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Gärtner versorgte Armstrong bei der Tour de France mit Epo

11.10.2012 | 11:14 Uhr
Der Gärtner von Lance Armstrong soll den Radprofi bei der Tour de France mit Epo versorgt haben.Foto: Getty Images

Washington.  Unter der Federführung von Lance Armstrongs ist das „ausgeklügelste, professionellste und wirkungsvollste Dopingprogramm betrieben worden, das der Sport jemals gesehen hat". Das ist das Ergebnis der amerikanischen Doping-Behörde Usada. George Hincapie, der treue Weggefährte von Lance Armstrong, half mit beim Entzaubern der Radsport-Legende.

Die „Tour de France“ von 1999 stand unter besonderer Beobachtung. Nach dem Festina-Skandal im Jahr zuvor bemühten sich die Veranstalter des Radsport-Spektakels in der Öffentlichkeit um ein Saubermann-Image; von „Tour der Erneuerung“ war die Rede. Nicht ganz das, was Lance Armstrong darunter verstand .

Im 1000 Seiten starken Abschlussbericht der amerikanischen Doping-Behörde Usada ist zu finden, dass Lance Armstrong zwischen dem 3. und 25. Juli seinem damaligen persönlichen Assistenten eine besondere Aufgabe zugedacht hatte. Auf dem Motorrad musste der Gärtner mit einem Rucksack auf dem Rücken hinter den Profi-Radlern hinterherfahren und nach der Etappe den verbotenen Blutverdicker Epo diskret an den Mannschaftsbus bringen sowie die leeren Ampullen in Cola-Dosen entsorgen.

Make-Up überdeckte Bluterguß von Armstrong nach Epo-Injektion

Tyler Hamilton und Kevin Livingston, damals Armstrongs Team-Gefährten im Rennstall „US Postal“ und ebenfalls Nutznießer der Ausdauerspender, erinnerten sich bei ihren eidesstattlichen Zeugenaussagen genau an den „Motoman“. Auch an Emma O’Reilly, die Masseurin des Teams. Als Mannschaftskollege Frank Andreu auf der 99er Tour vor einer Pressekonferenz einen Bluterguß an Armstrongs Oberarm entdeckte, ausgelöst durch eine Epo-Injektion, musste O’Reilly mit der Make-Up-Dose aufmarschieren und das auffällige Mal wegpudern.

Doping bei der Tour

Solche Details finden sich zu Dutzenden in dem Bericht, mit dem die Usada den Weltradsportverband UCI binnen der kommenden drei Wochen gewogen machen will, dem siebenfachen Tour-Gewinner nachträglich sämtliche Gelben Trikots offiziell abzuerkennen . Doping-Agentur-Chef Travis Tygart glaubt mit dem Konvolut, das sich wie ein Anklageschrift mit Hunderten Fußnoten liest, den Beweis geführt zu haben, dass Armstrong nicht nur über Jahre generalstabsmäßig gedopt, Tests hintertrieben und gelogen hat. Sondern die verbotenen Substanzen auch selbst vertrieb und im Stile eines Paten seine Team-Kollegen zur Einnahme regelrecht zwang; auf dass bei der nächsten Bergwertung niemand aus der Puste kam.

Prominente Radprofis sorgen für "Dolchstoß" bei Armstrong

Die Usada stützt sich maßgeblich auf die Aussagen von 15 ehemaligen und amtierenden Profi-Radrennfahrern. Unter anderen auf der Namensliste: Tyler Hamilton, Floyd Landis, Levi Leipheimer, Christian Vande Velde, David Zabriskie, Michael Barry, Tom Danielson, Stephen Swart und Jonathan Vaughters. Als „verheerend“ werten US-Kommentatoren den Umstand, dass Armstrongs treuester Wasserträger auch zu den Belastungszeugen gehört.

