Frage des Willens.“

Eine Woche vor dem Alpin-Klassiker in Kitzbühel und gut zwei Wochen vor der Ski-Weltmeisterschaft in Vail und Beaver Creek war der Sieger mit seiner Leistung also sehr zufrieden: „Es ist großartig, auf diesem Hang zu gewinnen.“ Bei der WM ist Neureuther neben Fritz Dopfer, der am Samstag Siebter wurde, der aussichtsreichste deutsche Medaillenkandidat.

Hirscher schon früh ausgeschieden

„Das war einfach eine Meisterleistung, und er hat kein Glück gehabt, sondern hat das zu jeder Zeit souverän nach unten gebracht“, lobte auch Alpindirektor Wolfgang Maier den erfolgreichsten deutschen Weltcupfahrer.

Nur die Rolle des Zuschauers blieb diesmal Marcel Hirscher. Der Torlauf-Weltmeister fädelte mitten in einer bärenstarken Fahrt kurz nach der zweiten Zwischenzeit ein. Nach 29 Weltcup-Slaloms ohne Ausfall erwischte es diesmal den Österreicher. „Lieber schnell und ausscheiden als Siebenter und ein riesengroßes Fragezeichen über dem Kopf“, sagte Hirscher. Durch dessen Ausfall und seinen eigenen Sieg übernahm Neureuther auch wieder die Führung im Disziplin-Weltcup. „Das ist mir derzeit wirklich so etwas von wurscht. Entscheidend ist, wie es nach dem letzten Rennen ausschaut. Es kommen jetzt noch jede Menge wichtiger Rennen“, erklärte der Bayer. Das nächste bereits am kommenden Sonntag bei den berühmten Hahnenkammrennen in Kitzbühel.

Den Spezialslalom in Tirol will auch Linus Strasser nutzen, um mit einem Top-15-Resultat zumindest die halbe Quali-Norm für die WM zu erfüllen. „Es ist mein großes Ziel, mich für die WM zu qualifizieren“, sagte Strasser, der in der Schweiz 21. wurde.