Gold-Mann mit Verspätung

Hagen..  Der Gold-Mann kommt in Silber - und zu spät. Länger als ein Fußballspiel dauert die Fahrt vom Düsseldorfer Flughafen nach Hagen zur Fern-Universität. Die Autobahn ist voll, weil die Züge stehen. Der silberne Sportwagen fährt vor. Oliver Bierhoff, dunkelblauer Anzug, dunkelblaue Krawatte, hellblaues Hemd mit Haifischkragen, steigt auf der Beifahrerseite aus, angelt seine lederne Tasche vom Rücksitz und entschuldigt sich. Der Verkehr, Sie wissen schon, tut mir leid. Niemand ist ihm böse.

Sie sind ja alle gekommen, um ihn zu sehen. Oliver Bierhoff, den Manager der Fußball-Nationalmannschaft, den Absolventen der Hagener Hochschule. Im Kreise der Freunde und Gönner der Uni hält Bierhoff einen Vortrag: „Der Weg zum Titel“. Zum WM-Titel 2014 in Brasilien. Doch eigentlich redet er über seinen eigenen Weg zum Titel. Es war ein langer Weg, durchaus steinig.

Karriere mit langem Anlauf

„Ich will zeigen, dass es kein Zufall war, sondern Planung“, sagt der 42-Jährige zu Beginn.

Es dauert lang, bis Deutschland auf diesen Mann aufmerksam wird. Er spielt mit überschaubarem Erfolg für Bayer Uerdingen, für den Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass es beginnt aufwärts zu gehen, als er das Land verlässt. In Österreich trifft er für Austria Salzburg, landet bei Ascoli Calcio in der zweiten italienischen Liga. Und trifft. Geht zu Udinese Calcio. Und trifft.

Bierhoff steht nun auf der kleinen Bühne in Seminarraum 1. Das Haar sitzt, die Haut ist leicht gebräunt, die Uhr teuer. Gut 200 Menschen hören ihm zu. Er zeigt Bilder aus diesem Sommer. Der goldene WM-Pokal ist zu sehen. „Man braucht klare Visionen, was man erreichen will und wie.“

Dass es Fußball sein würde, mit dem der junge Mann aus Essen - der Vater Vorstand bei RWE - sein Geld verdienen würde, war lange nicht unbedingt sicher. 1988 schreibt er sich in Hagen in Betriebswirtschaftslehre ein.

1996 erfolgt sein sportlicher Durchbruch. Mit 27 Jahren debütiert er in der Nationalmannschaft und schafft sogar den Sprung zur EM in England. Im Finale wird er eingewechselt, schießt den Ausgleich, schießt in der Verlängerung das erste und einzige Golden Goal der Fußball-Geschichte. Er geht zum AC Mailand, wird Meister, Torschützenkönig der Serie A, Italiens Fußballer des Jahres und Kapitän der Nationalmannschaft.

Bierhoff sagt, dass es wichtig sei, „etwas zum Leben zu erwecken und durchzuziehen“. Als Spieler hat er es durchgezogen. Über Umwege ging es für ihn nach oben.

Fußballer haben ein unstetes Leben. Mal hier, mal dort. Die Uni verschickt die Unterlagen meistens nach Essen, die Eltern leiten sie weiter an ihren Sohn, weil sie besser wissen, wo er sich gerade aufhält.Während die Kollegen damals alle Hände voll damit zu tun haben, ihr Geld unter die Leute zu bringen, lernt Bierhoff.

Buchführung.

Rechnungswesen.

Bilanzführung.

In Verona, Monaco und Rom schreibt er seine Klausuren. Nicht jeder der Kollegen versteht sowas.

Bierhoff lässt nun Wörter an die Wand werfen. „Wenn dir deine Träume keine Angst machen, sind sie nicht groß genug“, steht da. Wörter, die er den Spielern auf dem Weg zum Titel 2014 mitgeben hat lassen. Keypoints nennt er sowas. Das ist englisch. Bierhoff mag das. Englisch ist nicht deutsch. Klingt fast logisch, dass sowas in diesem Land Misstrauen schürt.

Imagetransfer scheitert bei sich

2002 erhält er sein Diplom und weiß schon, wo er hin will: zur Nationalmannschaft. Und er weiß, wo sie hin soll. Weg vom satten Millionärs-Image, hinein ins Land der Freude, der schönen Bilder. Er weiß, „wo ich die Mannschaft hinhaben will“. Einer ganzen Mannschaft verpasst er flankiert vom sportlichen Erfolg eine Image-Korrektur. Nur bei sich scheitert er.

Bierhoff denkt in Geschichten. Die Nominierung des Kaders für die EM 2008 verlegt er auf den Gipfel der Zugspitze. Es fehlt in dieser Zeit nicht viel und größere Teile der Bundesliga hielten Bierhoff für übergeschnappt und eingebildet.

Vielleicht sucht man den Makel bei einem, der keinen Makel zu haben scheint, besonders intensiv. Bierhoff lässt vieles unangestrengt aussehen und nährt damit den Verdacht, er hätte sich nie für irgendwas angestrengt.

Das Campo Bahia, das Mannschaftsquartier in Brasilien, das nur über eine Fähre zu erreichen war, hat er ausgesucht. Größenwahnsinnig sei er nun, munkelte man. Doch die Anlage stellte sich mit dem Titelgewinn als die Keimzelle des deutschen Erfolgs heraus.

Weltmeister.

Am Ziel.

Mit zehn Jahren Anlauf.

Applaus zum Abschied aus Hagen. „Widrigkeiten und Widerstände haben mich immer stärker gemacht“, sagt er, bevor in das Auto steigt, das ihn wieder fort bringt. Den Gold-Mann - mit Verspätung.