Video
Colorado Springs, 24.08.12: Lance Armstrong steht unmittelbar vor einer lebenslangen Sperre und dem Verlust seiner sieben Tour-de-France-Titel. Dies teilte die US-Anti-Doping-Agentur mit. Drei der Tour-Siege fallen nun ausgerechnet Jan Ullrich zu.

Die US-Radsport-Legende George Hincapie, der mit 39 Jahren vor wenigen Wochen seine Karriere beendete und alle sieben Tour-Siege Armstrongs begleitet hatte, schrieb unmittelbar nach Veröffentlichung des Berichts, dass er in seinen Gespräche mit den Ermittlern berichtet hat, "was ich gesehen habe". Als da wäre: Blutkonserven auf dem Hotelzimmer, Epo-Ampullen in Armstrongs Privat-Kühlschrank, Cortison-Pillen; verpackt von Armstrongs damaliger Frau.

Wer sich nicht dem Spritzen-Regime unterwarf, flog raus

Hincapie gab seinen eigenen Doping-Missbrauch zu, den er 2006 beendet haben will. Unter den Dutzenden Beweismitteln, E-Mail-Abschriften, Labor-Berichte etc., hält die Usada einige Konto-Auszüge für besonders aussagekräftig. Sie belegen, dass Armstrong zwischen 1996 und 2006 dem lebenslang gesperrten italienischen Doping-Arzt Dr. Michele „Schumi“ Ferrari über eine Million Dollar für dessen Dienstbarkeiten überwiesen hat. 2004 hatte Armstrong öffentlich erklärt, mit Ferrari gebrochen zu haben.

Kommentar
Nach dem Fall Armstrong bleibt ein mulmiges Gefühl zurück

Die Beweislast ist erdrückend - und deshalb bleibt im Fall Lance Armstrong eigentlich keine Frage mehr offen. Doch wieso ist Armstrong bei keiner einzigen Doping-Kontrolle im Laufe seines Jahrzehnts in der Weltspitze aufgeflogen? Ein Kommentar.

Unter Armstrongs Federführung sei das „ausgeklügelste, professionellste und wirkungsvollste Dopingprogramm betrieben worden, das der Sport jemals gesehen hat“, schreibt Usada-Chef Tygart. Wer nicht mitziehen wollte, spürte den Groll des US Postal-Zugpferdes. Team-Kollege Vande Velde sagte aus, dass er unmissverständlich von Armstrong darauf hingewiesen wurde, sich entweder dem Spritzen-Regime von Dr. Ferrari zu unterwerfen - oder sich einen neuen Rennstall zu suchen.

Armstrongs Anwalt spricht von "Hexenjagd"

Noch klarer bekam nach eigenen Worten Tyler Hamilton Armstrongs Ansichten mitgeteit. Bei einem Restaurantbesuch 2011 in Aspen/Colorado sagte Armstrong demnach: „Wenn Du als Zeuge aussagst, reiß ich Dich in Stücke, ich mache Dein Leben zur Hölle.“ Armstrongs Anwalt Timothy Herman verurteilte das Vorgehen der Doping-Behörde in Bausch und Bogen. Die Usada habe eine vom „Steuerzahler finanzierte Hexenjagd“ unternommen. Die angeführten Belege seien "verfälscht", die Aussagen der Belastungszeugen seien durch „unlautere Geschäfte“ erzielt worden.

Einige der Profis bekamen nach ihrer Beichte sechsmonatige Sperren aufgebrummt, sie sind zur Tour de France 2013 wieder startklar. Hintergrund: Auf den Start bei dem Ausdauer-Wettbewerb hätte Armstrong verzichten müssen. Er ist auch dafür lebenslang gesperrt Armstrong selber will zur Sache nichts mehr sagen; nicht mal seinen Standard-Spruch, dass er niemals gedopt habe. Am vergangenen Sonntag, bei einem Benefiz-Triathlon zu Gunsten von Krebskranken vor den Toren von Washington, ließ er Journalisten weiträumig abwimmeln, nachdem er von seinen Töchtern begleitet über die Ziellinie trat. .

Dirk Hautkapp



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