Gezweifelt. Gekämpft. Gewonnen!

Gelsenkirchen..  Es gibt Momente im Leben, deren Vorhersage man nicht wagen würde. Weil sie zu groß, zu schön erscheinen. Am 13. Juli dieses Jahres ist Benedikt Höwedes Fußball-Weltmeister geworden. Noch im Frühjahr war er so schwer verletzt, dass er befürchten musste, nicht in den Nationalmannschafts-Flieger nach Brasilien einsteigen zu dürfen. Es war ein turbulentes Jahr, auf das der 26-jährige Abwehrspieler und Kapitän des FC Schalke 04 nun zurückblickt.

Weltmeister bleibt man ewig. Das muss ein erhabenes Gefühl sein.

Benedikt Höwedes: Ich empfinde es tatsächlich als großes Glück, einer von den 23 zu sein, die dazu beitragen durften, diesen Titel nach Hause zu bringen.

Auch jetzt noch, ein halbes Jahr später, fällt der Name Höwedes in den Medien selten ohne den Zusatz Weltmeister. Haben Sie sich mittlerweile daran gewöhnt?

Es geht mir noch nicht auf den Keks. Immer, wenn es um dieses Thema geht, bekomme ich ein Lachen im Gesicht.

Erfüllt Sie diese Form von Respekt auch mit Stolz?

Ja, ich bin absolut stolz darauf. Ich hatte ja vorher eine schwierige Zeit erlebt, ich war in der ersten Hälfte dieses Jahres häufig verletzt. Joachim Löw hatte mir aber gesagt, dass er mich mitnehmen würde, wenn ich fit werden würde. Dafür habe ich mich dann unheimlich engagiert. Ich habe zusätzlich mit Physiotherapeuten und Fitnesstrainern gearbeitet, auch brutal auf meine Ernährung geachtet.

Gab es in dieser Zeit Zweifel, Sorgen, Ängste?

Die hatte ich, ja. Als ich mir im März im Champions-League-Achtelfinale in Madrid einen Muskelbündelriss zuzog, dachte ich: Mensch, das kommt jetzt wirklich zum ungünstigsten Zeitpunkt. Aber nach dem ersten Schock habe ich sofort umgeschaltet. Ich habe mir eingeredet: Ich werde es schaffen, ich werde die WM nicht verpassen.

Und als Sie es dann ins Aufgebot geschafft hatten, geschah im Trainingslager in Südtirol bei Werbeaufnahmen dieser Unfall, bei dem ein Passant verletzt wurde. Sie saßen als Beifahrer im Auto. Hat Sie dieses Erlebnis anfangs zurückgeworfen?

Es war in der ersten Zeit nicht einfach für mich, das waren schreckliche Momente, die ich da miterlebt habe. Da hing ein Mensch auf der Windschutzscheibe – das hat mich schon beschäftigt. Ich habe mein Nötigstes zur Erstversorgung beigetragen, habe mir dann aber auch gesagt, dass ich ja nichts dafür konnte.

In Brasilien haben Sie alle acht WM-Partien über die volle Zeit gespielt. Und das auf der ungewohnten Linksverteidiger-Position. Waren Sie überrascht, als Joachim Löw Ihnen diese Aufgabe übertrug?

Ja, ein bisschen schon. Aber ich habe keine Sekunde gezögert, sondern sofort gesagt: Trainer, das mache ich, ich stelle mich da hin. Ich habe mir das selbst zugetraut, zumal ich links nicht für Flankenläufe, sondern für Stabilität sorgen sollte.

Beim Tor von Mario Götze im Finale gegen Argentinien . . .

. . . sind mir die Tränen in die Augen geschossen. Das war ein Befreiungsschlag, unbeschreiblich.

Aber es waren noch sieben Minuten zu spielen. Da entstand doch sicher noch einmal ein enormer Druck?

Ja, das war schon hart. Aber wir haben uns mit allen Mitteln gegen ein Tor der Argentinier gestemmt, selbst von der Bank kam eine unglaubliche Unterstützung.

War das abgeschiedene Quartier, das Campo Bahia, der Schlüssel zum Erfolg, weil dort der unerlässliche Teamgeist entstehen konnte?

Das kann ich absolut bestätigen. Die Geschlossenheit war unser größter Trumpf. Das Campo Bahia war ein Rückzugsort, es gab die gemischten Wohngemeinschaften, und trotzdem waren wir oft gemeinsam draußen. Da herrschte eine fantastische Atmosphäre.

Teamgeist lässt sich ja nicht einfach verordnen. Es wohnten Schalker, Dortmunder und Bayern zusammen. Die Vereinsrivalitäten spielten gar keine Rolle?

Es wurde mal hin- und hergefrozzelt, das ist doch normal. Aber wir hatten ein viel größeres, übergeordnetes Ziel. Wir sind total respektvoll miteinander umgegangen.

Wäre Manuel Neuer bei seinen vielen Rettungsaktionen gegen Algerien nur ein einziges Mal zu spät gekommen, wäre der Achtelfinal-K.o. möglich gewesen. Denken Sie manchmal, dass das Glück auch am seidenen Faden hing?

Selten. Ich gebe Ihnen aber vollkommen Recht: Das Spiel gegen Algerien stand auf des Messers Schneide. Aber obwohl es knapp war, hatten wir auf dem Platz ein gutes Gefühl. Wenn man so ein intaktes Team hat, denkt man auch in solchen Momenten: Es kann nichts schief gehen, wir packen es.

Hat sich durch den Weltmeistertitel in Ihrem Alltag etwas verändert?

Man wird häufiger auf der Straße erkannt. Aber ich habe mich nicht verändert. Ich weiß, wo ich herkomme und auf wen ich zählen kann. Ich habe Freunde aus früheren Zeiten.

Aber auf einmal interessieren sich die Leute auch für Ihre Haartransplantation. Ist ja schließlich das Haar eines Weltmeisters . . .

Ja, aber ich bin damit völlig offen umgegangen. Nach unserer Rückkehr habe ich mich einer Operation unterzogen, weil ich vorher unzufrieden war. Dann lag ich fünf Tage auf der Couch und habe mich kaum aus dem Haus getraut. Erst danach habe ich Urlaub gemacht.

Die Sommerpause war recht kurz. Blieb Zeit zum Genießen?

Erst einmal war Abschalten angesagt. Ich hatte kaum Bilder von der Weltmeisterschaft gesehen.

Stimmt der Eindruck, dass Sie in dieser Saison bei Schalke 04 auch öffentlich noch deutlichere Ansagen machen als zuvor?

Das mag sein. Ich habe mich zu Themen geäußert, die mich gestört haben, die mir am Herzen liegen. Und ich glaube, dass ich als langjähriger Spieler und Kapitän auch das Recht dazu habe.

Der WM-Titel hat also nichts damit zu tun?

Na ja, man reift natürlich schon durch so ein Turnier. Aber ich sage ja nicht: So, jetzt bin ich hier der Weltmeister.

Und wie kommt es an, wenn Sie bei jungen Spielern fehlenden Einsatz und fehlenden Respekt beklagen?

Ohne, dass es jetzt anmaßend klingen soll – ich glaube, dass ich auch schon mal junge Spieler in die Pflicht nehmen darf. Damit will ich dafür sorgen, dass jeder Einzelne von ihnen auch stetig vorwärtskommt und nicht stagniert, weil er vielleicht zu schnell zufrieden ist. Da ist auch noch keiner auf mich zugekommen und hat gesagt: Was redest du für einen Mist?

Ist der WM-Titel auch Verpflichtung? Müssen Sie noch mehr als früher Vorbild sein?

Ich bin mir meiner Vorbildrolle sehr bewusst, aber nicht erst seit der WM. Ich bin ein ehrgeiziger Typ, der nach Erfolg lechzt und sich immer weiterentwickeln will. Um auf dem Level zu bleiben, muss ich noch mehr investieren. Da unterscheiden sich gute Spieler von richtig guten. Man darf sich nie ausruhen.